Aki stützte sich mit einem Arm auf dem Tisch ab, mit dem anderen rieb er seine schmerzende Kehle. Er konnte kaum schlucken und ein grässlicher Hustenreiz juckte ihn im Hals. Der Mann, Saleh, ein Berg von einem Südländer, ließ von Esra ab und streckte Aki eine Hand hin.
„Tut mir leid, mein Freund. Ich habe Falsches gedacht.“
Wütend, mit tränenden Augen wandte Aki sich ab und hustete.
„Oh Dogan“, sagte Saleh entschuldigend. „Das war meine Schuld. Besser, du gehst nach Hause, mein Freund und vergisst das alles. Du darfst diesem Mädchen kein Wort glauben.“
„Nein!“, Esra warf sich vor die Tür. „Wenn du ihn wegschickst, rede ich nie mehr ein Wort mit dir, nie mehr, bis an dein Lebensende und deine Asche wird in den Abfluss fließen! Dogan verfluche dich, Saleh! Er ist meine einzige Chance!“
Verdutzt strich Saleh über seinen kurzen, dichten Bart und schüttelte den Kopf. Zu Aki, der allmählich wieder Luft bekam, sagte er:
„Sie ist ein dummes Kind, weißt du, besessen von Magie aber sonst ganz in Ordnung.“
Er seufzte. „Vielleicht kann ich dir einen Vorschlag machen, mein Freund. Du siehst verhungert aus. Komm mit uns Abendessen, damit ich das gut machen kann. Und so macht auch Esra keinen Aufstand. Wir können deine Kleider trocknen“, fügte er mit einem Blick auf Akis Beutel hinzu. „Und ich stelle dich später Herrn Andelin vor.“
Aki zog eine Grimasse. Es gab nicht viele Dinge, die er weniger wollte als länger mit diesen Beiden in einem Raum zu sein. Saleh indessen hatte nachdenklich Aki, Akis Beutel und Esra betrachtet, die mit ausgebreiteten Armen vor der Tür stand, heftig atmend. Sein Gesichtsausdruck als er Esra ansah wurde sanft, nachgiebig. Für einen Augenblick schien er sich angestrengt zu besinnen.
„Man sieht, dass du ein Graufell bist“, sagte Saleh plötzlich. „Suchst du vielleicht Arbeit? Oder etwas Anderes? Ausweispapiere? Es würde sich für dich lohnen, Herrn Andelin kennen zu lernen. Man sagt, dass er alles für dich finden kann, egal was es ist.“
„Alles?“, fragte Aki nach einigen Sekunden des Schweigens langsam.
Der Laden von Andelin Novac war in Govina bekannt. Andelin bewohnte ein Haus im fünften Stockwerk direkt unter dem Dach. Man erreichte ihn vom Hause Liga in weniger als zehn Minuten. Es genügte, zwei weitere Brücken zu überqueren, eine Treppe hinauf. Die Tür zu seinem Laden war rot gestrichen und ein kleines goldenes Schild begrüßte den Besucher: Konsum und Antiquitäten Andelin Novac, Öffnungszeiten 7 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, Willkommen .
In Govina sagte man sich, dass man alles bei ihm finden konnte was man sich wünschte. Und wenn etwas nicht verfügbar war, dann besorgte Herr Andelin das Gewünschte in weniger als drei Tagen, auch seltene Stücke aus Süd- und Nordland. Herr Andelin hatte zwei Mitarbeiter, die für ihn verkauften, seine Regale in Ordnung hielten und Buch führten. Es waren ein Mädchen namens Esra und ein Mann, der hieß Saleh.
Soweit man wusste lebten sie bei Herrn Andelin. Neben seiner Kammer im Dachgeschoss. Angeblich waren sie früher einmal Graufelle gewesen, die Herr Andelin von der Straße holte als er noch Falkenaut im Tempel war. Doch das waren nur Gerüchte und denen schenkte keiner Beachtung.
Aki, Saleh und Esra stiegen die Treppe hinauf und Saleh sagte: „Herr Andelin hat bis neun Uhr ein Geschäft abzuwickeln. Besser, wir stören ihn nicht. Gehen wir gleich hinten hinauf, dann kann Aki seinen Beutel abstellen.“
Und die Drei gingen an der Tür vorbei. Eine kleine Feuerleiter reichte von der hölzernen Ebene vor dem Laden weg, kroch am Haus entlang und endete scheinbar sinnlos in der Luft. Esra kletterte behände auf die Leiter und verschwand nach kurzer Zeit im Dach des Hauses.
„Geh du zuerst“, sagte Saleh zu Aki.
