Doch ich musste aufpassen, wenn ich das Muster veränderte. Eine Unachtsamkeit genügte, um die Magie in unkontrollierbare Bahnen zu lenken, vielleicht sogar ins Gegenteil zu verkehren.
Ich untersuchte das Kleid genauer und entdeckte ein paar abgewetzte Stellen. Wem mochte es wohl gehört haben? Ich nahm mir vor, Marlon bei Gelegenheit danach zu fragen. Den alten Zauberer hatte ich ja beinahe vergessen. Ich wollte ihn nicht lange warten lassen und vollendete die schneiderlichen Änderungen.
»Ah, Jolanda, Ihr seht bezaubernd aus. Ich hatte befürchtet, dass die Kleider etwas zu groß sind, aber offenbar habe ich mich getäuscht«, sagte Marlon, nachdem ich ihn ganz oben im Turm in einem Studierzimmer gefunden hatte.
Auf einem Tisch in der Ecke waren Glaskolben und Zylinder aufgebaut, in denen verschiedenfarbige Flüssigkeiten gluckerten. In Regalen und überall, wo sich Platz fand, lagen Bücher und Schriftrollen herum. Der alte Zauberer hatte eindeutige Messie-Tendenzen.
»Es heißt Yolanda, nicht Dscholanda«, verbesserte ich ihn erneut.
»Hm, vielleicht sollten wir gleich mal damit anfangen« Marlon zog eine Schiefertafel, auf der eine Reihe komplizierter Formeln notiert war, in die Mitte des Raumes und drehte sie um.
»Könnt Ihr Euren Namen schreiben?«
Dumme Frage … Ich nahm ein Stück Kreide und schrieb in kunstvollen Lettern Y O L A N D A.
Marlon schüttelte den Kopf. »Diese Rune ist hierzulande verboten.« Er wischte das Y weg und ersetzte es mit einem J.
»Wie bitte?«, fragte ich verdattert. Was war denn falsch an meinem wunderschönen, triumphalen Ypsilon? Und was veranlasste die Menschen, einen unbescholtenen Buchstaben zu verbieten? Harpienfels war mir jetzt schon suspekt.
Marlon lehnte sich aus dem Turmfenster und sah aufmerksam nach links und rechts - als ob irgendwer im obersten Stock am Fenster lauschen könnte - schloss die Fensterläden und wühlte in einer Schublade seines Schreibtisches.
»Ich erkläre es Euch«, sagte er, während er eine Kerze entzündete und die Tür sorgfältig verschloss. Was hatte der alte Sack vor? Ein mulmiges Gefühl beschlich mich.
Marlon ließ noch einmal den Blick durch den Raum schweifen und malte dann mit zitternden Händen ein krakeliges Y auf die Tafel.
»Woran erinnert euch das?«
»An eine Schleuder, oder …«
Ich hob beide Arme zu einer Geste des Triumphes, doch der Alte schüttelte wieder den Kopf und setzte das Ypsilon in Klammern.
(Y)
»Und jetzt?«, fragte er und ließ erneut gehetzt den Blick durch den Raum schweifen.
Ich kratzte mich am Hinterkopf. »Ich habe keine Ahnung …«
Er drehte den Kopf und sah neben sich auf ein Bücherregal. Trotzdem entging mir nicht, wie Marlon unter seinem langen grauen Bart bis zu den Ohrenspitzen puterrot anlief. Dann deutete er auf meinen Schoß und kniff dabei sicherheitshalber die Augen zu. Mir klappte die Kinnlade herunter.
Na, der war ja zu drollig! Ich war gerade selber unsicher, warum ich absolut sprachlos war. War es nun die scheinbar kolossale Verklemmtheit des Alten, oder doch der Umstand, dass man deshalb einen unschuldigen Buchstaben verbat?
Mir kam da ein Gedanke.
»Hieß dieses Land vielleicht einmal Harpyienfels?«
»In der Tat, aber vergesst das am Besten sofort wieder.« Marlon beeilte sich, die Tafel mit einem nassen Schwamm und einem Stück Seife gründlich zu reinigen. »Bereits der Vater des jetzigen Kaisers Richard, Heinrich II., hat das Gesetz erlassen und die Verwendung des Buchstabens unter schwere Strafe gestellt. Es droht Kerkerhaft. Besonders bemerkenswert ist das, weil er selbst ein Ypsilon im Namen trug. Denn in unserer Sprache hieß er Henry.«
»Aber das ist doch kein Grund, Fenster und Türen zu verrammeln. Wir sind allein.«
»Ja, das denkt ihr vielleicht. Seit sich Richard auf dem Kreuzzug in die Südlande befindet, sitzt sein Bruder Prinz John auf dem Thron und versucht mit allen Mitteln, die Getreuen des wahren Kaisers auszuschalten. Und durch meine Schuld hat er jetzt das Prisma in Händen!«
»Und das heißt?«
»Das ist ein geschliffener Bergkristall, in dessen Facetten ich sehen kann, was sich überall im Lande tut.«
»Mehrere Bilder gleichzeitig? Das ist brilliant!« Ich erinnerte mich an meine treue Kristallkugel, die leider immer nur einen Ort zeigte. Ich malte mir aus, was ich mit so einem Ding alles bewerkstelligen könnte.
