Bitte einsteigen. Türen schließen und anschnallen, die Talfahrt beginnt jetzt:
Ende 2010, wie gegen Ende jeden Jahres machen wir die Budgetplanung für das Folgejahr. In diesem Jahr habe ich noch verschiedene Restprojekte, die sich teilweise verzögert haben oder noch laufen. Ich kann mich gar nicht so richtig intensiv um die Detailplanung für die kommenden Projekte kümmern, das läuft alles so nebenbei, weil die aktuellen Baustellen bei den laufenden Projekten eben wichtiger sind. Für das nächste Jahr habe ich ein wirklich großes und komplexes Umbauprojekt mit einem Budget über knapp 5 Mio., in mehrere Stufen, das insgesamt fast zwei Jahre laufen wird und immer im laufenden Betrieb umzubauen ist. Mit Testphasen an Wochenenden und montags geht der Betrieb weiter. Dazu zwei mittlere über ca. drei und eine Mio. eines davon im Ausland, den üblichen Kleinkram und die laufenden Projekte eben.
Alle diese Projekte werden vom Vorstand genehmigt und ich darf ab Februar 2011 dann loslegen. Im Frühjahr merke ich, dass sich bei der Planung eines Projektes ein Maßfehler eingeschlichen hat, das ganze Konzept und die Planung stehen in Frage. Ich fahre vor Ort, messe alles nach und entwickle eine Lösung die der ursprünglichen ähnelt. Das ganze zieht sich bis Mai hin. Parallel läuft die Detailplanung zu dem 2 Jahresprojekt. Dort gibt es längere Probleme mit einer Bühnenstatik, die geprüft werden muss. Dann noch das dritte im Ausland. Dort sind auch Probleme mit dem Gebäudedach aufgetreten, ggf. muss der gesamte Niederlassungsstandort an anderer Stelle neu konzipiert werden. Für die Projekte in diesem Land war seither immer nur ich verantwortlich.
Im Mai beginnen die schlaflosen Nächte. Notizzettel neben dem Bett. Meine Frau sagt: „Was soll das, bist du verrückt?“ „Wenn ich mir die offenen Punkte aufschreibe, dann kann ich eher schlafen, weil ich nicht laufend daran denke.“ Juni / Juli- die Detailplanung für das Umbauprojekt sind in vollem Gange, im September gehen die ersten Testwochenenden los, insgesamt zehn Stück mit ab und zu einem Wochenende Pause. (Ich frage mich manchmal, wie die Monteure der Zulieferer das alle durchhalten, aber die haben dann halt immer das eine Projekt am Hals und nicht fünf bis zehn).
Die scheiß Statik für die Bühne ist immer noch nicht fertig, die Zeit läuft davon. Wenn wir was verstärken müssen reicht die Lieferzeit nicht mehr aus und der Gesamtterminplan kippt!
Im Juli kommt dann eine Hiobsbotschaft: Ich habe nochmal ein paar Fotos von dem Standort mit dem Umbauprojekt im Versand angefragt. Verdammter Mist, da sind ja Rauchabzugsöffnungen in der Decke, wo wir den Einbau machen wollen. Verdammt, die hatte ich vor lauter Maßkontrolle und Alternativlösung übersehen. Einfach übersehen. Rauchabzüge 2x6m, nicht beachtet. Ich dachte wir haben noch genug Abstand zur Hallendecke, dass das nicht ins Gewicht fällt. Wäre auch so gewesen, wenn das erste Höhenmaß gestimmt hätte, hat es aber nicht. Und nach der Maßkorrektur habe ich die Rauchöffnungen einfach vergessen. Die Lösung kippt!
9 Monate Planung für die runde Tonne! Ein Teil der Gewerke schon bestellt. Verträge müssen storniert werden. Scheiße! So einen dicken Bock hatte ich noch nie geschossen. Eine knappe Mio. an die Wand gefahren. O.k., die Gelder waren nicht verloren, aber ein ganzes Jahr und die ganze Arbeit und die Zulieferer waren sauer. Die Zeit mit den nächtlichen Schweißattacken beginnt und ich liege morgens manchmal nass geschwitzt im Bett, es war nicht die Sommerhitze. Der Magen meldet sich: Schleimhautentzündung, nervöse Magenbeschwerden. Meine kleinen nervösen Ticks im Gesicht nehmen wieder zu.
Der Chef ist zwar nicht gerade begeistert, logisch, reagiert aber sehr rational und wir suchen zusammen einen gangbaren Weg aus der Lage. Es gab keinen Druck oder irgendwelche Repressalien. Hätte auch nicht zu ihm gepasst. Da geht es in manchen Firmen anders zu.
