
Es gab aber auch unangenehme Ereignisse, wie zum Beispiel die Sache mit dem Bunker. Es gab anscheinend wirklich einen in der Nähe der metallverarbeitenden Fabrik, neben dem Weiher. Woher ich den Jungen, mit dem ich damals unterwegs war kannte, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall spielten wir in einem nicht sehr großen Feld so herum und fanden plötzlich eine Öffnung in einem Betonbereich. Rundherum wuchs Unkraut und Gestrüpp. Die Öffnung war quadratisch, ca. 50 auf 50 Zentimeter und an der Öffnung beginnend mit einer bereits sehr verrosteten Metall-Leiter befestigt. Er stieg mutig hinab ins dunkle. Von unten rief er mir zu, Ben hier liegen Maschinengewehre und Munition, komm herunter. Ich meinte warum, bring doch einfach etwas hoch und er antwortete, das ist alles so schwer, ich schaffe das nicht alleine. Mir kam die Sache mehr als merkwürdig vor, da er ja unten kein Licht hatte und eigentlich nicht viel sehen konnte. Ich nahm ihm die Geschichte mit den Waffen nicht ab und stieg aus Furcht auch nicht zu ihm hinunter.
Mein Vater restaurierte schon damals seine Geigen und war ein begeisterter Bastler. Auch an Fernsehgeräte traute er sich heran und versuchte, offensichtliche Mängel zu beseitigen. Als er bei einem alten Fernseher erkannte, dass dieser nicht mehr funktionstüchtig zu machen war, wies er mich an, den Netzstecker mit der auf dem Küchentisch liegenden Schere abzuschneiden. Ich trennte den Stecker mit einem Schnitt der großen Schere vom Stromkabel. Der große Fehler meinerseits war nur der, dass sich der Stecker des Kabels noch in der Steckdose aufhielt, und ich bekam eine gute, blitzende und schmerzende Lektion verpasst. Zusätzlich der Schelte meines Vaters.
Sonntags spielte direkt vor unserem Haus auf der großen Wiese ein Blasorchester. Es war herrlich und eine sorgenfreie, schöne Zeit, die ich hier erlebte, bis auf die Schulen. Die hasste ich. Besonders in der Winterzeit - kann ich mich erinnern, dass mich meine Mutter mitten in der Nacht, so kam es mir zumindest vor, anzog, um mich für die Schule vorzubereiten. Nie habe ich es verstanden, warum man so früh zur Schule musste und gewöhnte mich auch nie so recht daran. Sehr oft musste ich beginnend der ersten Klasse die Schulen wechseln, da die erste Schule, die ich besuchte nur die Klassen 1 bis 2 unterrichteten, die nächste die Klassen 3 bis 4 und die 5. Klasse befand sich wieder in einer anderen Schule in einer anderen nahegelegenen Stadt. 1970 zogen wir wieder nach Kaiserslautern und musste mich wieder umgewöhnen. Es war nicht einfach zu dieser Zeit, richtig zu lernen und auch einen Freundeskreis aufzubauen.
Wie alle Kinder freuten wir uns wahnsinnig auf Weihnachten. obert und ich verbrachten eine ganz besondere Weihnachtszeit, weil unsere lieben Eltern sich so richtig Mühe mit der Weihnachtszeremonie machten. Meine Mutter war zuständig für das Schmücken des Weihnachtsbaumes. Mein Vater ging vor 16:00 Uhr vor der Bescherung mit uns in den Wald, im damals noch üppigen Schnee spazieren.
Wenn ich so daran denke, waren es die besten Eltern der Welt, die mir Gott auf meinen Weg durchs Leben geben konnte und ich liebte sie sehr. Den Wohnzimmerbereich und die Küche trennten sie durch eine dunkle Decke. Kurz vor vier durften wir herein und zusammen feierten wir bei Weihnachtsmusik unseren Heilig Abend. Danach schauten wir auf unserem alten schwarz/weiß Fernseher fern. Wie heute brachten sie Jesus Filme. Als in einem Film ein Teil kam, an dem Jesus gekreuzigt wurde und vor Schmerzen schrie, rannte ging ich wortlos in die Küche, hielt mir meine Ohren zu und weinte vor Schock erbärmlich. Wahrscheinlich versetzte ich mich zu tief in die Leidensgeschichte Jesu. Meine Mutter hatte das nie mitbekommen. Damals gab es nur 3 Programme und unglücklicherweise brachten sie dann abends einmal auch den klassischen Horrorfilm Dr. Jekyll & Mr. Hide, der mich als Kind ganz schön erschaudern ließ.
