„Oh, ich erinnere mich an deine Lektionen damals in Bari.“ Sie senkte ihre Stimme: „Luna, du sollst nicht tanzen, sondern kämpfen!“
Er nickte grinsend. „Dir fehlte die Kraft und Prinz Wilhelm die Eleganz.“
„Denkst du oft an ihn?“
„Es vergeht kein Tag. Gut, dass Kaiser Heinrich tot ist, ich hätte sonst keine Ruhe.“
Sie waren am Tor angekommen. Einer der Wachleute sah ihnen aufmerksam entgegen. Er würde Luna nicht ohne einen triftigen Grund ins Innere des Palazzos lassen.
Sie blieb stehen. „Sehen wir uns wieder?“
Florent überlegte kurz. „Morgen Mittag am Hafen? Dort, wo der Junge entwischte?“
„Einverstanden.“
Während er der Wache sein Anliegen erklärte, trat sie den Heimweg an. Ihr Weg führte sie zurück zum Basar, wo ihr Einkauf unterbrochen worden war. Sie suchte nach Anis, Kümmel, Piment und Safran, Gewürze, die sie nur bei den sarazenischen Händlern bekam. Von ihrem Ziehvater hatte sie arabisch gelernt, was beim Feilschen von Vorteil war. Sie schnupperte an den frischen Pimentdolden und begutachtete Safranfäden. Neben einem Bündel Kümmelstängel und einem Säckchen mit Anisfrüchten erstand sie noch eine Flasche Walnussöl und getrockneten Wermut. Bei einem Händler am Rande des Marktes fand sie hochwertigen Weihrauch, den sie nach kurzem Verhandeln zufrieden lächelnd in ihre Tasche schob.
Vom Basar aus gelangte sie in die breitere Straße der sizilianischen Kaufleute, sauber verputzte Häuser reckten hohe Giebel mit Fenstern aus buntem Glas gen Himmel. In den schattigen Hinterhöfen lauschten steinerne Engel dem plätschernden Wasser der Springbrunnen, streckten ihre weißen Arme gen Himmel oder lächelten still über Körben voll roter Geranien. Unter mannshohen Oleanderbüschen, deren Duft zwischen spitzbogigen Mauerdurchbrüchen herausströmte, rekelten sich träge Katzen.
Am Ende der Straße kam sie an zwei Häusern vorbei, deren Fenster mit Brettern vernagelt waren und deren Hofgärten verdorrt und stumm in der Sonne lagen. Von Lorna wusste sie, dass die Besitzer deutsche Kaufleute waren, die während der Herrschaft der Kaiserwitwe Konstanze vertrieben wurden. Nach Konstanzes Tod verlief die Ausweisung der Deutschen aufgrund der führerlosen und chaotischen Verwaltung im Sande. Einige der Adligen kamen zurück und nahmen klammheimlich ihre Güter wieder in Besitz, aber längst nicht alle. Palermo war ein brodelnder Kessel verschiedener Volksgruppen, Sarazenen, französische Adlige und Normannen, deutsche Ritter und einheimische Sizilianer. Die vier Erzbischöfe, die unter Walter von Pagliaras Vorsitz vom Papst eingesetzt worden waren, um bis zur Volljährigkeit des kleinen Königs über das Reich zu herrschen, sahen sich einer schier unlösbaren Aufgabe gegenüber: Sie mussten das Chaos regieren.
Die breite Straße der Kaufleute ging allmählich in das bescheidenere Viertel der Handwerker über. Kleinere Häuser, wenn auch sauber verputzt und mit ordentlich gestrichenen Haustüren, standen dichter und beugten sich über den Weg, als gelte es, einander die Stirn zu bieten. Luna bog in eine schmale Nebengasse ein, nach wenigen Schritten betrat sie ein geducktes einstöckiges Haus mit zwei kleinen Fenstern ohne Verglasung. Sie schob die Haustür mit der Schulter auf und die Lederscharniere knarrten leise, ein Laut, der ihr inzwischen vertraut war. Genau wie die brüchige Stimme, die aus dem dämmrigen Raum hinter dem schmalen Flur kam. „Luna? Endlich!“
„Ja. Es war viel los auf dem Basar. Stell dir vor, einer der Händler bot die Unze Weihrauch für dreißig Denar an. Er sagt, es käme aus einem Land hinter dem Morgenland.“
Aus einem Sessel in der Ecke neben dem Fenster, in dem Geranien üppig blühten, hob sich ein runzliges Gesicht. „Du klingst so fröhlich! Was ist passiert?“
Luna lachte und drückte der Frau den frischen Weihrauch in die Hand. „Ich habe jemanden getroffen. Einen jungen Mann, den ich von früher kenne.“
Die Alte befühlte mit ihren dunkel gefleckten Händen den Weihrauch. Sie schnüffelte daran und gluckste zufrieden.
