»Du hast Mrs Beeverell vor Ort angetroffen?«
»Richtig kombiniert. Sie erwies sich als geschäftsfördernd freundlich und zuvorkommend. Beim Abschied bedauerte sie, dass ihr Mann leider immer bis nach sieben Uhr mit seinem Trinitiy-Kollegen konferiere…«
»Und wann beginnen sie?«
»Sie haben schon begonnen,« Amandas Augen blitzten. »Es gibt so ungeheuer interessante Schaufenster in der Gasse des ›Dying Dragon‹, dass ich mich die längste Zeit nicht von ihnen losreißen konnte. So wollte es der Zufall, dass ich die beiden Herren gemeinsam hineingehen sah.«
»Na, dann los!« Olivia war wieder munter. Zügig durchmaß sie die flache grüne Weite neben dem Fluss, vor sich die hellen Türme und Türmchen der Colleges. »Ich muss mich wieder munterlaufen,« erklärte sie Amanda.
Auf dem Brückenbogen fasste diese sie am Arm und drehte sie zur Steinbrüstung. »Stopp! Pass auf, gleich geht’s weiter.« Folgsam und hellwach schaute Olivia einem Ast zu, der sich um sich selbst drehend auf dem Fluss näher trieb. Amanda schien ihn auch zu beobachten. Unvermittelt wechselte sie zur gegenüberliegenden Brückenseite und wäre dabei fast mit einem jungen Mann zusam-mengestoßen, der in Gedanken und folglich ziemlich unaufmerksam daherkam. Aber nur fast. Amanda hielt gerade noch rechtzeitig inne und wollte ihn vorbeigehen lassen, als sie einen leisen Ton der Überraschung ausstieß. Der junge Mann hob nun endlich seinen Blick und blieb höflich stehen: »Lady Cranfield, entschuldigen Sie, ich habe nicht aufgepasst!« Höflich reichte er ihr die Hand zur Begrüßung. Olivia gab dem Menschen den Vorzug vor dem treibenden Ast und drehte sich der Szene in ihrem Rücken zu. Er erkannte sie zumindest dem Gesicht nach wieder und reichte ihr ebenfalls die Hand.
»Mr Ingram, Sie sehen entsetzlich leidend aus! Sie sind doch nicht krank?« Amanda hob leicht die Hand: »Entschuldigen Sie meine Direktheit, aber ich bin richtig erschrocken…«
»Nein, ich bin nicht krank. Der plötzliche Tod von Sir Keith hat mich ziemlich erschüttert und noch bin ich nicht wieder ganz ich selber.«
»Ich wusste ja nicht, dass Sie einander so nah standen.«
»Ja sehr, er war für mich wie ein Vater, jedenfalls in den letzten sechs bis sieben Monaten.«
»Das kann ich mir in Zusammenhang mit Keith gar nicht vorstellen. Wollen Sie damit sagen, er hat sich um Sie gekümmert? Das ist doch nicht möglich!«
»Oh doch, da verkennen Sie ihn. Wir hatten durch meine Arbeit an der Gesamtausgabe – Sie wissen davon? – häufigen Kontakt miteinander. Er mochte mich, das darf ich wohl sagen. In den letzten Monaten belasteten mich meine privaten Schwierigkeiten etwas über Gebühr. Er erkannte das und hat viel mit mir geredet.«
»Aber er hörte nicht zu!«
Irritiert sah Ingram sie an: »Doch natürlich tat er das, sehr genau. Er hat mir wirklich geholfen.« Er neigte den Blick zu seiner linken Schulter und automatisch folgte die rechte Hand mit gespreizt-gestreckten Fingern nach.
Amanda ließ ihr Gegenüber vorübergehend aus dem Blick und schaute auf den Fluss. »Was Sie erzählen, verwundert mich beträchtlich.« Sie betrachtete wieder den jungen Mann vor sich. »Ich habe mit einem völlig anderen Keith zusammengearbeitet. Er hat Ihnen sicherlich von unseren Plänen für einige Anthologien erzählt?«
»Ja, er sprach gelegentlich davon.« Diese Antwort klang reserviert, registrierte Olivia, passend zu dem linken Arm, der wie ein Schild vor dem Körper lag, während die rechte Hand sich noch immer an der Schulter spreizte.
