„Gnä‘ Weiber und sonstiches Gesindel, hier präsentiere ich Ihnen die neueste und allerwunderlichste Erfindung unserer Maschinenfabriken, ein Stoff, der gar keiner is‘, eine Substanz so wandlungsfähich wie die Kleider der gnä‘ Eheweiber aus der Oberstadt, in seiner Wirkung scheinbar gar nich‘ da, durchsichtich wie der Aphel an der Quelle im Perihel. Aber nich‘ flüssich, sondern erstarrt und glatt wie Eis. N‘ Stoff, den Se in der Natur und an der Haut keines Tieres nich‘ wiederfinden werden, is‘ er von unseren Maschinen erschaffen und kann in jede beliebiche Form gepresst und gegossen werd‘n. Und wie ist der Name von ebendessen jenem neuen Wunderstoff? Die Wissenschaft nennt ihn – Plastich!“
Kreischender Beifall erhob sich. Sodann schritt der Anpreiser zu dem nackten Mann, dessen weiße Haut an den empfindlichen Stellen schon rot wurde, weil die Sonne ungehindert auf ihn niederbrannte. Als ob er einen Verband an einen Verwundeten anlegen wollte, begann der Anpreiser, den Nackten in das Plastik einzuwickeln. Rundherum um den Leib, die Arme an den Körper gepresst, die Beine zusammengebunden. Schon bald begann der arme Mann zu schwitzen und zu taumeln. Er erweckte den Anschein einer glänzenden, wässrigen Presswurst. Der Kopf lief puterrot an. Unter dem Gelächter der Zuschauer fiel er bald um wie ein gefällter Baum und rollte einige Schritte zur Seite.
„Auswickeln, auswickeln!“, intonierten da die ersten und einige Burschen packten den Schausteller, um ihm beim Ausrollen einen gehörigen Drehwurm zu verpassen.
Aki wandte sich ab und ging weiter die Straße hinunter. Er wusste nicht, was er tun sollte. Zunächst galt es, mögliche Verfolger abzuschütteln. Er brauchte einen sicheren Schlafplatz, Essen. Er musste sein Aussehen verändern und sich einen Umhang besorgen oder etwas in der Art. Und dann Raik suchen. Genau an diesem Punkt verschwammen seine Überlegungen im Nebel. Wie nur? Wo mit der Suche beginnen? Oder sollte er sich lieber an den Kerl mit den Tätowierungen halten? Nein, er wusste es nicht. Noch nicht.
Bald erreichte er einen engen Kanal, der vom Aphel abgeleitet wurde. Etwa zwei Meter über dem Wasser erhob sich eine schmale Brücke aus Stein. Links und rechts gab es kein Geländer. Die Fußgänger drängten sich in einem Pulk durch die Mitte, bemüht, nicht in die Nähe des Randes zu kommen. Aki wurde von einem alten Mann energisch an die Seite gedrängt. Aus den Augenwinkeln nahm Aki ein Mädchen wahr, das mit dem Rücken zu den Passanten am äußersten Rand der Brücke stand und offenbar in das Wasser zu ihren Füßen starrte. Aki wurde weiter auf sie zu geschoben. Er lehnte sich weit in die Mitte der Brücke, drückte sich, so gut er konnte, gegen den alten Mann, um nicht mit dem Mädchen zusammenzustoßen. Er ging an ihr vorbei, zwischen ihrem Rücken und seinem Ellbogen zwei Handbreit Platz. Aki berührte sie nicht. Für einen kurzen Augenblick war er sich sicher, dass er unbeschadet an ihr vorbeigekommen war. Aki erstarrte, als sie einen schrillen, überraschten Schrei ausstieß, mit den Armen ruderte und kopfüber mit einem lauten Platsch in das Wasser fiel. Jeder auf der Brücke blieb stehen. Einige traten an den Rand und sahen hinunter. Von dort, wo das Mädchen in das Wasser eingetaucht war, waberten große wellige Kreise bis an die Kanalwände. Fassungslos stand Aki da. Und spürte den Blick des alten Mannes im Rücken. Rasch wandte er den Kopf. Der alte Mann starrte wiederum Aki an und nach einigen Sekunden der erwartungsvollen, angespannten Stille erhob sich seine Stimme anklagend. Den Finger auf Aki gerichtet schrie er: „Du! Du hast sie gestoßen!“
Alle Köpfe wandten sich zu Aki. Augenpaare verengten sich und feindseliges Geflüster ertönte.
„Ich? Was… nein, ich habe nicht…“, stammelte Aki. Zwei Burschen traten drohend einen Schritt auf ihn zu. Verzweifelt ging Aki in die Knie und starrte in den Kanal. Das Mädchen war nicht aufgetaucht.
