„Es ist…“ Esra grübelte. „Ein Ort für Menschen, die Dinge tun, die besser niemand erfahren soll. Eine Menge Unterstädter kommen hier her. Das Besondere an diesem Raum hier ist, dass dich niemand belauschen kann. Unter keinen Umständen. Was hier geschieht, bleibt auch hier, wie man so sagt. Kein Laut dringt nach draußen. Du könntest fünfzig Graufelle das Lied Bettler Gabo brüllen und im Takt auf Pauken schlagen lassen, kein Mensch würde etwas davon mitbekommen. Hier werden geheime Vereinbarungen getroffen und fragwürdige Geschäfte abgewickelt. Hier geschieht, was die Stadtwächter und die Falkenauten nichts angeht.“
„Und warum sind wir hier?“
„Weil… Ach Dogan, ich weiß nicht wie ich anfangen soll!“
Esra warf die Arme hoch, verschränkte sie hinter ihrem Nacken und blickte Aki direkt in die zusammengekniffenen Augen. Sie wirkte aufgeregt.
„Kennst du das, wenn du dein Leben lang auf eine bestimmte Gelegenheit gewartet hast und dann ist es soweit und du weißt zum Dogan nicht, wie du es am besten anpackst, ohne was kaputt zu machen?“
Aki schwieg. Er begriff nicht, was das Mädchen meinte. Trotz allem war er neugierig. Sie hatte wieder begonnen, vor ihm hin und her zu tigern. Ein lauernder, zurückhaltender Tanz.
„Gut oder nicht…“ Sie rieb sich in einer Geste der Unsicherheit die hohe Stirn. „Ich muss irgendwo anfangen. Würdest du sagen, dass dir in letzter Zeit in deinem Leben ein paar eigenartige Dinge passiert sind?“
Aki zog die Augenbrauen hoch. „Tja, ja, das könnte man schon sagen…“
Und du bist definitiv eines davon , dachte er.
„Vielleicht auch Dinge, die gefährlich waren und dich fast umgebracht hätten?“
„Hm, ja…“
Esra nickte versunken, zufrieden.
„Die nächste Frage ist wichtig, denk gut drüber nach. Hattest du in letzter Zeit einmal das eigentümliche Gefühl, dass irgendetwas oder irgendjemand dicht hinter dir geflüstert hat, ohne dass wirklich jemand da war?“
„Ähm.“
Das ist verrückt , dachte Aki. Und er dachte kurz an die Sekunden, nachdem er damals seine Wohnung verlassen hatte. Als er fortging und knapp den bewaffneten Fremden entkommen war. Dieses Flüstern und ein starker Windstoß im Treppenhaus.
„Vielleicht habe ich das“, sagte Aki vorsichtig.
„Ja… ich wusste es.“
Ihre schwarzen, unergründlichen Südlandaugen blitzten und funkelten wie ein Sommergewitter. Sie sah ihn kurz aus den Augenwinkeln und sagte: „Ich erzähl dir mal was. Musst mir nicht glauben… ach was, das tust du eh nicht. Aber hör’s dir mal an, ja? Nur… nur zuhören.“
Aki rieb sich resigniert den Nasenrücken.
„Fein, danke… Du bist nicht gläubig oder? Nein, du siehst nicht so aus. Das ist gut. Denn es ist so…“ Sie holte tief Luft. „Es gibt da eine Geschichte. Teile davon stehen im heiligen Buch Ga’an. Die Geschichte sagt, dass alle Dinge, die geschehen, von irgendetwas… angestoßen worden sind. Für alles, was passiert gibt es eine Ursache. Einen Anfang. Es heißt, wenn etwas angestoßen wurde dann bildet die Kette der Ereignisse, die daraufhin folgen, einen Pfad in der Zeit. Soviel sagt das Buch Ga’an. Das Buch Do’on sagt aber mehr.“
„Es gibt kein Buch Do’on!“, unterbrach Aki das Mädchen.
Ungeduldig winkte Esra ab. „Ja, nicht mehr. Es wurde vernichtet. Aber weißt du, Menschen haben einen Hang dazu, alte Geschichten zu erzählen, vor allem Großmütter und Großväter. Legenden, mit denen sie groß geworden sind. Ich glaube, dass Teile vom Buch Do’on noch immer in den Köpfen herumgeistern, nur weiß keiner mehr so genau, dass sie wirklich aus dem Buch Do’on sind. Man findet sie in Liedern, Gedichten oder… in Kinderreimen.“
Sie machte eine kurze Pause. Da Aki nichts erwiderte, erzählte sie weiter.