Zittrig zog sich Aki auf die Feuerleiter. Unter ihm, weit unter ihm war die Straße, in der sich viele Menschen drängten. Sofort bekam er ein flaues Gefühl im Magen und schwitzige Hände.
„Komm schon!“
Esras Kopf tauchte aus dem Dach auf und er sah das große Loch unter den Ziegeln, wo sie hineingeklettert war. Sie streckte eine Hand aus und half ihm. Dann stand Aki in dem wunderlichsten Zimmer, das er jemals gesehen hatte. Saleh und Esra bewohnten, treffend gesagt, das Dach des Hauses. Über seinem Kopf und schräg zur Seite waren die Dachziegel. An den schweren Dachbalken hingen Kleider und Zettel. An Nägeln, die in die Balken hineingeschlagen wurden, waren Taschen, eine Öllampe und Werkzeug befestigt.
„Das da ist meine Ecke.“ Esra wies nach links auf einen Platz zwischen dem Dach und der eigentlichen Hauswand, wo ein Haufen Decken und Kissen sich türmten. Auf einer Kiste stand eine heruntergetropfte Kerze im Halter und daneben lag ein Stapel Bücher. Ein halbgegessener Apfel vertrocknete friedlich auf dem obersten Buch. An einem Balken daneben waren in einem wilden Durcheinander Zeitungsausschnitte geheftet, die man vom Bett aus betrachten konnte. Auf der rechten Seite lag eine Matratze mit Leinendecke, halb verhängt von einem bunten Tuch, wie Aki es aus den südländischen Stoffläden kannte. Eine Landkarte von Asthenos war auf dem Boden ausgebreitet, in der Punkte mit Farbe markiert worden waren. Auf einem silberüberzogenen Tablett lag eine Pfeife, daneben Bücher in der Sprache des Südlandes.
„Hier schlafe ich“, erklärte Saleh, der hinter Aki hereingeklettert war. Staunend betrachtete Aki den Raum. Es roch nach Apfel, Zimt und etwas Würzigem, das Aki nicht einordnen konnte. Saleh, der große Südländer, hatte sich auf der Matratze niedergelassen. Nachdenklich betrachtete Aki ihn. Etwas in seinem Ausdruck erinnerte Aki an die fahrenden Schausteller aus Pion, die manchmal nach Jordengard gekommen waren. Er sah Aki gerade und mit klarem Blick in die Augen. Sein kurzer, schwarzer Bart war ebenso sauber nach der Art der Schausteller geschoren. Er trug darüber einen kunstvollen, langen Schnauzer. Ein schmaler Bartstreifen zog sich um das Kinn und die Kiefer hinauf bis zum Haaransatz. Seine Kleider waren nach neu-acalanischer und nicht nach südländischer Art. War er ein Südländer oder doch Lithoaner? Aki war sich nicht sicher.
Esra stand stolz und lauernd neben ihm. Die beiden hätten Geschwister sein mögen, doch Aki wurde den Eindruck nicht los, dass sie beide in ihrer neu-acalanischen, trüb-gräulichen Gewandung wie verkleidet aussahen. Er dachte sich die bunten, verzierten und bestickten Kleider des Südlandes. Der verwahrloste Dachboden schien nicht die richtige Umgebung für diese beiden ungewöhnlichen Menschen zu sein. Seine Wut auf die beiden war verflogen, so schnell wie ein Flügelschlag.
„Was macht ihr denn im Winter?“, wollte Aki wissen, das große Loch im Dach im Blick.
„Im Winter ziehen wir in die Vorratskammer neben Andelins Zimmer. Dann werden die Sachen zum Kühlen hergebracht und wir tragen unsere Habseligkeiten rein. Im Sommer ist’s hier aber sehr schön!“, sagte Esra.
„Wenn es kalt ist, schlafen wir auch bei Andelin auf dem Boden, er hat einen Ofen. Zum Glück kommt das aber nicht oft vor“, kam es von Saleh.
„Ja, er schnarcht ganz fürchterlich!“, klagte Esra.
„Und…“, verwirrt griff Aki nach einem Fernglas, das an einer Schnur vom Dachbalken herabhing. „Wieso nehmt ihr euch nicht eigene Kammern? Bezahlt er euch nicht?“
Esra lachte nachsichtig. „Doch, sogar gut. Aber versuch mal, in Govina eine Kammer zu mieten! Die meisten Leute schlafen direkt in dem Raum, in dem sie auch arbeiten. Wir leben ja schon beinahe wie die Oberstädter hier.“
„Andelin zahlt uns außerdem das Essen, Kleider und die Schmiergelder an die Stadtwache. Wir sind nicht gemeldet in Litho, wir zahlen keine Steuern. Eigentlich… sind wir wie du, mein Freund, nur haben wir mehr Glück gehabt.“
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