„Ich hoffe, dass Sie uns dabei behilflich sein können“, schaltete sich Kommissar Lindgren wieder ein. „Wo finden wir seine Mutter, Ihre Schwester?“
„Auf dem Friedhof, neben ihrem Mann“, seufzte Rasmussen. „Sie ist vor einigen Wochen gestorben.“
„Mein aufrichtiges Beileid!“, sagten beiden Polizeibeamten beinahe im Chor, und Gulbrandsen fragte nach einer kurzen Pause: „Kann es sein, dass Lars davon wusste und deswegen die Nerven verlor?“
„Wann ist Lars denn gestorben?“
„Offiziell am 14. Oktober dieses Jahres.“
„Nein, meine Schwester ist erst kurz danach verstorben.“
„Vielleicht, weil sie es gespürt hat?“
„Schon möglich. Meine Schwester Inger war zuletzt dement und brauchte rund um die Uhr Pflege; aber vielleicht hat sie es gespürt. Es ist schwer zu sagen, was in demenzkranken Menschen vor sich geht. – Aber ob Lars zu einem Suizid fähig ist … war, kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen. Er war in der Tat sehr labil, das ist unbestreitbar. Ich weiß gar nicht, wo er sich zuletzt aufhielt.“
„Wo war er denn Ihres Wissens zuletzt?“
„Auf der Insel Aspö, südlich von Karlskrona. Er arbeitete dort als Volksschullehrer.“
„Aha, interessant. Damit haben wir eine weitere Spur.“
„Wir müssten mehr über Lars selbst wissen“, warf Gulbrandsen ein. „Was können Sie uns über Ihren Neffen erzählen?“
„Tja, ich fürchte, nicht viel. Ich kannte ihn praktisch nur vom Sehen, obschon ich sein Patenonkel bin. Er war nicht sehr kommunikativ. Wir wohnen noch nicht lange hier auf Söndergård. Wir haben es nach dem Tod meiner Schwester übernommen, damit es in Familienbesitz bleibt. Ich habe meinen Firmensitz deswegen aus der Stadt hierher verlegt. Es ist keine ganz praktische Lösung, so weit draußen vor der Stadt; aber wenigstens ist hier Platz, und wir sparen uns die Miete für die Lagerhallen.“
„Was für eine Firma haben Sie?“, erkundigte sich der Vizekommissar.
„Auch ein Handelsunternehmen. Wir sind eine Handelsfamilie. – Lars hätte in die Fußstapfen seines Vaters treten sollen; aber ihm lag das Handelsgeschäft nicht.“
„Aber Lehrer – wenn er so verschlossen war …“, murmelte Gulbrandsen.
„Ich empfehle Ihnen“, sagte Rasmussen, „mit seinem ehemaligen Kindermädchen Kontakt aufzunehmen. Wenn jemand etwas über ihn weiß, dann sie. Die Adresse des Kindermädchens kann ich Ihnen aufschreiben. Außerdem gibt es noch seine ehemalige Verlobte, Dörthe Grabert. Auch sie kann Ihnen gewiss wichtige Auskünfte geben.“
„Wo finden wir sie?“
„Fräulein Grabert wohnt in Lyckeby, im Norden von Karlskrona. Sie ist dort Lehrerin.“
„Wieso ehemalige Verlobte?“
„Es kam zwischen beiden zu Unstimmigkeiten, deretwegen sie sich offenbar schließlich getrennt haben. Fräulein Grabert war einmal da, um zu fragen, ob Lars hier sei. Er sei verschwunden und habe sich seitdem nicht mehr gemeldet; aber er war nicht hier bei uns und wir wussten auch nichts. Genaueres wird sie Ihnen selbst sagen können.“
„Vielen Dank“, sagten beide Polizeibeamten gleichzeitig, der eine auf Dänisch, der andere auf Schwedisch, und verabschiedeten sich. Auf der Schwelle zum Wohnzimmer drehte sich Gulbrandsen noch einmal um und fragte: „Lars war doch hier zu Hause. Gibt es hier irgendwelche Dokumente, Unterlagen, die von Interesse sein könnten?“
„Mit Sicherheit. Aber es ist alles oben auf dem Dachboden eingelagert. Ich müsste Sie bitten, irgendwann in den nächsten Tagen wiederzukommen. Das dürfte eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen.“
„Das kennen wir“, meinte Kommissar Lindgren. „Zu unseren Aufgaben gehört schließlich auch das Wühlen in staubigen Akten. Ich muss schon niesen, wenn ich nur daran denke.“
Bevor sie das Haus verließen, konnte sich Vizekommissar Gulbrandsen nicht verkneifen zu bemerken: „Herr Rasmussen, Sie sehen Ihrem Neffen ziemlich ähnlich.“
„Das sagen viele“, erwiderte er mit einem betrübten Lächeln. „Also bis die Tage!“
Rosalinde Svensson, geborene Kongstad
An der Tür klopfte es. Auf das laute „Herein!“ Kommissar Lindgrens öffnete sich die Tür und ließ eine junge Frau von etwa fünfunddreißig Jahren herein.
