Ein Feuer brannte nun in mir, das mich beherzt ausschreiten ließ. Um eine weitere Bergspitze herum und mit neuer Entschlossenheit dem Ziel entgegen. Vielleicht fand ich Verbündete in dem fremden Land, mit denen ich dann zurückkommen könnte, um Rache an dem Mörder meiner Eltern zu nehmen. Plötzlich hatte ich Rauchgeruch in der Nase und … gebratenes Fleisch! Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Das hieß aber auch, dass hier jemand lebte.
»Sei vorsichtig, Yolanda!«, ermahnte ich mich, doch der Geruch wirkte wie ein Zauberinnenmagnet. Hinter der Biegung erblickte ich eine Höhle, vor der Schilde aus Fell und primitive Spieße in einem Gestell aus zusammengebundenen Ästen aufgestellt waren. Um eine Feuerstelle lagen ein paar kurze Baumstämme als Sitzgelegenheiten. Das sah mir sehr nach orkischem Mobiliar aus. Von den Bewohnern konnte ich keine Spur entdecken, aber sie mussten in der Nähe sein, denn über einem Bratspieß hing ein mäßig abgehäutetes Tier, das wohl einmal eine Ziege oder Gams war. Vermutlich hielten sich die Ungeheuer in der Höhle auf. Dicht an die Felswand gedrängt näherte ich mich dem Eingang und spähte um die Ecke. Ein etwa fünf Schritte breiter Gang, in dem mannsgroße Felsen lagen, führte leicht abwärts in eine natürliche Kaverne. Von den Bewohnern konnte ich keine Spuren ausmachen. Perfekt. Ich würde mir ein Ziegenbein ausleihen und zusehen, dass ich weiterkam. Geschwind näherte ich mich dem Braten und fuhrwerkte an einem Schenkel des Tieres herum - bog, drehte und zerrte, bis er sich löste. Verkohlte Stoppeln vom Fell rieb ich ab und schlug gierig die Zähne hinein. Ziege war wegen des strengen Geschmacks nicht unbedingt mein Leibgericht - da bevorzugte ich zarten Fasan oder Pasteten - aber in der Not …
Hinter mir erklang ein wildes Geschrei und ein hastiger Blick über die Schulter bestätigte: Der Mundraub war aufgeflogen und offenbar keineswegs von der Gastfreundschaft abgedeckt. Mit der Ziegenkeule in der einen und dem Kleidersaum in der anderen Hand machte ich mich hurtig davon, als sich neben mir bereits ein Speer in den Schnee bohrte. Das war wirklich nicht mein Tag! Der Verfolger, ein haariger Bursche mit Fellen und Ledergurten bekleidet, wandte mir den Rücken zu und bellte etwas in die Höhle hinein. Feigling! Der rief nach seinen großen Brüdern, oder wie? Zu viert rannten sie zeternd hinter mir her, und da meine Aufmerksamkeit ganz ihnen galt, rutschte ich auf einer vereisten Fläche aus und schlitterte in einer Rinne talwärts.
Die lange Herrschaft über einen Haufen Ungeheuer hat mich einige derbe Flüche gelehrt und die probierte ich jetzt alle einmal aus. In einer seichten, rundlichen Spur, in der etwas zur Höhle hinauf oder herunter geschleift worden war und durch den gepressten Schnee vereiste, nahm ich immer mehr Fahrt auf. Johlend folgten die Orks meinem Beispiel und warfen sich bäuchlings in die Rinne. In Serpentinen ging es mit rasant steigendem Tempo den Berg hinunter und ich rechnete besorgt aus, wie viel Yolanda in etwa übrig bliebe, falls ich unvermittelt auf eine Wand träfe. Wenn ich schon sterben sollte, dann nicht mit leerem Magen, also biss ich herzhaft in die Ziegenkeule, die ich immer noch umklammert hielt.