»Ja, aber ich Schussel ließ es unachtsam hier in diesem Gestell liegen.« Er deutete auf ein leeres Holzgestell, in dem spielend eine Kristallkugel der Größe M Platz gefunden hätte. »Und nun ist es fort. Gestohlen!«
»Und wie kommt Ihr darauf, dass Prinz John es hat?«
»Entweder er oder sein Sheriff. Wir haben, seit Richard in den Südlanden ist, bürgerkriegsähnliche Verhältnisse in Harpienfels. Die Menschen müssen immer höhere Steuern an den gierigen Monarchen bezahlen. Es gibt eine Gruppe Gesetzloser, die versucht, dem Steuereintreiber das Gold wieder abzujagen und den Armen zurückzugeben. Doch werden sie zunehmend von den Schergen des Sheriffs ausfindig gemacht und eingesperrt. Und das mit einer Präzision, die nur einen Schluss zulässt …«
»Dass jemand sie mit dem Prisma aufgespürt hat?«
»Ganz genau.«
»Aber warum holt ihr das Ding nicht zurück? Ihr seid doch ein Zauberer.«
»Weil ich noch keine Ahnung habe, wer es hat und wo es sich befindet. In der Zwischenzeit wird die Lage immer brenzliger, besonders für die Hoffnung auf einen Thronfolger. Wir befürchten das Schlimmste für Richards Rückkehr und bemühten uns, dem Text einer Prophezeiung folgend, um einen Kandidaten, der imstande ist, John und seine bösen Schergen vom Thron zu stoßen. Sollte er in die Hände des Schurken fallen, ist die gerechte Sache verloren.«
»Aber wenn dieses Prisma alles sehen kann, können sie dann nicht auch unser Gespräch belauschen?«
»Nein. Es zeigt nur Bilder ohne Ton, sonst wären wohl schon sämtliche Mitglieder der Verschwörung aufgeflogen.«
Das erinnerte mich an den kleinen Haken an meiner eigenen Kristallkugel und den triftigen Grund, warum es mir damals einfach nicht gelang, dieses jungen Zauberers habhaft zu werden. Irgendwas war ja immer …
»Vielleicht kann ich Euch helfen, Prinz John zu stürzen«, sagte ich und probierte meinen verführerischsten Augenaufschlag. Was hatte ich nur für ein Glück! Da purzelte ich unvermittelt in ein fremdes Land und bekam die Möglichkeit nach Herzenslust zu intrigieren auf einem silbernen Tablett geboten.
»Das könnte in der Tat hilfreich sein. Unsere Reihen werden immer lichter und ich bin der einzige Zauberer. Aber dafür ist es unerlässlich, dass Ihr die Harpienfelser Sprache beherrscht. Kommt, ich zeige Euch das Gästezimmer, und wenn Ihr bereit seid, können wir mit dem Unterricht beginnen.«
Also schön, das könnte doch noch etwas länger dauern …
Die nächsten Wochen verbrachte ich mit einem intensiven Crashkurs in Harpienfelsisch. Marlon stellte sich als guter und geduldiger Lehrer heraus und ich begann, den alten Mann gern um mich zu haben. Er hatte einen feinen, schwarz eingefärbten Humor, mit dem er mir über Harpienfels und dessen einfache Bewohner erzählte.
Der Mangel an Magie im Land zeigte sich besonders darin, das Nachrichten mit Hilfe von Tauben zugestellt wurden. Der Zauberer hatte mindestens ein Dutzend der Vögel in Käfigen, die unter der Decke in seinem Studierzimmer hingen und mir zunächst gar nicht auffielen. Diese Art der Nachrichtenübermittlung war doch absolut hinterwäldlerisch. Kein Wunder, dass sie den Krieg verloren haben.
In Ardavil funktionierte das mittels Runensteinen, die im Briefkasten lagen, und eines simplen Transportzaubers. Ich stellte mir vor, wie so ein kleiner Vogel meine wöchentliche Ausgabe der Bald-Zeitung hätte tragen sollen. In die winzigen Röhrchen, die Marlons Tauben an den Füßen trugen, passte sie jedenfalls nicht.
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