Maras Erinnerungen lassen Tochter Betty nie aus, die sich in den Sabbat-Gast verliebt hatte.
"Waren die Kerzen angezündet, warteten Betty, Fanny und ich auf die Rückkehr des Vaters mit den Söhnen und auf den Sabbat-Gast, den er mitbringen würde.
Das war eine gute Sitte, einen der am Freitagabend einsam, allein und fremd in die Synagoge kam, mitzubringen. Der Sabbat-Gast hatte seinen Platz an unserer Tafel.
Einmal kam einer, und unsere Betty hat sich in ihn verliebt. Haben sich schöne Augen gemacht, die beiden, und sich angeschaut, als könnten sie ohne einander nicht mehr weiterleben.
Was war der Tate ärgerlich. Mir hat sie leidgetan. Ich wusste schon noch wie das ist, wenn man einen lieb hat. Dreimal hat es der Junge geschafft, als Sabbat-Gast zu uns zu kommen, dann wurde Bettys Liebeskummer dem Tate zu viel.
Hat sie bald verheiratet. Hat den Schadchen, den Heiratsvermittler, geholt und meine Betty an einen älteren Mann vergeben. Der hat sie mitgenommen. All meine Tränen waren umsonst. Später aber war doch ein Segen dabei, denn die Betty hat es am Ende besser gehabt als wir alle. Er hatte genug Geld, um mit ihr auszuwandern, nach Amerika. Sie hat die schlimmen Jahre in Deutschland überlebt, ist nicht umgekommen. So ist mir von all meinen Kindern eine Tochter geblieben. Eine! Aber weit weg ist sie."
Das ist Maras Kummer. Die Tochter weit weg, nicht in Deutschland. Mara lebt allein, wartet allein auf den Tod. Es sind die Enkel, die zuweilen herbeigeflogen kommen. Nein, Betty betritt deutschen Boden nicht mehr. Und wenn die Mutter nicht zu ihr kommen will, muss sie wohl allein bleiben. Die Tochter ist so konsequent wie die Mutter - aber Mara ist eine alte Frau.
Gut Schabbes - gut Schabbes! Das wünschten sie sich, wenn der Vater und die Söhne, Jakob und Josef, aus der Synagoge kamen, und dann begann, was jeden Sabbat- Vorabend begann, und immer wieder von Neuem, wie bei Schimmel Knofeles, von dem der jüdische Autor Sacher-Masoch in einer Geschichte, im 19. Jahrhundert in Galizien spielend, erzählt:
"Schon stand der Abendstern am Himmel, schon wurden in den hölzernen Häusern der kleinen Stadt die Lichter auf den Kronleuchtern angezündet, als sich Schimmel Knofeles endlich auf der Schwelle seines Hauses zeigte. Zebedia, seine Frau, hatte bereits Angst, dass er, der Fromme, Gewissenhafte, den Sabbat verletzen könnte, sie sah ihn noch mit dem Bündel auf dem Rücken durch den Staub der Landstraße waten, während Israel bereits im Festglanz prangte, aber da war er schon, Gott sei gedankt! und stand in der offenen Thüre mit seinem gutmüthig schalkhaften Lächeln. Zebedia hatte schon die große Stube und den Tisch hergerichtet, die Kinder angezogen und sich selbst mit dem Überrock von dunkelrother Seide und der Stirnbinde geschmückt. Der Rubinglanz ihres Gewandes und das Feuer der falschen Steine, die ihr Haupt umgaben, stimmte trefflich zu ihrer südlichen Schönheit, welche die Lieder des Hafis in das Gedächtnis zurückrief, zu ihrer üppigen Gestalt, ihrem weißen Teint, ihren rothen Lippen und den großen, schwarzen Augen. Das dunkle Haar war am Hochzeitstage unter der unerbittlichen Schere gefallen.
Schimmel lächelte noch immer, zuerst in seiner herzlichen Freude über das schöne, geliebte Weib und dann im Gefühl der Schätze, die er brachte ...
Der kleine magere Jude, dessen Nase wie vom Sturm geknickt herabhing und dessen Rücken gekrümmt war, als hätte ihn die Natur erschaffen, Lasten zu tragen, lief die ganze Woche umher, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Edelhof zu Edelhof, im Schneegestöber, im Regen, in der glühenden Sonnenhitze, schwer beladen mit seinen Waren ...
Wenn er aber am Freitag zurückkehrte und wieder im Kreise der Seinen beim Nachtessen sass, war er für alle Mühe, für alle Entbehrungen reichlich belohnt ...