„Mörder!“, kreischte eine Stimme hinter ihm.
„Warum tut denn keiner was?“, polterte der alte Mann. „Fasst ihn!“
Fasst ihn , dachte Aki erzürnt, ist das das Einzige, was euch einfällt? Ich habe da eine bessere Idee.
Und mit diesem Gedanken sprang Aki von der Brücke, dem Mädchen hinterher. Das Wasser verschlang ihn und als er eingetaucht war, erschlug ihn die Kälte des Kanals, flutete schmerzhaft in seinen Kopf und presste die Luft aus seiner Lunge. Eine klare Erkenntnis drang sich ihm auf: Wer nicht zufällig am Wasser aufgewachsen ist, kann nicht gut schwimmen. Aki hatte noch niemals größere Gewässer aus der Nähe gesehen. Er strampelte verzweifelt mit den Beinen und fühlte, dass er immer noch seinen Beutel um die Schulter geschnallt hatte. Der ihn rückwärts hinunter. Aki kämpfte mit den Riemen, trat wild um sich, um an die Oberfläche zu kommen. Die Kälte machte es ihm unmöglich, seine Finger richtig zu bewegen. Er schaffte es nicht, den Beutel abzustreifen. Er würde ertrinken, hier in diesem verdammten Kanal. Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen.
Eine kalte Hand berührte Akis Kopf, tastete über seine Haare, suchte und fand den Beutel. Mit einer unbeschreiblichen Wucht wurde er nach oben gezogen. Sein Kopf durchbrach die Oberfläche und der erste Atemzug kam fast wie ein Schrei von seinen Lippen. Hustend und keuchend ruderte er mit den Armen, suchte Halt. Jemand hielt ihn mit Gewalt an der Oberfläche.
„Alles in Ordnung! Mir geht’s gut! War nicht seine Schuld!“, schrie jemand neben ihm. Und da sah er den Arm, der seinen Beutel gepackt hielt und das Mädchen, das am Ende des Armes schwamm, mit der freien Hand ruhige Halbkreise rudernd. Dunkle Haarsträhnen klebten in ihrem Gesicht. Dann schwamm sie weiter, Aki fest umklammernd, bis an den Rand des Kanals. Eingemauerte Stahlringe bildeten eine Treppe nach oben. Sie schob Aki dort hin. Er griff nach dem ersten Ring und zog sich hoch, während das Mädchen mühelos seinen Beutel hinter ihm herschob.
„Los, mach schneller. Mir ist kalt!“, rief sie.
Mit zitternden Fingern und steifen Knien quälte sich Aki die provisorische Treppe hinauf und brach, als er oben angelangt war, auf dem Boden zusammen. Das Mädchen folgte ihm.
„Ich war’s nicht“, waren die ersten Worte, die Aki herauspresste, mit dem Gesicht auf den schmutzigen Steinen. „Habe dich nicht gestoßen, ehrlich nicht.“
Er richtete sich auf. Das Mädchen saß neben ihm auf den Boden und wrang ihre dunklen Haare aus, die, wie Aki jetzt sah, bis zu ihrem Bauch reichten. Sie war dunkel und mochte aus dem Südland stammen.
„Weiß schon“, sagte sie, ihn nicht aus den Augen lassend. Ihr Blick taxierte ihn und es schien, als könne sie nicht begreifen, was sie sah. Das lange, ausgeblichene Gewand klebte an ihr und von der schwarzen Strickjacke, die sie darüber trug tropfte es geräuschvoll auf den Boden.
„Gestoßen hast du mich nicht.“
Sie sagte das so, als möge sie es nicht gerne zugeben oder als zweifelte sie daran. „Wer bist du?“, fragte sie.
Verwirrt sah Aki sich um. Die meisten Menschen auf der Brücke waren weitergegangen, ein paar standen noch da und sahen herüber, zeigten auf ihn.
„Aki… Aki aus Jordengard. Genannt Wegemeistersohn“, flüsterte er. Das Mädchen riss die Augen weit auf und nickte mehrmals in sich versunken.
„Du… mit dir alles in Ordnung?“, fragte er.
Belustigt nickte sie wieder. Dann legte sie den Kopf zur Seite als wolle sie ihn aus einer anderen Perspektive betrachten. Aki fühlte sich nass, kalt, ungerecht behandelt und zunehmend ungeduldiger.
„Ja… ja…“, stammelte er. „Dann geh ich mal weiter, wie?“
„Was?“, fragte sie, als hätte sie nicht zugehört. „Nein!“
„Wieso nicht?“
Ihre Augen waren weit aufgerissen, die Augenbrauen bildeten eine gerade Linie. Stumm saß sie da wie jemand, der nicht fassen konnte, was vor sich ging.
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