Der Bus war angenehm leer. Die Schüler aus den umliegenden Dörfern würden erst die nachfolgenden Busse bevölkern. Um uns herum saßen nur ein paar alte Leute und eine Mutter mit Kinderwagen und Baby.
Sina und ich lümmelten allein auf der Rückbank. Wir waren die einzigen Südentaler in unserer Klasse und hatten auf dem Schulweg deshalb selten Gesellschaft. Es gab wenig Kinder und Jugendliche bei uns im Dorf. Auf unserer Schule, dem Städtischen Gymnasium Papenbrück, waren außer Sina und mir nur noch sieben weitere Südentaler Jungs und Mädchen. Eine weitere Handvoll Jugendlicher bevölkerte die Haupt- und Realschule in Papenbrück und das war’s. Im Moment gab es in Südental nur dreiundzwanzig Jugendliche, Sina und mich eingerechnet. Sehr übersichtlich. Aber so ist das eben, wenn man in einem kleinen Dorf lebt, in dem seit rund fünfhundert Jahren der Zuzug von Fremden vermieden wird …
Gut, dass ich wenigstens eine Freundin in meinem Alter hatte, wie meine Mutter nicht müde wurde zu erwähnen. Sina dachte zwar über viele Dinge anders als ich, aber ich kannte sie seit meiner Geburt und wir fühlten uns oft wie Schwestern. Sie verstand meine Sorgen und Nöte besser, als eine nichtbegnadete Freundin es je gekonnt hätte. Wenn sie doch nur – manchmal - eine Spur weniger Sina wäre …. Ein bisschen verantwortungsvoller, ein klein wenig sozialer …
Sina umgekehrt, das wusste ich, fand mich manchmal zu besonnen, zu vernünftig. Dann nannte sie mich „Heilige Luise“ oder gleich „Mutti“. So wie jetzt.
„Hör auf zu schmollen, Mutti!“ Sina stieß mir sachte ihren Ellenbogen in die Seit. „Freu dich doch lieber! Jetzt, wo wir den früheren Bus erwischt haben, sind wir viel eher zu Hause!“
„Schon, aber …“, ich senkte meine Stimme zu einem Wispern, „nötig gewesen wäre das nicht! In zwanzig Minuten hätte es sowieso geklingelt und Frau Schulte wird Ärger bekommen, wenn du so etwas immer wieder abziehst!“
„Ach, tu doch nicht so!“, höhnte Sina leise und verdrehte die Augen gen Himmel, „du bist doch auch vor Langeweile gestorben!“
Ich sah mich im Bus um. Konnte die weißhaarige Oma, die zwei Reihen vor uns saß, uns womöglich hören? Sollte ich schnell mal nachsehen, worum sich ihre Gedanken drehten? Nein, Luise, Blödsinn, verwende die Gabe sparsam! Außerdem – wem machte ich etwas vor? Auf diese Entfernung würde ich die Gedanken der Frau sowieso nicht lesen können. Da war ich Sina weit unterlegen.
„Wir reden gleich weiter!“, bestimmte ich leise, „auf dem Weg.“
Sina verdrehte noch mal die Augen, nickte genervt und steckte die Kopfhörer ihres Handys in die Ohren. Leise ertönte ein scheppernder Beat.
Ich starrte in die vorbeiziehende Landschaft.
Wieder einmal wünschte ich mir sehnsüchtig, es gäbe die Gabe nicht und Südental wäre ein Dorf wie jedes andere. In Momenten wie diesem, wenn wieder einmal ein wichtiges Gespräch auf später verschoben werden musste, fühlte ich mich schmerzvoll daran erinnert, wie allein wir waren, wir Begnadeten. Die Gabe machte uns stark, das schon, aber sie trennte uns auch von allen anderen.
Wie ein Felsblock hing mir das kollektive Geheimnis manchmal um den Hals.
Oft stellte ich mir vor, wie es wäre, normal zu sein. Ich könnte Freunde haben, viele Freunde, auf Partys gehen – richtige Partys außerhalb des Dorfes mit vielen fröhlichen Jugendlichen. Ich könnte in einer Band singen, vielleicht sogar reisen. Nach Spanien, in die Türkei, nach Thailand, Costa Rica, Frankreich … Es gab so viel zu sehen auf der Welt!
Aber nein. Nichts davon war möglich und schlimmer noch: Nichts davon würde je möglich sein, befürchtete ich.
Der Rat wollte es nicht. So einfach war das.
Sobald ein Südentaler Kind das kollektive Geheimnis kannte, sobald die Gabe bei ihm erwacht war, sollte es in der Dorfgemeinschaft leben. Und nur dort.
Manchmal fühlte ich mich wie eine Gefangene!
