»Mrs Beeverell scheint tatsächlich eine jener durchgreifenden Ehefrauen zu sein, in deren Umgebung kein Grashalm hochkommt. Vielleicht stimmt das Gerücht einfach, dass sie die Freundschaft zwischen ihrem Mann und Bruce Trelaney so beharrlich störte, dass Bruce sich schließlich zurückzog. Unser heutiges Erlebnis schreit auch nicht gerade nach Wiederholung,« ein Schimmer von Belustigung huschte über Amandas Gesicht.
»Und Beeverell lässt sich das bieten?«
»Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Er weicht dem Konflikt aus und verlegt seine persönlichen Kontakte ins College und ins Pub. Warum nicht?«
Olivia nickte, sie war schon bei der nächsten Frage: »Wenn ich diese Ehefrau richtig verstehe, bedauert unser Professor Aultons Tod vor allem um der gemeinsamen Zukunftsaussichten. Waren sie doch keine Freunde?«
Amanda sah durch ein Sprossenfenster in das kleine Geviert hinaus. Die Ziegelsteinwände leuchteten in der feuchten Winterluft aufmunternd rot. Davon abgesehen war es vollkommen still in diesem zurückgezogenen Winkel. Auch die Wirtin war verschwunden, nachdem sie das heiße Frühstück gebracht und Kaffee nachgeschenkt hatte. »Die Frage hat zwei Aspekte,« begann Amanda nachdenklich, »Beeve-rell ist tief im Innern ein ängstlicher und sehr einsamer Mensch. Er hat sich ein hohes Maß an Rationalität erworben, mit dem er sein Übergewicht über seine Umgebung zu sichern sucht – als Reaktion auf seine Ängste. Das Sich-Einlassen aufeinander, bei dem dann Fragen auftauchen wie die, was den anderen oder einen selbst bewegt, worüber man sich freut oder ärgert oder gar ängstigt, gehört zu einem ziemlich großen Bereich von Realität, den er aus seiner Welt ausschloss – vor sehr langer Zeit vermutlich schon,« fasste sie alte Beobachtungen zusammen. »Was die anderen bewegt, weiß er nicht, nur wie sie funktionieren. Natürlich gibt es Überschneidungen: Um zu erkennen, wie jemand funktioniert, bekommt man gelegentlich auch Gefühle des anderen mit in den Blick. Beeverell mag das nicht und hält es für taktvoll, darüber hinwegzusehen. Wie viele Facetten der Menschen um ihn herum er nicht mehr wahrnimmt, entgeht ihm. Und niemand sagt es ihm, auch Keith tat es nicht.« Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: »Seine physische Größe und seine tragende Stimme bringen allein schon eine gewisse Eindrücklichkeit mit sich, auf die seine Gesprächspartner reagieren; seine Intelligenz und seine Rationalität haben ihm eine anerkannte Position in der geisteswissenschaftlichen Welt verschafft. All das zusammen sichert ihm in seiner Umgebung das weite Spektrum von höflichem bis devotem Verhalten – und alles ist in Ordnung.«
»Du lieber Himmel!«
»Das klingt furchtbar und für seine Familie dürfte es das auch gelegentlich sein. Darüber weiß ich nichts, man sollte es aber mitdenken, wenn man über seine bessere Hälfte den Kopf schüttelt. Abgesehen davon ist er auf einer relativ äußerlichen Ebene ein umgänglicher und ziemlich netter Mensch. Auf Empfängen, Parties und ähnlichen halbwegs offiziellen Situationen herrscht in seiner Umgebung niemals Schweigen und wird es nie langweilig. Diese Beliebtheit trägt sich wie ein Schutzpanzer gegen Einsamkeit, könnte ich mir denken.« Über der großen Kaffeetasse wanderte ihr Blick hinaus zu der feuchten roten Mauer, aber nur kurz. »Keith besetzte einen klar umrissenen Raum im Leben dieses Professors, in dem dessen Eitelkeit und Ängste gleichermaßen balsamische Linderung erfuhren dadurch, dass er von seinem berühmten Freund gebraucht wurde, und dadurch, dass von dessen Ruhm ein wenig ihm gebührte. So sieht er das jedenfalls. Keith war’s zufrieden und nutzte Beeverell im Gegenzug schamlos aus. Er wusste genau, wie man diese Mischung aus Eitelkeit und Ängstlichkeit bedienen muss, schließlich besaß er die Scharfsichtigkeit des Künstlers, eine ebenbürtige Eitelkeit und das unersättliche Bedürfnis nach Menschen und ihrer Anerkennung – doch von all dem abgesehen mochte Beeverell ihn auf seine eingeschränkte Art. Darin bin ich mir sicher.«
»Inwieweit Aulton ihn mochte, lassen wir offen? …Jedenfalls besaß er die Fähigkeit, sein Gegenüber sehr genau zu durchschauen, nutzte diese Kenntnis aber eher zu seinem Vorteil als zu dem des anderen. Richtig?«
»Leider, ja. Er ist eine ganze Generation älter als ich, entsprechend spät lernten wir uns kennen. Ob seine alten Freunde Erinnerungen an einen einfühlsameren, auch an ihnen interessierten Mann oder Freund haben, müsste man sie bei Gelegenheit fragen. Ich will es gar nicht ausschließen.« Amanda schwieg.
