Sicher, hinter den grau und beige verputzten Fassaden ging es edel, in vielen Häusern sogar regelrecht luxuriös, zu. Ein Whirlpool und ein beheizter Innenpool gehörten bei uns ebenso zum Standard wie eine High-End-Multimediaausstattung und der eigene Billardtisch. Aber von außen sah man nichts davon. Damit Südental sogar aus der Luft stinknormal wirkte, gab es nur zwei Familien im Dorf, die einen Außenpool betreiben durften. Mehrfachgaragen wurden als Scheunen getarnt – und selbst davon durften nicht beliebig viele gebaut werden. Ganz gewöhnliche Dorffassaden säumten die Straßen. Die Fenster waren wie in jedem anderen Dorf mit billigen Kaufhausgardinen, Kakteen und Porzellanfiguren bestückt. Ein deprimierender Anblick, den nicht einmal die laue, duftende Sommerabendluft und das weiche Licht des Sonnenuntergangs retten konnten. Alles, damit kein Fremder je einen Grund finden würde, sich in Südental aufzuhalten.
Südental den Südentalern.
Furchtbar fand ich das!
Kurz vor Max’ Haus kam mir Sina entgegen, die sich total herausgeputzt hatte: Sie trug ihre Lieblingsjeans, neue Sandalen und ein hautenges, tief ausgeschnittenes Top, das an mir mit meinen doch ausgeprägt weiblichen Formen verboten ausgesehen hätte, der zierlichen Sina aber super stand. Dass sie geschminkt war, sah sogar ich schon von weitem, außerdem kamen mir ihre langen, dunklen Haare viel lockiger vor als sonst!
Ich selbst trug nicht die Spur von Make-up und steckte wie immer in Schlabber-T-Shirt, lockeren Jeans und Stoffturnschuhen. So verpackte ich meine etwas üppigen ein Meter achtzig am liebsten – bequem, lässig und unaufdringlich. Immerhin trug ich meine dicken blonden Wellenhaare offen und hatte sie sogar frisch gebürstet.
„Ist es zu viel?“, wollte Sina wissen, kaum dass ich sie erreicht hatte, und drehte sich langsam um die eigene Achse, damit ich sie von allen Seiten begutachten konnte. Spontan fühlte ich mich unsicher. In solchen Situationen wusste ich nie, ob eine freundliche Lüge oder die Wahrheit angebracht war.
„Nein, gar nicht, du siehst toll aus!“, behauptete ich. Na, wenigstens der zweite Teil des Satzes entsprach der Wahrheit. Sie sah toll aus, aber jeder würde sofort sehen, dass sie auf Beute aus war. Auf Max, selbstverständlich. Wahrscheinlich hatte sogar er das längst gemerkt.
„Sehr gut!“ Sinas Haltung wurde sofort selbstbewusster nach dieser Bestätigung: Busen raus, Hintern rein, Kopf hoch. „Ich hoffe so, dass es heute endlich klappt mit Max. Glaubst du, es klappt endlich?“
„Hm“, sagte ich so unbestimmt wie möglich und lenkte schnell ab, ehe Sina weitere unbequeme Fragen stellte. „Weißt du eigentlich, wer noch alles da ist, heute?“
„Wer soll schon da sein? Bestimmt sind Lukas und Paul da, Hanna ganz sicher, mit der habe ich eben noch telefoniert, Maria kommt auch… Tja - und wir und Max halt.“
„Also weder die Kinder, noch die Großen“, fasste ich zusammen. Lukas, Max’ kleiner Bruder, der seit Neuestem auch überall dabei war, war immerhin schon dreizehn.
Insgeheim bedauerte ich, dass Titus nicht dabei sein würde. Er war letzten Monat achtzehn geworden und hing schon länger lieber mit den älteren Südentalern herum. Schade, wirklich. Titus war momentan der einzige im Dorf, der mich ein ganz klein wenig interessierte. So als Mann, meine ich. Naja, vielleicht.
„Wurde auch Zeit, dass Maria und Hanna mal wieder dabei sind! Man sieht Hanna gar nicht mehr, die arbeitet nur noch“, beschwerte sich Sina.
Hanna war nur ein Jahr älter als wir und hatte vom Rat nicht die Erlaubnis bekommen, nach der Realschule noch ihr Abitur zu machen. Schließlich konnten nicht alle Südentaler Abitur machen und studieren, das wäre zu auffällig. Hanna hatte das zum Glück nicht weiter gestört. Sie war sowieso lieber an der frischen Luft als im Klassenzimmer. Seit den Sommerferien machte sie in Papenbrück eine Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin und war hochzufrieden mit ihrer Berufswahl. Allerdings war sie seitdem abends viel zu kaputt, um sich mit uns zu treffen.
