Zwischen dem Treiben streunte, von den meisten Menschen unbeachtet, eine kleine Gruppe Schuljungen herum, die von einer Frau mit einem grauen Kopftuch begleitet wurden. Später konnte sich kaum einer an diese kleine Gruppe erinnern. Die Aufregung begann erst als sie schon lange wieder verschwunden war.
Der Besitzer des Kaufhauses kam um Punkt neun Uhr und wollte die große Doppeltür entriegeln. Doch schon im Näherkommen bemerkte er, dass sie scheinbar neu gestrichen worden war. Eine erkleckliche Menschenmenge hatte sich davor versammelt. Es war ungewöhnlich still. Als er seinen Schritt beschleunigte, da sah er, dass dies keine Farbe war, sondern die gesamte Türe von oben bis unten mit Papieren bepflastert war. Die Leute, die ihn kommen sahen, wichen stumm und feixend zur Seite und ließen ihn nach vorne durch.
Über das neue Schild, dass er gestern angebracht hatte – Kaufen Sie exotische südländische Lampen (elektrisch), jetzt neu im ersten Stock! – prangte eine andere Aufschrift: Die Schlafenden erwachen – Krieger für die Freiheit der Religion in Litho.
Doch damit nicht genug. Die Zettel tauchten den ganzen Morgen über an allen Stellen des Platzes auf. Zwischen den Hühnerkäfigen in Standreihe elf, in das Riemenzeug der Pferde gesteckt, in jeder Zeitung, die verkauft wurde und an den Rücken des Fischhändlers geklebt. Und jeder Windstoß fegte einen neuen Schwall der Zettel davon. Die Stadtwächter brauchten fünfzig Mann und bis zum Abend, um alle Zettel zu konfiszieren. Viele der Händler schienen keinen Finger rühren zu wollen, um ihnen dabei zu helfen. Der Skandal war ungeheuerlich und unaufhaltsam. Es war ein Tag wie kein anderer.
Mit einem Hochgefühl in der Brust verließ Frida am Abend ihre Wohnung. In dieser Nacht sollte ihre Schreibmaschine stillstehen. Heute Abend wollte sie David treffen.
Frida ging etwa zehn Minuten und gelangte an ein Haus in einer staubigen, ungepflasterten Straße. Über dem Hauseingang waren die abgeblätterten Buchstaben zu lesen: Warenladen Kirsch & Sohn . In den Fenstern klebten bunte Plakate, dahinter waren die Vorhänge geschlossen. Frida öffnete die Tür und trat ein.
Sie stand in einem schäbigen, kleinen Ladenlokal, das keines mehr war. In dem Raum drängelten aufgeregte Männer, Frauen und Kinder auf den Tresen zu. Die Wände waren bestückt mit Kleiderhaken, an denen braune und graue Mänteln hingen. Davor standen Burschen mit löchrigen Mützen, die hie und da Worte in die Menge riefen und Leuten gegen Geld die Mäntel abnahmen. Verträumt wanderten Fridas Augen herum. Die Schaufenster waren mit schweren schwarzen Vorhängen verhüllt. An der Decke thronte ein verstaubter Kristallleuchter. Nahezu alle Männer rauchten Zigaretten und die Luft war schwer und vernebelt. Fridas Blick fiel auf ein Plakat, das achtlos an eine große Staffelei neben dem Eingang genagelt worden war. Die schlampig verschnörkelten Buchstaben verkündeten:
Willkommen im Kinematographen „Haus Ronyane“ (Litho-U.)!
Frida schlängelte sich geschickt seitwärts an der Menge vorbei vor an die Theke. Dort stand eine dicke Frau mit noch dunklerer Haut als Frida und schwarzem Haar. Sie trug weite, pfirsichfarbene Kleider und war trotz des Chaos um sie herum gelassen und fröhlich. Als sie Frida entdeckte, blitzen ihre Augen kurz auf und sie ging, die anderen Kunden nicht mehr beachtend, auf Frida zu. Frida legte ihre Arme auf das zerschlissene Holz und beugte sich weit nach vorne, damit die Frau die verstehen konnte.
„N‘abend, Canan. Zehn Uhr dreißig, ein Platz auf der richtigen Seite für eineinhalb Stunden, bitte.“
Die Frau lächelte, griff in die Tasche, die sie um die Hüften geschnallt hatte und kramte einen roten, handgeschriebenen Nummernzettel hervor.
„Schön, dich mal wieder zu sehen, Frida. Wie geht’s Jon?“
Frida zuckte zusammen und spürte ihr Hochgefühl wegfliegen. Den ganzen Tag hatte sie den Gedanken an ihren Vater vermieden. Sie zuckte mit den Schultern, legte drei Münzen auf den Tresen, griff den Nummernzettel und richtete sich kerzengerade auf.
„Viel Spaß mit den bewegten Bildern.“ Canan blinzelte und fügte leiser hinzu: „Und viel Glück mit… deinen weiteren… Aktionen.“
Frida starrte sie mit offenem Mund an, doch Canan drehte sich zu ihrer schreienden Kundschaft um und begann, mit einer Familie zur Rechten zu reden.