Sommerurlaub, ich kann nicht abschalten, nach 2 Wochen fahre ich nach Hause (hatte nur kürzer gebucht), die Familie bleibt noch. Die Testwochenenden des Umbaus beim anderen Projekt stehen an, wenn ich zurückkomme. Die Testwochenenden der ersten großen Umbauphase verlaufen durchweg gut, es gibt keine größeren Probleme, die Zusammenarbeit mit den Kollegen vor Ort und den Zulieferern ist optimal. Endlich mal wieder ein Lichtblick. Aber die 9 Wochenenden zehren. Ich habe damals einen Fehler gemacht. Ich wollte die Sonderurlaubstage aufsparen und habe zwischendurch keine Auszeit genommen, ein Fehler mit fatalen Folgen.
Das schlauchte inzwischen. Dieses Wochenende vor dem geplanten Urlaub in St. Peter Ording hatte sich um eine Woche verschoben, d.h. die Testarbeiten. Eigentlich wollte ich schon am Samstag mit der Familie in Herbsturlaub an die Nordsee fahren. Musste ich dann aber auf Montag verschieben und schickte die Familie bereits vor. Nachdem die Anlage am Montag gut in Betrieb ging bin ich dann selbst direkt nach St. Peter Ording (SPO) nachgefahren. Schlechtes Wetter an diesem Montag. Bin dann nochmal 9h im Auto unterwegs. Als ich ankomme nur noch ins Bett und ausschlafen. Ab dem nächsten Tag geht´s dann wieder ganz gut. Die Strapazen stecken noch etwas in den Knochen. Aber ich kann auch etwas abschalten.
St. Peter Ording (SPO) Urlaub: Der Urlaub ist ganz o.k. Es waren von vorne herein wegen der Inbetriebnahme Phasen im Geschäft nur ein paar kleinere Reparaturarbeiten geplant, dafür aber Strandspaziergänge und etliche Stücke Torten (in SPO gibt es die besten Torten, die ich bisher finden konnte), und steife Brisen, die den Kopf frei blasen. Das tut gut. Dann, nach 5 Tagen Kurzurlaub geht es wieder nach Hause. Der nächste Inbetriebnahme Schritt steht an. Danach ist die erste Baustufe fertig und ich bin erst mal so richtig erleichtert. Uff, geschafft!
Aber der Kopf ist nicht frei. Die Planung für das nächste Jahr ist schon wieder in vollem Gange. Projekte im Ausland, jede Menge. Irgendwie sieht es so aus als wäre es noch mehr als in diesem Jahr. Und da hatte ich es kaum geschafft. Und jetzt war ich ziemlich am Ende, die Nächte unruhig, manchmal diese blöden Schweißausbrüche, beim Aufwachen immer wieder diesen Berg voll Arbeit vor mir. Und ich hatte doch dieses eine Projekt im Juli an die Wand gefahren, wenn das wieder passiert….
Die Angst nimmt zu. Das war anders als die Jahre zuvor. Da hatten wir ja auch immer viel Arbeit, aber irgendwie war es immer zu schaffen. Jetzt hatte ich das erste Mal …..Angst! Egal was ich versuchte, ich wurde sie nicht wirklich los. Ablenkungsmanöver halfen nichts. Und durch die schlaflosen Nächte rutschte ich immer tiefer in ein Loch. Die Konzentration ließ nach und ich brauchte für manche Arbeiten doppelt so lange. Die Anzahl an Notizzetteln wuchs exorbitant. Manchmal hatte ich an 3 Stellen das gleiche notiert. Ich blickte nicht mehr durch. Ich wusste nicht mehr wie ich da alleine rauskommen sollte. Allen anderen Kollegen ging es ja ähnlich. Also kann ich nichts abgeben. Allerdings war der Zustand bei den anderen nicht so chaotisch, wie inzwischen bei mir.
Anfang November hatte der Chef dann Geburtstag und wie üblich in der Abteilung gab es einen Umtrunk. Er teilte uns dabei mit, dass er vor 2 Jahren geplant hat im nächsten Jahr in den Vorruhestand zu gehen. Damit hatten wir bis dahin nicht gerechnet. Wir fanden das zwar alle schade und am Anfang machte sich keiner von uns darüber weitere Gedanken. Je näher der Zeitpunkt aber kam, desto mehr wuchs auch die Ungewissheit über das was danach kommen könnte. Aber wir waren ja auf der anderen Seite auch ein Spitzenteam. Das würden wir schon schaffen.
Dann am 19. November 2011 findet unsere 100 Jahre Geburtstagsfeier statt. Meine Frau und ich feiern gemeinsam mit unseren Freunden, der Familie und Kollegen, ca. 80 Personen, unseren doppelten fünfzigsten Geburtstag.
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