„Luna“, murmelte der Kaiser erneut. Der Junge tastete sich am Schott entlang zur Koje. Das Fieber ließ die Stirn des Kranken glänzen, seine Lider flatterten. Er rief etwas in einer derben Sprache, womöglich deutsch. Plötzlich packte die Hand das Brett, mit dem die Koje eingefasst war, der schwere Ring schlug aufs Holz. Erschrocken trat der Junge einen Schritt zurück, gerade rechtzeitig, bevor der Kranke sich aufbäumte und grüne Galle spuckte.
Danach fiel er auf das Lager und keuchte: „Gütiger Gott, ...was verlangst du ... von mir?“ Es klang, als klebten die Worte auf seiner Zunge. „Willst du ein Gebet? Dann halt diesen Trog aufrecht, … damit ich … die Hände falten kann!“
Ein wütendes Fauchen des Sturmes war die Antwort und Gallonen von Meerwasser stürzten den Niedergang herab.
„Drei Schwestern, Majestät!“, rief der Junge. „Es sind immer drei, danach flaut der Sturm ab.“
Der Mann öffnete die Augen, sie hatten die Farbe von Brindisis Himmel im Frühjahr.
„Vielleicht kommt noch der kleine Bruder, aber der ist harmlos“, fügte der Junge hinzu. Der Kranke reagierte nicht. Er würde doch nicht sterben? Was würde der Kapitän mit ihm anstellen, wenn der Kaiser unter seiner Obhut starb? Behutsam stupste er die Schulter unter hellem Linnen an. „Majestät, hört Ihr? Das Wetter klingt ab.“
Polternd öffnete sich die Luke. Jemand stieg den Niedergang herab. Kühle, salzige Luft strömte herein und schob den Gestank beiseite. Ein Edelmann trat an die Koje. „Wie geht es Euch?“
„Beschissen, das könnt Ihr wörtlich nehmen.“ Der Kranke wollte sich aufrichten, sank aber kraftlos zurück.
„Der Sturm hat uns nach Westen abgetrieben, Otranto ist näher als Kreta. Wir sollten umkehren.“
„Seine Scheinheiligkeit wird mich exkommunizieren.“
„Besser vogelfrei als Fischfutter“, sagte der Mann. „Mehr als die Hälfte der Männer ist siech, etliche sind gestorben.“
Der Kaiser drehte den Kopf. „Ludwig?“
Der Edelmann beugte sich über die spitze weiße Nase. Seine Lippen wurden schmal.
„Gebt Befehl zur Umkehr!“, sagte der Kaiser. Und dann leise: „Ich hätte auf Luna hören sollen.“
Während im Unterdeck die Ruderer polternd die Riemen einlegten, winkte der Kranke dem Jungen. „Bring mir Wasser.“
Gehorsam füllte er aus einem Fass in der Ecke Trinkwasser in einen Becher. Nachdem er getrunken hatte, faltete der Kaiser die Hände. Der Stein saß wie ein kleiner grüner Frosch auf seiner Rechten. „Herr, ich nahm das Kreuz in deinem Namen und du wirfst mir Steine in den Weg?“
In der stinkenden Brühe stand der Schiffsjunge neben ihm, längst hätte er sie ausschöpfen sollen. „Majestät, weshalb wollt Ihr unbedingt in das Heilige Land?“
„Das ist eine lange Geschichte.“ Der Kaiser drehte den Ring an seinem Finger. „Als sie begann, war ich ungefähr so alt wie du.“
Palermo, Herbst anno 1201
„ Bald plagt mich der Deutsche,
bald verletzt mich der Toskaner,
bald quält mich der Sizilier ...“
Der junge Friedrich II. in einem Brief an die Fürsten des Reiches
Entsetzen stand in den Augen des Jungen, der Haken schlagend über den Basar rannte und im Vorüberlaufen am Korbmacherstand einen Stapel Füllkörbe umriss. Der beleibte Mann, der ihm dicht auf den Fersen war, schwang ein blankgeschliffenes Hackebeil, wie die Fleischer es verwenden, um Hammelhälften zu zerteilen. Sein Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran, dass er es benutzen würde, sollte er den Jungen einholen. An der Auslage eines Obststandes stieß der Flüchtende mehrere Kisten mit Zitronen um, die gelben Früchte rollten die abschüssige Gasse hinunter. Der Obsthändler kreischte wie ein Weib und schloss sich dem Beilschwinger an.