Als Frida unsanft in den Rücken gestoßen wurde, machte sie, dass sie davonkam, am Tresen vorbei und durch eine klapprige Holztür. Es war doch nicht zu glauben, dass Canan Ronyane immer mehr wusste als der Rest der Unterstadt
Frida betrat einen tunnelartigen, dunklen Raum. Die Luft, die ihr entgegenschlug war so schlecht, dass ihr schwindelig wurde. Der Raum war voller Menschen. Stimmengewirr, Klaviermusik und lautes Lachen dröhnte in ihren Ohren. Links und rechts standen Reihen voller Klappstühle, die alle besetzt waren. In der Mitte des Raumes war ein großes, weißes Laken aufgespannt, dass an einer Stange hing, die mit Seilen am Dachgebälk befestigt waren. Frida steuerte direkt auf die Leinwand zu. Vorne stand eine kleine, dürre Frau, die Frida mühelos als die Witwe des Schuhmachers Graav erkannte. Ohne dass auch nur ein Ton in dem allgemeinen Lärm auszumachen war sah es so aus als schreie sie sich die Seele aus dem Leib. Als Frida näherkam, konnte sie die krähenartige Stimme verstehen.
„Nummer dreiundzwanzig bis siebenundsechzig verlassen jetzt bitte das Lichtspielhaus, ihre Zeit ist um! Zum Dogan noch mal! Raus, raus!“
Als Antwort erhielt sie nur heiseres Gelächter, ein Glas flog in hohem Bogen durch die Luft und verfehlte die rechte Schläfe der alten Frau nur um einen Fingerbreit. Frida schlug einen Bogen um sie und trat links an der Leinwand vorbei. Die Rückseite des Raumes schien wie ein absolut identisches Spiegelbild der Vorderseite. Auch hier waren Klappstühle aufgereiht, der Rückseite der Leinwand zugerichtet. Auch hier war es laut, nur mit dem Unterschied, dass etwas weniger Besucher auf dieser Seite saßen. Frida streunte durch die Reihen und ließ sich schließlich weit hinten am Innengang nieder. Nur wenige Meter hinter ihr stand der massive Filmprojektor, an dem gerade ein alter, aber muskelbepackter Mann mit einer dicken Zigarre im Mund herumwerkelte. Viele Stühle um Frida herum waren leer und sie begriff wieder einmal, wie viel Glück sie hatte, genug Geld für die richtige Seite zu besitzen. Die Menschen hinter der Leinwand würden den Film nur verkehrt herum sehen können.
Plötzlich johlte die Menge auf der anderen Seite auf und Frida beobachtete, wie zwei Männer (wahrscheinlich die Musiker) aufgestanden waren und sich nervös mehrfach Richtung Publikum verneigten. Dann traten die beiden hinter die Leinwand und Frida erhaschte einen Blick auf einen Mann mit langen Beinen, der einen geflickten Frack trug und einen kleinen Übergewichtigen, der gelangweilt hinter ihm her trottete. Wahrscheinlich hatte er den Film allein an diesem Tag schon zehnmal gesehen und dazu gespielt, seine Arbeit schien ihn nicht mehr begeistern zu können. Er trat an die Seite und setzte sich an ein schwarzes Klavier, der Lange gesellte sich zu ihm und hob eine Geige auf, die an der Wand gelehnt hatte. Sie tauschten gereizte Blicke mit dem Alten am Projektor, der wüste Gesten mit der Hand machte.
„Fangt aaan!“, brüllte ein Junge ein paar Reihen vor Frida. Im nebligen Halbdunkel erkannte sie einen neunjährigen Taschendieb aus ihrer Straße. Er schwenkte einen großen Krug Bier und stieß damit ständig gegen den Arm seiner zwölfjährigen Schwester, die mit einer heruntergebrannten Zigarette zwischen den Fingern auf die Leinwand gaffte. Frida registrierte zufrieden, dass beide von dem großen Schild Kinder unter 14 verboten keine Notiz genommen hatten. Sie dachte an ihre eigene Kindheit in den dunkelsten und schmutzigsten Gassen von Litho-Unterstadt zurück. Sie hatte ein Leben geführt, in dem jeder Tag ein neuer Kampf war. An dem sie nicht der Schwächere sein durfte, egal was kam. In dem alles, was sie in ihrem Leben erreichen konnte davon abhing, wie viele andere Kinder ihren Namen mit Angst aussprachen. Gerade für ein Mädchen wie Frida war das wichtig, wenn man sich nicht auf außergewöhnliche Schönheit verlassen konnte um das Leben angenehm geregelt zu kriegen. Aber Frida war stark und mutig gewesen, ihr Faustschlag der Härteste im Viertel. Eigentlich, so dachte sie, hatte das Leben früher auch gute Seiten gehabt. Zum Beispiel die Erfindung der bewegten Bilder. Die Jagd nach gedankenlosen Oberstädtern. Oder nächtliche Bandenkriege um einen halbverrosteten Generator.
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