Nachdem Schimmel sich gewaschen und das Wochenkleid mit dem seidenen Talar vertauscht hatte, traten alle zusammen an den Tisch, über dem die Sabbatlampe brannte und Schimmel begann das Sabbatgebet. Seine Stimme klang erst gedrückt, wie wenn er noch den Wochenstaub im Halse hätte, aber immer freier und mächtiger; der kleine Mann, der die Hände erhoben hatte und den Gott Abraham's, Isaak's und Jakob's anrief, schien mehr und mehr zu wachsen, und sein braunes Gesicht verklärte sich, der Schacherjude wurde zum Priester, zum Fürsten, zum Patriarchen.
Als das Gebet zu Ende war, brach er das Brod und Zebedia trug den Karpfen in der Rosinensauce auf, alle setzten sich an den Tisch und aßen und als Schimmel um sich blickte, stolz wie ein König, sah er, dass die Sabbatlampe nur zufriedene, glückliche Gesichter beschien." (4)
Maras Sabbat-Abend sah vielleicht ähnlich aus. Mit der Rückkehr des Vaters und der Söhne begann das Zeremoniell.
"Gut Schabbes!" - das ist der Gruß, mit dem der Vater das Zimmer betritt. Dann begrüßt sein Gebet den Sabbat-Engel. "Friede sei mit Euch, Ihr barmherzigen Engel, Boten des Allerhöchsten ..." Die Söhne tun es dem Vater gleich.
Sein zweites Gebet entstammt dem Kapitel "Lob für die tugendhafte Frau" aus den Sprüchen Salomos: "Eine Frau von Wert - wer kann sie finden? Denn ihr Preis ist höher als der für Rubine. Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie ..."
Der Tate schreitet auf und nieder, Frau und Töchter sitzen am Tisch.
Nun wird der zeremonielle Becher mit Wein von ihm gefüllt. Der Vater nimmt ihn in beide Hände und singt Kiddusch - das Gebet, das den Sabbat weiht - und den Segen über den Wein. Der Becher, bis zum Rand gefüllt, soll Reichtum symbolisieren. Während der Vater kiddusch macht, sind alle Familienmitglieder aufgestanden. Ist das Gebet beendet, trinkt der Vater einen Schluck und reicht den Becher an seine Frau weiter. Alle sprechen den Segen über den Wein, bevor sie einen Schluck trinken, aber nicht den Kiddusch, die Weihe. Das bleibt dem ältesten (oder auch dem gelehrtesten) Mann in der Familie vorbehalten.
Diese Zeremonie bringt der Familie die Gegenwart der Göttin Sabbat und die Teilnahme der Familienmitglieder an der Sabbatheiligkeit.
Jeder Sabbatmahlzeit geht die zeremonielle Waschung der Hände voraus, dreimal wird Wasser über die Hände gegossen und der Segen dabei gesprochen.
Die lange Mahlzeit beginnt mit dem Segnen des Brotes, der Berches. Der Vater nimmt die Serviette von den Broten weg, hält beide Brote hoch, legt sie gegeneinander, streicht mit dem Messer über das eine Brot und zerschneidet das andere. Jeder erhält eine mit Salz bestreute Scheibe und dazu den "Segen für das Brot". Dann kann das Mahl beginnen.
Vier Mahlzeiten sind es, die der Sabbat hat. "Sabbateingang", sagt Mara, "war der schönste Teil des Sabbats. Es ist ein heiteres Mahl. Wenn auch der Kopf des Fisches immer dem Vater vorbehalten war. Nie hat er ihn gegessen, immer hat er ihn mir gegeben. So hat er mir Liebe und Achtung vor allen erwiesen. Die Kinder lobten die Suppe und die Feinheit der Nudeln und wollten dem Vater in Freundlichkeit zu mir nicht nachstehen.
Wir haben uns mit dem Essen Zeit gelassen, sprachen mit den Kindern über unser Leben, hatten Zeit für ihre Fragen. Wir lasen die Schrift und machten uns Gedanken über die Worte und deren Auslegung. Und heiter waren wir, haben gelacht und gewitzelt.
Was war unser Tate auch für ein Geschichtenerzähler! Was konnte er lachen, dass ihm die Tränen über die Wangen liefen.
War ein letztes Mal Wasser über die Finger gelaufen und waren die Messer weggetragen, dann sangen wir Tischlieder, die Zemiroths, und jeder gab seine Schnurren zum besten von anderen Sabbatmahlzeiten. Am schönsten hat die Betty singen können, ich hab am besten zuhören können und mögen; nur der Tate, der konnte alles, singen, erzählen und zuhören."
Maras Augen tragen Sehnsucht und den Schmerz des Vergangenen, aber auch die Freude der nicht tilgbaren Erfahrung eines großen Glücks.
Читать дальше