Es war ein Traum der Wirklichkeit, und er kostete ihn aus. Dass die Familie alles so sorgsam vorbereitet hatte! Was zählte dagegen der Kampf um die Zustimmung zur Reise, der mit den Instanzen geführt worden war, vom Reviervorsteher bis hinauf zum Reichssicherheitshauptamt, oder das ständige, wohlgemeinte Sorgen und Fragen der Schwester, ob Anton nun auch wirklich und für immer "vernünftig" sein werde.
Die Hungergruben in Antons Gesicht verschwanden langsam, das dunkle Haar verwuchs den entwürdigenden Kahlschnitt, kräuselte sich in alter Unbekümmertheit. Anton hatte jene Haut der Brünetten, die sich nicht schält. Braun war er, ein junger Athlet. Jeden Tag schwamm er weite Strecken. Wasser steigerte seine Lebenslust. Er bewegte sich in ihm wie ein Seehund. Und am schönsten war das Spritzen, Panschen und Tollen mit den Kindern. Toni war ihr Liebling, der voller Kurzweil und Allotria steckte. Wen er mit seinen blaugrauen Augen anblitzte, der musste mitlachen. Ja, Kinder! In ihrer Gegenwart vergaß er die schwere Vergangenheit.
Schmunzelnd gedachte er der kleinen Listen, mit denen er sich jedes Mal aus ihrer Mitte stahl, um einsam in den Dünen zu dösen. Lauschend wandte er den Kopf. Sie suchten ihn. Jetzt wehte es lauter herüber: "Toooniii, wo biiist duuu?"
Seufzend erhob er sich mit glücklichem Lächeln. Er wurde jubelnd empfangen. Der Kleinste stand in ihrer Mitte, hielt mit dicklichen Armen einen riesigen Ball über dem Kopf. Schnell war ein Kreis gebildet, und der Ball begann zu wandern. Anton warf ihn schwungvoll quer durch den Kreis Christine zu, die ihn verfehlte. Weit schoss er hinaus, sprang gegen den Wall einer Strandburg und dann gegen ein schlankes Knie.
"He, wirfst du uns mal den Ball her?" rief Anton.
Das Mädchen war schon im Begriff gewesen, sich zu bücken. Der Anruf erregte ihre Abwehr. Hochmütig ging sie hinunter zum Strand. Der hatte ja Fuhrmannsmanieren! Schließlich war sie keine Göre mehr, beinah siebzehn. Sie watete ins Wasser und ließ sich vom Wellenschlag die Kniekehlen kitzeln. Die Kinder spotteten, und sie hörte, wie dieser Toni sie begütigte. Er fragte, ob einer wüsste, wie sie heiße.
"Dagmar Hartwig", sagte Christine, "sie sind gestern in unserer Pension angekommen."
Anton rief ihr zu: "Dagmar, willst du nicht mitspielen?"
Da kannst du lange warten, dachte sie, warf verächtlich die Schultern und schwang sich mit einem Hechtsprung nach vorn. Geübt kraulte sie eine weite Strecke, immer dem prächtigen Glitzern nach. Wunderbar trug das Meerwasser. Als sie sich nach einer Weile auf den Rücken legte, staunte sie, wie fern der Strand bereits war, wie klein die Menschen und Dinge dort. Sie sah, dass dieser Toni die Hand über die Augen hielt und ihr winkte umzukehren. Was der sich einbildete, sie war Klassenbeste im Schwimmen. Trotzig warf sie sich wieder nach vorn, zog weiter dem Horizont entgegen. Sanft hob und senkte sich die Dünung.
Plötzlich wurde ihr die Stille bewusst. Sie warf einen hastigen Blick über die linke Schulter. Winzig lag dort der lange Anlegesteg für die Bäderdampfer. Umkehren? Dann denkt der Kerl womöglich, ich gehorche ihm.
Sie merkte, wie ihre Bewegungen langsamer wurden. Ein neuer Blick sagte ihr, dass Toni seine Bemühungen aufgegeben hatte. Der Strand schien verlassen. Es musste bald Mittag sein. Schön, kehren wir um. Sie legte sich zurück und schwamm auf dem Rücken. Arme über den Kopf, Stoß, Ausatmen - Einatmen, Arme über den Kopf ... Endlich drehte sie sich um und erschrak: Das Land schien jetzt noch weiter entfernt zu sein. Sie kraulte angestrengt. Das rettende Land kam nicht näher. Und nun noch ein Krampf in der rechten Wade. Ruhe bewahren, redete sie sich Mut zu, legte sich auf den Rücken und begann zu massieren. Sie schluckte von dem Bittersalzigen. Der Krampf war hartnäckig. Sie fühlte sich grenzenlos einsam und fror plötzlich.