Während ich mich stärkte, überlegte ich fieberhaft, wie ich dem Quartett hinter mir am ehesten die Lust an der weiteren Verfolgung verleiden konnte. Ich spürte zwar, wie meine Kräfte langsam zurückkehrten, doch sollte ich trotzdem mit ihnen haushalten. Vier Ungeheuern die Füße auf die zehnfache Größe anschwellen zu lassen, klang zunächst recht amüsant, aber das ließ sich kaum bewerkstelligen, ohne mich erneut mächtig auszulaugen. Nein, da musste eine bessere Lösung her. Ich war satt und spielte mit dem Gedanken, die angekaute Keule einfach nach meinen Verfolgern zu werfen, doch ein Geistesblitz gebot mir, auch davon Abstand nehmen. Vielleicht konnte ich den fleischigen Knochen noch als Ruder oder Waffe gebrauchen. Eine innere Stimme schlug mir außerdem mit zynischem Unterton vor, anstelle von acht Orkfüßen lieber zwei Zauberinnenfüße zu vergrößern, was mir einen besseren Stand auf dem rutschigen Untergrund geben würde. Ich hielt ihr entgegen, dass ich dafür umso schlechter laufen könnte, aber sie lachte nur und meinte, ich sollte versuchen, auf den großen Sohlen über den Schnee zu gleiten. Sicher, jetzt war genau der richtige Zeitpunkt, um mit fragwürdigen Experimenten zu beginnen. Doch die Stimme ließ nicht locker und gaukelte mir Bilder vor, wie ich auf Riesenfüßen vor den Orks davonbrauste mit dem Ziegenbein als Steuerruder. Das wirkte schon in der Vorstellung dämlich und erniedrigend, wo es funktionierte! Wie sähe das Ganze in der Realität aus, in der ich nicht zur Körperertüchtigung neigte?
Die Gedanken wurden jäh unterbrochen, als die Rinne eine scharfe Kehre beschrieb, mein Körper aber unbedingt geradeaus weiter wollte. In hohem Bogen flog ich aus der Spur und purzelte durch den Schnee, der sich zwischen den Blättern und Nadeln auf dem Kleid festsetzte. Immer langsamer rollend blieb ich schließlich schnaufend liegen. Den Orks war es gelungen, in der Kurve zu bremsen und sie kamen brüllend angelaufen. Also gut, keine Zeit für Eitelkeiten. Ich war bereit, meiner inneren Stimme nachzugeben und stellte mir mit zusammengekniffenen Augen - ich wollte mir so eine Peinlichkeit nicht noch anschauen - vor, wie die Füße immer länger wurden.
»Hinten auch, wie bei einem Vogel, sonst fällst Du auf den Podex«, belehrte mich die Stimme. Vogelfüße? Pah! Zusammen mit dem laubverunzierten Kleid sah ich ja aus, wie eine Harpyie!
Meine Verfolger klangen inzwischen bedrohlich nahe, also gut. Mit aufsteigender Nervosität - der Weg talwärts sah sehr steil aus und ich vermeinte bereits den Atem der Orks im Nacken - stieß ich mich ab und nahm langsam Fahrt auf. Auf wackeligen Beinen wurde ich immer schneller. Allmählich gewann ich an Sicherheit, sowohl beim Halten des Gleichgewichts als auch in der Erkenntnis, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich bremsen sollte. Wenn ich mit meinem Steuerknochen den Boden erreichen wollte, musste ich tief in die Hocke gehen. Selbst als es mir gelang, das Tempo zu drosseln, indem ich die Abfahrt in Schleifen nahm, blieben die Orks immer weiter hinter mir zurück. Und es fing an, mir Spaß zu machen! Als ich mich dem Tal näherte, schob ich mein arkanes Muster den nächsten Hang hinauf und begann das Spiel von vorn. So kam ich relativ zügig durch die Berge des Todes.
»Moment mal«, unterbrach ich Yolanda und sah sie lauernd an. »Du willst mir erzählen, Du hast das Skifahren erfunden? Mal eben so und Dich gleich zum Profifahrer aufgeschwungen?«
»Ich habe keine Ahnung, was Du da faselst, alter Mann. Ski? Aber genau so hat es sich abgespielt, ich schwöre. Vielleicht bin ich ein Naturtalent? Was sag ich? Ganz gewiss bin ich das! Naja … Wenigstens, bis dieses Schneebrett zu Tal rutschte …«
»Erzähl!«, forderte ich sie neugierig auf und nahm die Brille von der Nase, um sie zu putzen.
»Da gibt es eigentlich nicht viel zu berichten. Ich hatte mich auf einen vermeintlichen Vorsprung auf einem kleinen Berg versetzt, als mein elfengleiches Gewicht den Boden zum Einsturz brachte. In einer donnernden Lawine ging es purzelnd talwärts. Die ganze Welt drehte sich in einem irrsinnigen Tempo, sodass ich bald nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Zu schnell, um mich aus der Situation zu retten. Ich konnte einfach keinen Punkt fixieren und mir wurde schwarz vor Augen.
2. Kapitel: Willkommen in Harpienfels
Als ich erwachte, befand ich mich in einem Käfig auf einem Pferdekarren, der im ummauerten Innenhof eines Turmes vor dem Eingang hielt. Auf dem Kutschbock saßen zwei Burschen in einfacher Kleidung, wie sie von der Landbevölkerung getragen wurde. Der Kutscher sprang hinab und hämmerte mit der Faust gegen das schwere Tor, nahm seine Mütze vom Knopf und knetete sie nervös in den Händen.
Читать дальше