In einer Seitengasse, die vom Hafen kam und auf den Markt mündete, lehnte ein junger Edelmann an einer Hausecke. Von seinem Standpunkt aus hatte er einen guten Überblick über das Geschehen. Er sah, wie der Tuchhändler, auf dessen Stand der Flüchtende zusteuerte, sich breitbeinig vor seinen Stoffballen aufstellte, seine Fäuste schüttelte und schrie: „Diesmal kriegen wir dich, verdammter aleman !“. Zu seiner Rechten entdeckte der junge Beobachter eine Frau, die sich über die Auslagen eines Gewürzhändlers beugte, bis das Geschrei auch ihre Aufmerksamkeit weckte und sie sich aufrichtete. Sie trug Seidenhosen arabischer Machart, ein zarter Schleier verdeckte ihr Gesicht. Er runzelte die Stirn, denn ihre Gestalt und die Art, sich zu bewegen, kamen ihm vage bekannt vor. Der Junge rannte jetzt direkt auf sie zu, hinter sich eine ständig anwachsende Meute von Verfolgern. Die wütende Menge schrie aleman und maledetto und fuchtelte mit Messern, Stöcken und anderen gefährlichen Gegenständen. Da die Verfolger rollendem Obst und Scherbenhaufen ausweichen mussten, vergrößerte sich der Vorsprung des Flüchtenden. Der Gewürzhändler hinter dem Tresen stieß einen warnenden Ruf aus. Er schien zu überlegen, ob er seinen schwerfälligen Körper nach vorn bewegen sollte, doch der Junge war bereits heran. Die Frau mit dem Schleier öffnete die Arme, als wolle sie ihn auffangen, da schlug der Kleine einen sehenswerten Haken, wich nach links zwischen die Marktstände aus und rannte schnurstracks auf seinen heimlichen Beobachter zu. Überrascht schrie er auf, als dessen Arm hervorschnellte und ihn am Kragen packte. Dunkle Locken und knielange Hosen aus sizilianischer Wolle wiesen den erfolgreichen Häscher als Einheimischen aus. Der feine Stoff seiner Beinkleider und das helle Linnen des Hemdes ließen außerdem einen Mann von Stand erkennen. Das hielt die Menge ab, sofort über den Gefangenen herzufallen, der verbissen mit den Armen ruderte und nach hinten austrat. Nach einigen Augenblicken sprachlosen Staunens regte sich unter den Verfolgern Unruhe.
„Er gehört uns!“, rief der Korbhändler. „Gebt ihn heraus, den kleinen bastardo !“
„Was hat er getan?“, fragte der junge Mann.
„Er klaut mit seiner Diebesbande mehr, als er essen kann!“, schnaufte der Zitronenhändler.
Der Metzger drehte das Beil in der Hand und knurrte: „Was soll das Gerede? Es muss endlich ein Ende haben.“ Er fuhr mit dem Daumen über die blank geschliffene Klinge. „Ich kürze seine klebrigen Finger.“
„Er ist ein Kind, das seht ihr doch!“ Zum ersten Mal mischte sich die Frau mit dem Schleier ein.
Der junge Mann wandte überrascht den Kopf, als er ihre Stimme hörte. Ihr Oberkleid war aus teurem Damast gefertigt, vom Schnitt her allerdings längst aus der Mode. Hinter der zarten Seide des Schleiers schimmerte ihr Gesicht weiß wie Milch. Die Leute murmelten und tuschelten, kurz abgelenkt durch diese hellhäutige Frau.
Der Zitronenhändler kam endlich auf das dringende Anliegen zurück. Er deutete mit seinem langen Messer hinter sich. „Seht, was er angerichtet hat!“ Die beträchtliche Verwüstung zog sich durch die Marktgasse. „Das ist nicht das erste Mal. Wollt Ihr für den Schaden aufkommen?“ Sein Messer zeigte jetzt auf den jungen Mann, an dessen Arm der Gefangene zappelte.
Zustimmend knurrend rückten die Leute einen Schritt vor. Die Frau schlug ihren Schleier zurück. „Fasst ihn nicht an!“
„Luna?“, rief der Edelmann. Ihre ungewöhnlich hellen Augen forschten in seinem Gesicht. Dann hob sie die Hände. „Florent, du bist es!“
„Was wird nun?“, schrie der Zitronenhändler ungeduldig. „Gebt Ihr ihn freiwillig raus?“
„Diebe! Ladri !“ Unerwartet kam Bewegung in die Leute, als aus dem Zentrum des Marktes vereinzelte Rufe kamen. „Dort laufen die anderen! Schnappt sie euch!“
Ohne Zögern drehten die Händler um und rannten zurück zu ihren Ständen, die unbewacht in der Morgensonne lagen. „Schnell!“ Florent drängte sie in die Nebengasse, aus der er vor wenigen Minuten gekommen war. „Lasst uns verschwinden.“
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