Der Bus hielt an der Bundesstraße. Von dort aus standen uns noch zwanzig Minuten Fußmarsch bevor. Selbstverständlich waren Sina und ich die einzigen, die ausstiegen. Unser Dorf - genaugenommen war Südental mit seinen paar hundert Einwohnern wohl eher ein Dörfchen – liegt in einer Sackgasse. Die Landstraße, die nach Südental hinein führte, endete in einer Wendeschleife um unseren Dorfplatz, für Busse lohnte sich die Fahrt dorthin nicht.
Wenn das Wetter schlecht war und Sina keine Lust hatte zu laufen, hielt sie oft Autofahrer an, die uns unter Sinas Einfluss schnurstracks nach Südental kutschierten und sich hinterher, wenn sie zu ihren eigenen Terminen zu spät kamen, wohl wegen ihres Anfalls von Wohltätigkeit am Kopf kratzten.
Meistens aber liefen wir, denn wir liefen gern.
So auch heute: Es war ein wunderschöner Sommertag – die Luft war nicht zu heiß, ein laues Lüftchen wehte und es roch nach frisch gemähter Wiese. Herrlich! Wir überquerten die Bundesstraße und auf einmal hatte ich überhaupt keine Lust mehr, mich mit Sina zu streiten.
Sina wohl auch nicht. „Bevor du jetzt wieder predigst, Lu – gib zu, dass das genial war, eben in der Schule! Falsch, ja, wegen mir, aber genial! Wahnsinn! Ich war beide Male so schnell so tief in ihren Köpfen – ich hätte alles mit denen machen können!“ Sinas Augen blitzten dunkel vor Begeisterung über sich selbst.
„Hast du ja auch!“ Jetzt hatte ich doch wieder Lust, mich zu streiten. „Frau Schulte fragt sich bestimmt schon, ob sie verrückt geworden ist, weil ihr Unwohlsein immer in dem Moment vorbei ist, in dem ihre Klasse den Raum verlassen hat. Und Sofie wird noch tagelang grübeln, wie es passieren konnte, dass sie im Unterricht vor der gesamten Klassen in der Nase gebohrt hat. Wirklich, Sina, hast du denn gar kein Mitgefühl? Warum springst du nur derart mit allen um?“
„Ganz einfach: Weil ich es kann!“ Sina grinste herausfordernd und mir lief ein kleiner Schauer den Rücken hinunter. Sina war nicht boshaft, aber ihre Zügellosigkeit machte mir manchmal ein bisschen Angst. „Wer weiß, was du so anstellen würdest, Lu, wenn du besser mit der Gabe umgehen könntest! Du bist doch nur neidisch!“
„Nein. Ehrlich nicht, Sina.“ Ich blieb stehen und sah sie eindringlich an. „Du bist zwar viel besser als ich, das wissen wir beide, aber glaub mir: Ich bin nicht allzu scharf auf die Gabe. Und ich möchte sie wirklich nicht ohne Grund gegen andere einsetzen.“
Sina streckte mir die Zunge raus. „Oh heilige Luise!“, sagte sie fröhlich. „Dann lass es halt!“
Wir kabbelten uns eine Weile. Sina behauptete, dass die meisten Unbegnadeten sowieso nur Müll im Kopf hätten und es deshalb verdienten, Zielscheiben unserer Manipulation zu werden. Speziell die Mädchen in unserer Klasse. Lang und breit setzte Sina mir auseinander, wer in den letzten Tagen schlecht über sie gedacht hatte.
„Du musst damit aufhören, den Leuten ihre Gedanken vorzuwerfen!“, sagte ich Sina zum hundertsten Mal. „Glaubst du denn ernsthaft, dass deine Südentaler Freunde nie auch nur einen einzigen gemeinen Gedanken über dich denken? Und was ist mit dir selbst? Hast du ausschließlich nette Gedanken?“
„Wen interessiert’s? Meine Gedanken kann ja keiner lesen und die von unseren Leuten kann ich auch nicht lesen! Was ich nicht weiß, macht mich auch nicht heiß! Die Gedanken, die ich lesen kann, stören mich!“
„Du bist doch selbst schuld, dass du so viel Geläster über dich liest! Hör doch endlich mal auf damit, dich ständig in alle möglichen Köpfe zu klicken!“
Im Gegensatz zu Sina tat ich alles, damit ich nicht aus Versehen in fremden Köpfen landete. Jeder hatte ein Recht auf seine düsteren Gedanken, fand ich. Entscheidend war doch, was jemand nach außen trug, was jemand lebte! Ein Gedanke raste so schnell vorbei und oft hinterließ er keine Spuren – wenn man ewig in alle Köpfe einstieg, erwischte man lauter dummes, fieses oder verrücktes Zeug, das niemand je ausgesprochen und das nie irgendeine Konsequenz gehabt hätte.
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