An dieser Stelle seiner Überlegungen meldete sich sein Adjutant - Georg Atahasi – über den ABC, als der Alarm losging.
In allen Räumen des hantelförmigen Raumschiffes ertönten schrille Alarmpfeifen mit kurzem, immer wieder nach oben gerichtetem Klang. Ähnliche Töne gab auch der ABC direkt an das virtuelle Gehör aus, während auf allen aktivierten Holoschirmen ein rot blinkendes Gefahrensymbol aufblinkte.
Der ABC meldete, dass sein Adjutant und der Kapitän - Commander Hegenbosch - fast gleichzeitig versuchten, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Es wurde auch bereits an seine Tür geklopft. Die Geräusche der Maschinen hatten sich plötzlich ebenso verändert wie die Geräusche der Menschen.
Sein ABC aktivierte die Verbindungen zu beiden Anrufern, und Van Hanroy begab sich zur Tür und öffnete sie.
Innerhalb weniger Sekunden hatte sich der ereignislose Flug vom Orionarm ins Zentrum der Galaxis plötzlich zu einem hektischen Abenteuer entwickelt. Er wäre jedoch nicht der Führer der Menschheit geworden, wenn ihn diese mehr oder minder gleichzeitig ablaufenden Ereignisse völlig erschüttern hätten können.
Er nahm die Meldung des Commanders zur Kenntnis, dass ein Ereignis eingetreten sei, das es gar nicht geben könne. Die >Solares Empire< sei an noch unbekannten Koordinaten in den Normalraum zurückgestürzt. Man wisse noch nicht warum. Der Wachführer meldete, dass alle sofort eingeleiteten Überprüfungsmaßnahmen keine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben des Präsidenten ergeben habe. Mehr wisse man noch nicht.
Nach und nach trafen bei Commander Hegenbosch aus allen Sektionen des Schiffes mehr oder weniger beunruhigende Nachrichten ein, deren Tenor war: „Keine unmittelbare Gefahr, aber wir wissen nicht, was eigentlich passiert ist.“
Dann wurde der Alarm abgestellt, und das enervierende Pfeifen verstummte ebenso wie das Blinken der Gefahrensymbole auf den Schirmen.
Entschlossen benachrichtige Van Hanroy seinen Adjutanten: „Wir sehen uns mal in der Zentrale um. Ich denke, wir brauchen einen persönlichen Eindruck von den Dingen“, sendete er und verließ die Präsidentensuite. Atahasi und Van Hanroy machten sich auf den Weg durch die Gänge und Antigravlifte, um zur Zentrale zu gelangen.
Dort angelangt, fanden die beiden Neuankömmlinge ein geordnetes Chaos vor. Die ABCs der Zentrale-Besatzung waren imstande, eine ungeheure Datenflut fast gleichzeitig zu verarbeiteten. Man sollte daher meinen, dass es so viele Minuten nach der Alarmauslösung zumindest Meinungen über die Ursache des unerwarteten Hyperraumausbruchs geben sollte. Tatsächlich schwirrten aber noch immer die unterschiedlichsten Theorien durch die virtuelle Welt, und einige Besatzungsmitglieder diskutierten sogar mit Worten.
„Die nächste Sonne - Spektraltyp A2 – befindet sich rd. 9,2 LJ an den Koordinaten...“, ertönte eine Stimme in diesem Augenblick und rasselte in schneller Folge einige Zahlen und Ziffernkombinationen herunter, die weder Van Hanroy noch Atahasi etwas sagten.
„Soweit wir festgestellt haben, ist diese Sonne der am nächsten gelegene Stern. Er befindet sich direkt hinter uns“, übersetzte Commander Hegenbosch die Angaben der Scannerbesatzung. „Der Hyperfunk funktioniert ebenfalls nicht. Der Normalfunk scheinbar schon. Bis jetzt haben wir noch immer keine Ahnung, warum wir aus dem Hyperraum in den Normalraum zurückgefallen sind. Es geschah ohne erkennbare Auswirkungen auf das Schiff. Unsere Datenbanken sagen, dass so etwas in der Raumfahrtgeschichte Terras noch nie vorgekommen ist“.
„Und wir sind 9 Lichtjahre weit weg von der nächsten Sonne?“
„Ja. Und wir waren genau auf Kurs. So viel haben wir festgestellt.“
„Haben Sie schon eine Idee, was wir jetzt machen?“
„Als nächstes versuchen wir herauszufinden, ob uns etwas geschehen kann, wenn wir versuchen, wieder eine Hyperraumphase einzuleiten.“
„Ich würde gerne hier bleiben und die Vorgänge an Ort und Stelle verfolgen.“
„Gerne, Mr. President, nehmen Sie beide hier Platz.“ Mit diesen Worten deutete Commander Hegenbosch auf eine Sesselgruppe, die zu Besprechungszwecken in der Nähe des Kommandostandes stand.