„Guten Tag, mein Name ist Rosalinde Svensson. Ich wurde für heute bestellt.“
„Guten Tag, Frau Svensson“, begrüßte sie Kommissar Lindgren. „Danke, dass Sie sich umgehend gemeldet haben. Nehmen Sie Platz. Das ist Vizekommissar Gulbrandsen aus Kopenhagen. Er ist mit den Ermittlungen betraut. Sie sind also Rosalinde Svensson, geborene Kongstad, geboren am – und so weiter – in – et cetera.“
Die Gefragte bejahte.
„Sie wissen, warum Sie hier sind? Vor zwei Wochen wurde Lars Henström aus dem Öresund gefischt.“
„Das wurde mir bereits mitgeteilt. Ich kann es gar nicht fassen! Weiß man Näheres?“
„Es sieht nach Selbstmord aus; aber die Umstände sind unklar. Vielleicht können Sie uns weiterhelfen.“
„Sehr gern. Ich möchte die Wahrheit auch erfahren. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Indem Sie uns erzählen, was Sie über ihn wissen. Seit wann waren Sie im Hause Henström als Kindermädchen tätig?“
„Gleich nachdem die Familie Henström von Kopenhagen nach Schweden zurückgekehrt war, suchte Frau Henström per Zeitungsinserat nach einem Kindermädchen für ihren Sohn, und da ich gerade die Haushaltsschule abgeschlossen hatte und ich auf der Suche nach einer Anstellung war, bewarb ich mich und wurde genommen. Inzwischen habe ich selbst Kinder.“
„Dann haben Sie Lars doch sicher gut kennen gelernt“, bemerkte Kommissar Lindgren. „Was können Sie uns über ihn erzählen?“
„Lars war schwindsüchtig und gesundheitlich angeschlagen, als die Familie wieder nach Schweden kam“, begann sie zu berichten. „Er wirkte apathisch. Der Abschied von Dänemark muss ihm schwergefallen sein. In der Anfangszeit sprach er nur dänisch, kein Wort schwedisch. Nicht, weil er es nicht konnte, sondern eher wohl aus Trotz. Hier in Blekinge fällt das ja nicht so sehr auf – wir waren ja mal dänisch –, aber in Stockholm durchaus. In Stockholm hatte Lars sich nicht wohlgefühlt. Er war, wie ich aus den Erzählungen seiner Mutter heraushörte, mit seinen dortigen Altersgenossen überhaupt nicht klargekommen – oder sie nicht mit ihm. Sie hänselten ihn gezielt – wohl nicht zuletzt wegen seiner dänischen Aussprache und auch des dänischen Vokabulars. Ich hatte wirklich den Eindruck, dass er aus Trotz daran festhielt, aus Protest gegen den Umzug nach Schweden. Es war schwer, an ihn heranzukommen. Ich hatte auch meine Schwierigkeiten mit ihm. Er ließ niemanden an sich heran.
Mutter und Sohn siedelten auf ihr Familienanwesen Söndergård über, das liegt hier in der Nähe von Karlskrona. Lars’ Vater blieb in Stockholm und ging dort seinem kaufmännischen Beruf in der Reederei nach. Er konnte wegen der Entfernung nicht oft nach Blekinge kommen.
Ich hatte auch das Gefühl, dass Blekinge für Lars die bessere Lösung war, fand es aber nicht gut, dass der Vater so weit weg war. Ich hatte den Eindruck, dass Lars ihn sehr vermisste. Er brauchte ihn. Aber in Blekinge lag nun einmal das Familienanwesen, und dort ist es ja auch sehr schön, im Gegensatz zur Großstadt.“
„Wie erging es Lars dort? Fühlte er sich dort wohl? Kam er zu Kräften?“, wollte Vizekommissar Gulbrandsen wissen.
„Anfangs war alles in Ordnung. Er kam tatsächlich zu Kräften. Zuerst besuchte er die Dorfschule in Ramdala. Allerdings fand er auch hier keinen richtigen Anschluss bei seinen Mitschülern. Sie wussten nichts so recht mit ihm anzufangen. Er wirkte wie ein Fremdkörper, zumal er wie gesagt anfangs nur dänisch sprach und sich nicht anpasste. Sie machten sich auch über seine steife Art lustig und darüber, dass er selbst bei schönstem, wärmstem Wetter voll bekleidet herumlief wie im Winter und nicht so sommerlich und barfuß wie sie selbst. Aber sie ließen ihn weitgehend in Ruhe.
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