„Ich verstehe gar nicht, warum sie die Gabe nicht öfter benutzt!“, maulte Sina weiter. „Sie kann sich doch ohne Probleme vorm Pflastern oder Sandschippen drücken – sie muss doch nur ein klitzekleines bisschen lenken …“
„Vielleicht möchte sie sich ja gar nicht drücken? Vielleicht möchte sie ihren Beruf richtig lernen?“ Irgendwie ging mir Sina heute auf die Nerven.
Die Haushälterin öffnete uns, kaum dass wir auf die Klingel gedrückt hatten. Ich kannte sie noch nicht, was mich wenig überraschte. Personal wurde bei uns im Dorf häufig ausgetauscht.
Ab und zu war es in jedem Haus nötig, Angestellte von der Quelle oder von verfänglichen Gesprächen wegzulenken. Nach einiger Zeit bemerkten die Südentaler Haushälterinnen und Köchinnen und Putzfrauen und Gärtner meist, dass sie bei der Arbeit häufig verwirrt waren und Dinge taten, die sie sich nicht erklären konnten. Oder sie begannen sich zu fragen, warum so viele in Südental so unglaublich wohlhabend waren, wenn man hinter die Fassaden blickte. Wenn es soweit war, mussten sie gehen. Wir konnten nicht riskieren, dass sie Verdacht schöpften oder – mindestens genauso schlimm – einen Arzt wegen ihrer Gedächtnislücken konsultierten.
Doch in kaum einer Familie wechselten die Haushälterinnen derart häufig wie bei den Schreckenbergs. Das lag vor allem an Max, der es wahnsinnig lustig fand, mit dem Hauspersonal zu „spielen“, wenn ihm langweilig war. Die letzte Hausperle hatte er zuletzt dazu gebracht, sich während ihrer Arbeitszeit ein Wannenbad aus den Sektvorräten seines Vaters zuzubereiten. Max’ Vater hatte getobt, Max war vom Rat scharf verwarnt worden und Sina hatte sich tagelang vor Lachen geschüttelt.
Die Neue lächelte uns arglos entgegen und bat uns herein. Nachdem wir uns vorgestellt hatten, wies sie Richtung Hintertür: „Maximilian und Lukas sind im Garten. Das ist ja eine tolle Anlage, die die beiden Jungs da aufgebaut haben!“ Sie sah nett aus mit ihrem Pferdeschwanz, ihrer Blümchenbluse und ihren milden blauen Augen. Wie eine Erzieherin oder Grundschullehrerin, fand ich.
Spontan tat mir die arme Frau leid. Max würde auch vor ihr nicht Halt machen, da war ich sicher. Vielleicht passte er ja doch ganz gut zu Sina? Gedankenterrorismus lag schließlich beiden.
Sina und ich gingen durch den düsteren Flur zur Hintertür.
Max’ und Lukas’ Eltern hatten sich einen Spaß daraus gemacht, den Eingangsbereich besonders furchtbar zu gestalten – sogar ein kleines Hirschgeweih und eine Kuckucksuhr hingen an der schaumbeschichteten, beigefarbenen Tapete. Die mahagonifarbene Garderobe, die voller Jacken hing, sowie das dazu passende mahagonifarbene Telefontischchen hatten sie in einem Möbeldiscounter aufgetrieben. Kein Briefträger würde in diesem Haus Geschmack oder gar Reichtum vermuten.
Neben dem Eingangsbereich gab es noch einen weiteren Raum, der im Stil „arme Provinzler“ eingerichtet war: Ein kleines Wohnzimmer mit knautschiger Eckcouch, Schrankwand und Vitrine. Dort hinein führten die Schreckenbergs Ortsfremde, wenn es denn wirklich mal sein musste. Jeder Haushalt in Südental verfügte über ein oder zwei solcher „Gruselkabinette“. Nur nicht auffallen, das war schließlich das Wichtigste.
Die Hintertür allerdings war wie das Tor zu einer anderen Welt: Betrat man den Schreckenbergschen Garten, war es vorbei mit der Illusion eines ganz normalen Hauses auf dem Dorf.
Durch hohe Mauern von Blicken geschützt, erstreckte sich dort umrahmt von schneeweißem Pflaster einer der beiden tiefblauen Südentaler Außenpools. Der zweite glitzerte – natürlich - in Sinas Garten. Die Schreckenbergs gehörten wie Sinas Familie zu den führenden Familien des Dorfes. Sicher, Sinas Vater war als Bürgermeister so etwas wie der ungekrönte König Südentals, aber Max’ und Lukas’ Vater kam als seine rechte Hand direkt danach und entsprechend luxuriös lebte die Familie. Logisch, wer im Rat saß, konnte sich nehmen, was er wollte.
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