Präsident Van Hanroy und Atahasi schalteten ihre ABCs wieder auf die Kommandofrequenz des Schiffs und sahen sich interessiert um. Seit dem unerhörten Zwischenfall waren nun schon mehr als 15 Minuten vergangen und niemand hatte eine vernünftige Idee, was ihren Flug durch das unbeschreibbare Kontinuum des 5-D-Raumes wohl unterbrochen haben könnte.
Nach einigen weiteren Minuten konnten sie verfolgen, wie Commander Hegenbosch und die Zentralebesatzung beschlossen, die Reise durch Einleitung eines weiteren Hyperraumfluges fortzusetzen. Kaum hatte der Pilot die entsprechenden Kommandos abgesetzt, als er auch schon, an den Kommandanten gewandt, meldete: „Chancenlos, Sir. Es werden alle Kommandos ausgeführt und alle maschinellen Sequenzen abgearbeitet. In jener Millionstelsekunde, in der das Eintauchen in das übergeordnete Kontinuum erfolgen soll, passiert dann – nun – genau überhaupt nichts, absolut nichts, kein einziges Kontrollinstrument sagt uns, warum nichts passiert. Es geschieht halt nur einfach nichts.“ Seiner Stimme war eine gewisse Verzweiflung anzuhören.
Diesmal schwirrten auch keine anderen Vorschläge oder Meinungen durch die virtuelle Welt. Niemand hatte mehr einen konkreten Vorschlag.
Auf dem umlaufenden Holoschirm, der in zwei Meter Höhe über dem Boden der Zentrale begann und sich über die gesamte Zentralekuppel erstreckte, waren Millionen von funkelnden Sternen zu sehen. So nahe dem Zentrum der Milchstraße, waren manche Sternballungen schon zu einem gleißenden Lichtfleck zusammengewachsen. Die Aussicht war eigentlich überwältigend, hätte das Gefühl der Hilflosigkeit nicht alles andere überwogen. Unter dem Panoramaschirm waren die vielen kleineren Nebenschirme der einzelnen Stationen angeordnet. Sie zeigten die unterschiedlichsten Diagramme, blitzende Zahlenreihen, Kolonnen von sich ändernden Parametern oder auch stillstehende Werte und Grafiken. Bloß niemand hatte eine Idee, wie es jetzt weitergehen könnte.
„Ich muss wohl kaum in Erinnerung rufen, wieviel 9,2 Lichtjahre durch den Normalraum sind?“, fragte Commander Hegenbosch in diesem Moment mit etwas belegter Stimme. „Und ob diese Sonne dann Planeten hat und ob diese dann auch bewohnt sind, und wenn ja, von wem, wissen wir natürlich genauso wenig.“ Nach einer Pause des Überlegens setzte er dann fort: „Abgesehen von der Zeitdilatation, die eintreten würde, wenn wir 9,2 LJ mit annähernd Lichtgeschwindigkeit zurücklegen wollten. Für uns würden mehr als 9 Jahre vergehen, für den Rest der Galaxis aber viele Jahrzehnte.“
Van Hanroy fasste das Wesentliche der inzwischen bekannten Fakten zusammen: „Wir fielen also mehr als 9 LJ von der nächsten Sonne entfernt in den Normalraum zurück. Wir wissen nicht, warum, und ein neuerlicher Hypersprung gelingt ebenfalls nicht. Zusätzlich ist der Hyperfunk ausgefallen“. Nach einem Rundblick durch die gesamte Zentrale setzte er fort: „Das alles soll ich für einen Zufall halten?“
Hegenbosch klang ziemlich verzweifelt: „So viel Zufall gibt es nicht, Sir. Allerdings haben wir keine andere Erklärung.“
„Hat sonst noch jemand eine Idee?“
Niemand meldete sich. Betretenes Schweigen dehnte sich in der Zentrale aus, das man fast körperlich spüren konnte.
Hegenbosch ließ sich neuerlich vernehmen: „Wir können uns keinen Weg vorstellen, den es geben könnte, ein Raumschiff zu orten, das sich im Hyperraum befindet. Es gibt keine Möglichkeit, es zu sehen, anzufunken, oder was auch immer. Es ist in unserem normalen, vierdimensionalen Raum einfach nicht vorhanden.“
„Commander, in etwa 100 km Entfernung ist plötzlich etwas aufgetaucht“, ertönte eine aufgeregte Stimme mitten hinein in die grübelnde Stimmung.
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