„Es gibt da eine Legende aus dem Nordland. Und die sagt, dass manchmal Dinge auf der Erde angestoßen werden, die einen auffälligen Pfad in die Zeit graben. Es heißt, dass diese Pfade oder Ereignisse von heiligen Wesen angestoßen werden. Es sind… ihre Spuren.“
Esra warf Aki einen schnellen, ängstlichen Blick zu, der keine Regung zeigte. „Was aber wirklich, wirklich interessant an der Legende ist… es heißt, dass Menschen, die auf einen solchen Pfad stoßen, ihn streifen oder betreten und Teil der angestoßenen Ereignisse werden, dass diese Menschen es deutlich spüren können. Im Nordland nennt man ihn den Weg der dunklen Königin .“
Ein Schimmer des Erinnerns verunsicherte Aki. Der Weg der dunklen Königin , das hatte er schon einmal gehört. Als er klein war. Aber von wem?
„Als du vorhin an mir vorbeigegangen bist, da hast du mich nicht gestoßen. Du hast mich gar nicht berührt. Und ich habe dich nicht gesehen. Aber… ich habe dich gefühlt. Du hast… ich weiß nicht, es war wie eine Sturmbö. Es hat mir die Haare ins Gesicht geweht. Und dann hörte ich ein Flüstern, genau an meinem Ohr. Ich bin so erschrocken. Und da habe ich das Gleichgewicht verloren.“
„Was? Ich habe Wind gemacht? Was soll das denn heißen?“
„Natürlich hast du nicht wirklich Wind gemacht.“ Esra blinzelte, schien nach Worten zu ringen. „Ich weiß nicht wie ich’s sonst sagen soll. Aber ich habe es gespürt. Und als ich im Wasser war, da habe ich gewusst was es ist. Oh Dogan, ich habe so ewig darauf gewartet, du kannst dir nicht vorstellen, wie lange! Schon mein ganzes Leben habe ich nach einer Spur gesucht und hier ist sie, hier sitzt sie, genau vor mir! Und was sagst du mir? Dass du ein Wegemeister bist! Das klingt nach einer Spur!“
Ihre Stimme war jetzt laut, hektisch und überschlug sich. Aki neigte sich zurück als fürchtete er, von ihr angefallen zu werden. „Nach einer Spur von was?“
Bebend sagte Esra: „Nach einer Spur von Magie, natürlich.“
Aki wagte nicht, sich zu rühren. Er fühlte, wie sich die feinen Härchen in seinem Nacken sträubten. Und dann hörte er das Schloss klicken. Jemand öffnete die Türe, doch die versprochene Stunde war noch nicht um. Esra schrie, machte einen Satz zur Seite und riss den Hocker zu Boden. Sekunden später stürmte ein bärtiger Mann in den Raum, breit und bullig, schwarzes kurzes Haar und offenbar zu allem bereit.
„ESRA!“, brüllte er. „WAS GEHT HIER VOR?“
Zielsicher griff er nach Akis Kehle und zerrte ihn hoch. Akis Luftröhre quetschte sich zusammen und er röchelte, die Hände hilflos an den Armen des Mannes.
„Nein! Nein, lass ihn, lass ihn heil! Ich brauche ihn!“, kreischte Esra, sprang dem Mann auf den Rücken und packte seine Arme.
„WAS REDEST DU?“
„Er wandelt auf dem Weg der dunklen Königin, verstehst du?“
Etwas Seltsames geschah mit dem Gesicht des Mannes. Die wilden, wütenden Züge erschlafften und fielen in sich zusammen. Für einen Augenblick war sein Gesicht leer. Da löste er die Hände von Aki, der keuchend gegen den Tisch krachte.
„Oh Dogan, bitte nicht schon wieder!“, stöhnte der Mann.
„Nein, du verstehst nicht, diesmal ist es wirklich wahr! Ich bin mir absolut sicher!“, rief Esra.
Der Mann schüttelte sie wie eine lästige Fliege von seinen Schultern. „Du bist dir immer absolut sicher ! Verdammter Dogan, wann hört dieser Mist nur endlich auf? Hast du ihn hergebracht um ihm deinen Hokuspokus einzureden? Ich fass es nicht! Andelin und ich haben uns Sorgen gemacht, es hieß, du wärst mit einem Mann nach Liga verschwunden und…“
Er brach ab und biss sich auf die Lippen. Ein dunkles, wildes Rot flammte bis hinauf zu den Haarwurzeln. Esra hörte nicht zu.
„Saleh, er zeigt alle Zeichen, ich habe es selbst gespürt, es haftet Magie an ihm! Ich weiß ich habe es schon oft gesagt aber diesmal ist es anders, alles ist anders, es ist die Wahrheit!“
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