Als ich 10 Jahre alt war und schon einige Freunde gefunden hatte, bekam mein Vater ein Anstellung am Pfalztheater in Kaiserslautern. Ich war wirklich sehr traurig, den geliebten und in mein Herz geschlossenen Ort verlassen zu müssen, um wieder nach Kaiserslautern zu ziehen. So herzensgerne wäre ich dort aufgewachsen. Vielleicht wäre dann mein ganzes Leben auf einer ruhigeren Schiene abgelaufen, worüber man sich jedoch auch nicht so sicher sein konnte. Noch nicht einmal mit der Verabschiedung mit Silke hatte es zeitlich vor der Abreise mehr gereicht. Von Kaiserslautern aus schrieb ich ihr dann ab und zu einmal und sie antwortete mir auch. Das heißt, ihre Mutter schrieb für sie, da sie noch nicht schreiben konnte. Irgendwann verlief sich der Schreibkontakt im Sand, da sie nach Kreuztal umzogen.
Der Strom:
Als Kind schon bastelte ich immer sehr viel an alten Radios herum, ganz wie der Vater und interessierte mich sehr für das elektrische Innenleben. Unsere Keller im Haus waren als Zimmer umgebaut. In meinem Zimmer stand ein alter Ölofen und es war noch kein Teppichboden gelegt, so dass nur die nackte Estrichfläche zu sehen war. Sehr eigenartige Angewohnheiten hatte ich, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, denn nachdem ich gebadet hatte und meinen Schlafanzug anzog, ging ich hinunter in mein Zimmer, wo meine Mutter und meine Oma mit Mühe versuchten, den Ölofen, der anscheinend nicht richtig zog, in Gang zu bringen. Auf meinem Tisch an der Wand stand das uralte Radio offen mit der Rückwand zu mir stehend, so dass ich die verstaubten, alten Röhren sehen konnte. Ziemlich neben dem Radio, links stand eine alte, schwere metallene Tischlampe ohne Farbanstrich. Noch etwas feucht am Körper fummelte ich im Radio herum, dessen Netzstecker sich noch in der Steckdose befand. Mit der metallenen Tischlampe und einer stromführenden Leitung im Radio kam ich unglücklicherweise gleichzeitig in Kontakt. Leuchtend wie eine Glühbirne muss ich ausgesehen haben, denn der Strom floß nun, hervorragend geerdet mit Freude, durch die Feuchte meines kleinen Körpers von einer Hand geradlinig zur anderen und bildete den schönsten Stromkreis, den man sich nur vorstellen kann. Nie hätte ich gedacht, dass man Strom innerhalb seines Kopfes so hören konnte.
Sehen konnte ich mit steifen Augen noch und erblickte meine Oma und meine Mutter, sich beugend über den unfähigen Ölofen, der nicht so recht wollte, mit dem Rücken zu mir gewandt. Wie ein Gekreuzigter stand ich da, beide Arme nach links und rechts ausstreckend, so fühlte ich mich, fast mich selbst von außerhalb betrachtend. Meine Mutter erwähnte später, als ich sie nach meinem Zustand zum Zeitpunkt meines Strombesuches fragte, ich hätte leise gestöhnt. Der Strom hörte sich brachial, gewaltig und brutal, ohne sich lösende Gnade, wie ein riesiger Transformator an und ich spürte erstaunlicherweise nicht im geringsten eventuell aufkommende Schmerzen. Aber ich war von Kopf bis Fuß starr gelähmt wie eine Statue und konnte mich nicht mehr bewegen. Ich klebte noch ganz gut an den Kontakten und fiel durch den Verlust meines Gleichgewichtes zusammen mit Radio und Lampe auf den Boden. Noch immer floß der Strom, fast unaufhaltsam durch meinen Körper. Nur wenn jemand die Stromzuführung unterbrach, hätte ich eine Möglichkeit zum überleben gehabt.
Als ich auf dem Boden lag, der Strom ließ noch immer nicht locker und meine Mutter und Oma erst einmal erschraken, mussten sie erst einmal erkennen, was mir in diesem Moment geschah und was genau in solch einer Situation zu tun war. Bestimmt vergingen etliche Sekunden, bis sie dann sämtliche Netzstecker zogen. Überlebt !!! Ich stand unter starkem Schock. Wären meine Mutter und Oma nicht zufällig im Raum gewesen und hätte der blöde Ofen nicht gestreikt, könnte ich nun all diese Geschichten nicht mehr erzählen. Es war, als wenn ein unsichtbarer Engel im Raum gewesen wäre und das Timing passte. Es dauerte eine Weile, bis ich mich von diesem Grauen erholt hatte und ging seitdem mit Elektrik etwas vorsichtiger um.
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