»Er wirkte auf mich in den letzten Monaten eher müde, wenig interessiert an Zukunftsplänen, irre ich mich darin?«
»Das will ich nicht sagen, niemand fühlt sich immer gleich. Die Gesamtausgabe seiner Werke war ihm jedenfalls unverändert wichtig.«
»Ja, durchaus möglich, dass ihn Ihre Arbeit beflügelte. Zeigten sich in diesen guten Stunden Gedanken an einen neuen Roman?«
»Manchmal schien mir, er habe neue Ideen für ein Buch, aber leider verloren sie sich im Laufe der Wochen wieder. Es folgten andere Ideen, sie lagen aber so entfernt von den vorangegangenen, dass sie vermutlich nicht in denselben Roman gepasst hätten. In diesen Stunden wollte Sir Keith auch keine Reaktionen von mir, ich sollte still sein und zuhören. Das helfe ihm, bekundete er im Nachhinein wiederholt, schließlich wusste ich es auch ohnedies.«
Ein paar Atemzüge lang schwieg Amanda und Ingram wartete wie selbstverständlich. Seine Rechte sank, suchte den Griff der Aktentasche und verknotete sich darum und in die linke Hand hinein.
»Warum hat die Erhebung zum ›Sir‹ ihn nicht wieder zum Schreiben gebracht? Sie zeigt doch, dass die Menschen ihn noch immer gern lesen, auch nach den vielen schweigenden Jahren. Wie haben Sie das erlebt?«
»Die Nachricht erreichte ihn im Spätsommer… Jetzt werden Sie ein wichtiger Mann‹, lautete seine erste Stellungnahme zu mir, nachdem er mich informiert hatte, sehr sachlich informiert. Ich freute mich natürlich und gratulierte ihm, aber er wies mich ab. ›Lassen Sie das!‹ sagte er, begleitet von einer energischen Handbewegung. Wir haben nicht wieder darüber gesprochen bis nach Weihnachten.«
»Verrückt! Auch mir gegenüber spielte er diese Ehrung sehr herunter.«
»Ich glaube, wenn Sie eine persönliche Einschätzung gestatten, diese offizielle Ehrung kam zu spät. Hätte sie ihn in seiner aktiven Zeit erreicht, wäre er stolz darauf gewesen. Er hätte es als eine Art Anfeuerung seitens seiner Leser empfunden. Jetzt schimpfte er nur, dass die Jury sich lediglich deshalb an ihn erinnert habe, weil sie ›etwas Kulturelles‹ brauchte.«
»Er fühlte sich demnach nicht persönlich gemeint?«
»Ich fürchte nein.«
»Er hätte ablehnen können.«
»Das auch nicht, nein. Sehen Sie, wir arbeiteten an seiner Gesamtausgabe. In schlechten Zeiten fasste er es als Arbeit an seinem Nachruhm auf und dem wollte er den Adelstitel hinzufügen. Ganz abgesehen davon, dass Verleger Byatt sicherlich Einspruch eingelegt hätte. Für ihn bedeutet dieses ›Sir‹ eine bessere Geschäftsbilanz. Das darf man auch nicht ganz vergessen.«
Amanda nickte leicht und blickte wieder auf das unter ihr dahinziehende Wasser. Sie hob den Blick auch nicht, als sie weitersprach: »Sie hatten in den letzten Monaten den engsten Kontakt zu Keith. Kam es zu einem Zerwürfnis mit einem seiner alten Freunde oder fürchtete er jemanden?« Sie sah wieder auf: »Ich kann mir allerdings nicht denken, wer das gewesen sein sollte…«
»Genau darüber habe ich nachgedacht, seit Chief Inspec-tor Bates mich gestern verließ. Mir ist nichts und niemand eingefallen. Vielleicht habe ich ihn zu sehr verehrt, um mir auch nur annähernd vorstellen zu können, dass es jemanden gibt, der ihm ernsthaft Schaden zufügen wollte.«
»Dann drehen Sie die Perspektive dieser Frage einfach um: Wen mögen Sie nicht, wenn Sie in Zusammenhang mit Keith an ihn denken?«
»Ach du lieber Himmel! Wenn ich so nachdenke, wissen Sie, stelle ich fest, dass ich ihn immer für mich allein hatte. Seine Frau begrüßte mich, immer sehr freundlich, danach zogen wir uns in sein Arbeitszimmer zurück. Nur die wenigen Male, die wir zu einer Besprechung in den Verlag gingen, teilte ich ihn mit Mr Byatt – nein, ich glaube, mir fällt auch so herum niemand ein. Eigentlich ist das doch auch ganz gut, finden Sie nicht?«
Dazu behielt Amanda ihre Meinung für sich und verschob die Perspektive erneut: »Vielleicht gibt es so jemanden ja auch wirklich nicht und es war Selbstmord.«
»Ob ich mir das lieber vorstelle, weiß ich nicht.« Ingram sah fast unglücklich von einem zum anderen. »Im Moment wünschte ich, wir alle nähmen es als einen normalen Tod und ließen ihm seinen Frieden.«
Zu Olivias Überraschung griff Amanda nach Ingrams Händen: »So ist es. Mir wäre das auch das Liebste. Dann dürfte unsere Erinnerung ihn ehren, statt nach Konflikten zu suchen. Wir zwei sollten es einfach so halten.« Mit einem schweigenden Händedruck entließ Amanda den jungen Mann und schob ihren Arm unter den der Freundin.
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