„Florent war Wilhelms Lehrmeister im Schwertkampf. Manchmal musste ich gegen Wilhelm kämpfen.“ Sie nahm Lorna den Weihrauch ab und hängte ihn in der Ecke des Raumes an einen Haken. „Er soll den jungen König unterrichten. Das bedeutet, er wird in der Stadt bleiben. Morgen treffen wir uns am Hafen.“
Die Alte lachte trocken auf. „Da wird er Spaß haben.“
Luna sah sie verdutzt an. „Im Hafen?“
„Nein, mit dem kleinen König. An dem haben sich schon andere ihre Zähne ausgebissen.“ Sie kicherte schadenfroh.
„Woher weißt du das?“, fragte Luna.
„Jeder weiß das. Er terrorisiert die ganze Stadt mit seinen Dummheiten. Und niemand kann ihn bestrafen, denn er ist der König.“
„Wie alt mag er sein?“ Luna legte den Kopf in den Nacken und rechnete nach. An jenem Weihnachtsfest hatten sie hier in Palermo Heinrichs Krönung zum König von Sizilien gefeiert. Nur einen Tag danach wurde in Jesi sein Sohn geboren. Damals glaubte Heinrich, er habe das Glück für immer gepachtet. „Es ist sechs Jahre her. Was kann ein Junge von sechs Jahren schon anrichten?“
Lorna neigte den Kopf. Ihre blinden Augen rollten in den Höhlen hin und her. „Er zündet leerstehende Häuser an, angeblich, um zu sehen, wie sich das Feuer ausbreitet. Im Februar ist in der Gerbergasse eine ganze Häuserzeile abgebrannt. Nur mit Mühe konnten sich die Bewohner retten. Er fängt streunende Hunde ein und sperrt sie in einen Zwinger, um zu beobachten, wie sie sich zerfleischen. Er tötet Katzen und nimmt sie aus wie Hasen, um ihre Innereien zu erkunden. Er hat keine Achtung vor dem Leben.“
Luna bekam große Augen. Ein Sechsjähriger? Doch die Alte war noch nicht fertig. Obwohl sie nie aus dem Haus ging, wurde sie von Kunden und Nachbarinnen zuverlässig mit Neuigkeiten versorgt. „Erst heute früh verwüstete er den oberen Markt mit einer Bande von Straßenjungen. Einer lenkt die Händler ab, indem er alles umreißt, was ihm in den Weg kommt, die anderen klauen in der Zeit die Stände leer ...“
„Warte mal ...“, unterbrach sie Luna. Sie lachte ungläubig. „Federico? Er ist der König?“
„Ja, schon seit drei Jahren. Niemand kümmert sich um ihn, seit seine Mutter starb.“
Luna setzte sich auf einen Hocker. „Wir hatten den kleinen Übeltäter vorhin in unserer Gewalt.“
„Du und dieser Schwertkämpfer?“
„Ja, wir ahnten doch nicht, dass er der König ist.“ Luna sprang auf. „Ich muss Florent warnen. Federico wird eine Mordswut auf ihn haben. Das ist kein guter Start für einen Lehrmeister.“ Sie hielt inne und ließ sich wieder auf den Hocker fallen. „Es ist längst zu spät.“
„Er wird ihm schon nicht den Kopf abreißen.“ Lorna wedelte mit der Hand. „Jetzt ist es Zeit, an die Arbeit zu gehen. Ich habe drei Aufträge für Tinkturen und einen für eine Salbe gegen schrundige Haut. Die sollen noch heute geliefert werden. Und der Schuster braucht Theriak für seinen Sohn.“ Sie hob die Nase und schnüffelte. „Der frische Piment scheint hervorragend zu sein.“
„Ja, nicht wahr?“ Luna wandte sich dem Wandregal zu, wo sich Dutzende von Behältern und Flaschen aus dickwandigem Glas aneinanderreihten, alle mit beschrifteten Zetteln versehen. Unter dem hinteren Fenster stand ein stabiler Tisch mit Waage, Mörser und Stößel sowie verschieden großen Messlöffeln. Da die Geranien nicht genug Licht in den Raum ließen, zündete sie eine Öllampe an, bevor sie an die Arbeit ging.
Florent lief seit einer halben Stunde vor dem Kabinett des Erzbischofs auf und ab. Ein Schreiber trat zum wiederholten Male zur Tür heraus, eilte über den Flur davon, mal eine Treppe hinauf, mal eine hinunter. Kam er zurück, verschwand er schnell wie eine Maus, die eine Katze hinter sich weiß, und mied Florents Blick. Gerade als der sich vornahm, ihm beim nächsten Mal den Weg zu verstellen, um zu fragen, ob man ihn vergessen hätte, öffnete sich die hohe, reich verzierte Tür, und ein anderer Mann mit tintenverschmierten Fingern bat ihn herein.
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