Vorsichtig machte sie wieder Kraulschläge, wurde schneller, kämpfte verbissen. Krampf in beiden Waden. Sie spürte Tränen der Mutlosigkeit und erschrak vor der eigenen Stimme. "Hilfe!" hörte sie sich rufen. Der Ton war dünn wie ihre Hoffnung.
Hatte sie schon Halluzinationen? Von halb rechts hinter sich hörte sie deutlich: "Nicht nervös werden!"
Schwach wandte sie den Kopf und sah Toni kommen. Mit schnellen Stößen war er heran und lachte beruhigend. "Kleiner Krampf?"
Sie nickte, hatte Mühe, kein Wasser zu schlucken. "In - beiden - Waden."
Er schwamm hinter sie, hob in der Art der Rettungsschwimmer ihre Schultern. "Ruhe, Ruhe - tief atmen - ganz entspannen."
Gehorsam lag sie und wurde wirklich ruhig. Sacht begann sie, die verhärteten Muskeln zu massieren. Nach einer Weile sagte sie erlöst: "Endlich."
Er hob den Arm aus dem Wasser und wies mit der Handkante die Richtung: "Kurs Anlegesteg - weiter, aber dorthin geht's am leichtesten."
Folgsam schlug sie die angegebene Richtung ein. Er schwamm halb rechts vor ihr und ließ sie nicht aus dem Blick.
Schrecklich langsam kam der Steg näher.
Endlich spürte sie Sand unter den Zehen. Er nahm sie bei der Hand, nebeneinander wateten beide aufs Trockene. Ihr zitterten die Knie. Erschöpft sank sie nieder. Ihr Gesicht war blass, die Lippen hatten einen bläulichen Ton, und die kecke Stupsnase schien schmal und spitz geworden. Er stand vor ihr und betrachtete sie nachsichtig.
Vor Verlegenheit zerrte sie die Kappe vom Haar, warf sie achtlos in den Sand und sagte schluckend: "So - und nun - können Sie - können Sie allen erzählen, dass - dass Sie einer eingebildeten Pute das Leben gerettet haben."
Es belustigte ihn. "Erstens stimmt es nicht; zweitens finde ich Prahlhänse unausstehlich; drittens haben Sie für Ihre Waghalsigkeit auch ohne den Spott der andern genug gebüßt."
"Wenn Sie nicht gekommen wären, hätte niemand bemerkt, wie ich ertrinke."
"Es stirbt sich nicht so schnell."
Sie erschrak, weil er plötzlich so finster aussah. Um ihn wieder in guter Laune zu sehen, fragte sie mit einem Blick schräg von unten herauf: "Vorhin haben Sie du gesagt."
Seine Stirn glättete sich wieder. "Es war wohl nicht angebracht."
"Aber jetzt fände ich es angebracht."
"Na, also dann, Dagmar, wollen wir Mittagessen gehen?"
Kameradschaftlich gab er ihr die Hand, und sie machte sich schwer, als er sie hochzog. Sie gingen schweigend bis zur großen Dorfdüne, wo sich der schmale Weg gabelte. Anton blieb stehen. "Ich muss hier hinunter. Tschüs denn, Dagmar, bis ... "
Sie blinzelte ihn an. "Bis ...?"
"Sagen wir bis morgen Vormittag, beim Ballspiel?"
Sie überhörte die Anspielung, tat trotzig und druckste: "Ach, und heute Nachmittag schlafen Sie wohl wegen - wegen der Strapaze?"
"Nee, das nicht", er kratzte sich das feucht verwuschelte Haar, "aber nachmittags gehe ich immer spazieren. Ich liebe Kiefern, bin in Berlin geboren. Weiter weg ist auch Buchenwald." Sie tat sehr erstaunt.
"Tatsächlich? Und ich dachte, hier gibt' s bloß diese langweiligen Kiefern."
Das ist die Bitte um eine Einladung, dachte er und tat ihr den Gefallen. "Wenn du Lust hast, können wir uns auch die dicken Buchen ansehen, aber unter einer Bedingung."
"Oho."
"Du und Sie, das ist so ein komischer Mischmasch. Entweder beide Sie oder beide du."
"Ich bin für du." Übermütig warf sie die Haare nach hinten.
"Um drei dann, am Dorfausgang."
"Einverstanden." Sie gab ihm die Hand und ging rasch davon. Mehrmals noch schaute sie sich um und winkte.
Kurz vor drei Uhr saß Anton auf einem bemoosten Findling am Dorfausgang und betrachtete einen Ameisenhaufen. In seinem Kopf wimmelten die Gedanken. Seine Gutmütigkeit hatte sich von Dagmar provozieren lassen, sie einzuladen. Erwartete sie etwa einen Flirt? Sie war ein nettes Mädel, intelligent, verwöhnt, aber offenherzig. Er würde sie enttäuschen müssen. Anders als in der Einsamkeit der Zelle, aber ebenso stark empfand Anton, wie sehr Elsbeth in all seinen Gedanken war.
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