Olivia leerte die große Tasse heißen Kaffee mit kleinen Schlucken. Zögernd stellte sie sie ab: »Und der zweite Aspekt?« Amanda sah aus dem Fenster ohne zu antworten. »Nun?«
»Ich betätige mich ungern als Kolporteurin, diese Art Material verarbeite ich lieber in meinen Geschichten…«
»Zu spät! Aber ich behaltʼs für mich, es sei denn, ich komme zu dem Schluss, dass Richard es wissen sollte. Also…«
»Na ja, der Zeitraum, zu dem die beiden gemeinsam studierten, liegt um 1959-60. Es ist der Vorabend der 68iger Unruhen, die Zeit endloser Gespräche in verschworenen Gruppen, ein erster Aufbruch, aber noch nicht auf der Straße.«
»Unter Obhut der Gummibäume,« grinste Olivia. Auf Amandas irritierten Blick hin ergänzte sie: »Weißt du nicht mehr? Damals stand doch in fast jedem bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Wohnzimmer ein Gummibaum herum, anfangs am Fenster, später in irgendeinem kahlen Winkel, der dadurch auch nicht anmutender wurde.«
»Oh mein Gott, ja.« Da Olivias abwartender Blick eine weitere Abschweifung nicht zuließ, machte sie weiter: »Es ist denkbar, dass Keith und Beeverell in dieser Zeit ein sexuelles Verhältnis hatten. Manchmal weht diese Erinnerung durch ein Gespräch wie ein Schatten, der nicht sein darf, eher weil er damals nicht sein durfte, als dass er heute jemanden aufregen würde. Doch ist die Geschichte inzwischen so lange vorbei, dass man sie eigentlich lieber ruhen lässt, aber eben nicht völlig. Sonst könnte sie bei mir nicht vorbeigekommen sein.«
Olivias sah die Freundin fast ratlos an. »Über Homosexualität kann man heute einfach reden… auch wenn es sich um ein Experiment gehandelt hat, beide haben seit langem Familien… Es könnte allerdings erklären, warum Mrs Beeverell Keith nicht im Haus haben wollte – ungefähr so ungern wie eine abgelegte Geliebte.« Sie dachte an die schmal werdenden Augen. »Vielleicht erklärt es andererseits ein wenig, warum die zwei Männer so fest aneinander hängen blieben. Und immer neue Zukunftspläne erfanden…«
»Zu ihnen werden wir Beeverell nachher fragen, er wird sie uns bestimmt erzählen.«
»Du willst seine Konferenz im ›Dying Dragon‹ – was für ein kurios passender Name im Augenblick – stören?«
»Will ich. Und bis dahin werden wir uns einwandfrei verhalten! Du kannst dich doch sicher für drei bis vier Stunden in der Universitätsbibliothek beschäftigen, nehme ich an?« In Olivias staunendes Gesicht fuhr Amanda fort: »Ich gehe für zwei Stunden mit. Danach absolviere ich meinen angekündigten Besuch in der Galerie und sehe mir die Bilder des jungen Genies an, über das Mrs Beeverell so schwungvoll animierende Worte fand. Ich werde standhaft bleiben und kein Bild kaufen, weil ich so etwas niemals spontan mache. Gegen vier Uhr hole ich dich ab und wir sehen weiter.«
Olivia schüttelte sich, als sie in die feuchte Dämmerung des Januarnachmittags trat. Sie hatte die Bücherruhe noch nicht ganz abgelegt und die Friedhofsatmosphäre des Memorial Court empfand sie heute lastender als bei anderen gelegentlichen Besuchen. Amanda hatte die letzten Stunden genossen, das sah sie deutlich. »Ist der Maler wirklich so gut?«
»Er ist bunt, das vor allem. Ich liebe Farben. Und in unserer Diele wäre eine der großformatigen bunten Hochlandwiesen eine erfrischenden Belebung. Nur – ob ich meinen Mann davon überzeugen kann… ich werde mein Möglichstes tun, ihn zu einem gemeinsamen Besuch in der Galerie zu bewegen…«
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