Der junge Polizeiassistent setzte gekonnt den Dietrich an, und in wenigen Augenblicken war die Tür geöffnet, ohne dass das Schloss einen Schaden davontrug.
„Sie gäben einen tüchtigen Eibrecher ab“, meinte Bürgermeister Bergmann.
„In unserem Beruf muss man wissen, wie die andere Seite arbeitet“, erwiderte Vizekommissar Gulbrandsen.
Die drei Männer betraten gespannt das Haus.
Das recht geschmackvoll eingerichtete Innere entlockte dem Vizekommissar einen abermaligen Seufzer. Hier mal ein paar Tage ausspannen zu können, das wäre etwas! Durch die Tür betrat man gleich das Wohnzimmer. Die Tür zur Rechten führte in die Küche. Direkt der Eingangstür gegenüber führte eine Treppe ins Dachgeschoss, wo sich zwei Schlafräume befanden. Einer davon war unzweifelhaft das Schlafzimmer der Eltern gewesen. Im anderen hatte Lars seinen Unterschlupf gehabt. Davon zeugten die Bücher, Bilder und Spielzeuge an den Wänden und auf Wandregalen.
Alle drei stutzten. Das Bett erweckte den Eindruck, als habe erst kürzlich jemand darin genächtigt. Bei, genaueren Hinschauen fiel auf, dass die Staubschicht hier in diesem Zimmer bei weitem nicht so ausgeprägt war wie zum Beispiel im Raum, den man unschwer als Schlafzimmer der Eltern identifizieren konnte. Gulbrandsen öffnete den Kleiderschrank. Darin hing ein Anzug, und im Fach darunter stand ein Paar Schuhe. In einer der Schubladen lag Unterwäsche, die ebenfalls nicht so wirkte, als liege sie seit langer Zeit dort. Polizeiassistent Hofmann rannte hinunter in die Küche und meldete: „Hier sind Reste von Nahrungsmitteln. Das Geschirr wurde erst kürzlich benutzt – und es muss sich unlängst jemand hier rasiert haben.“
Kein Zweifel: Lars Henström hatte sich vor seinem Tod hier aufgehalten.
Eine Umfrage bei den Dorfbewohnern ergab, dass sie tatsächlich jemanden im und um das Sommerhaus gesehen hatten. Es sei wohl ein junger Mann gewesen; aber auf die Entfernung habe man dies nicht genau erkennen können. Im Dorf hatte er sich offenbar eher selten gezeigt. Als der Kaufmann ihn fragte, ob er ein Angehöriger der Familie Henström sei, bejahte der Fremde kurz und knapp und gab an, ein Neffe von Herrn Henström zu sein, der sich hier von einer Krankheit erholen wolle.
Mehr war hier beim besten Willen nicht herauszubekommen. Weitere Antworten würden sich nur noch in Schweden finden lassen, wohin die Familie zurückgekehrt war. Vizekommissar Gulbrandsen wandte sich am nächsten Tage an die vorgesetzte Behörde in Kopenhagen, um den Fall zu schildern und sie zu bitten, um Amtshilfe vor Ort anzusuchen. Der Polizeipräsident beauftragte Gulbrandsen selbst mit den Ermittlungen im Nachbarland und ließ ihm einen Geleitbrief ausfertigen, welcher ihn dazu befugte, selbst um Amtshilfe bei der schwedischen Polizei zu anzusuchen. Es sei sicherer und vor allem schneller, als die Akten mit der Post zu schicken. Vizekommissar Gulbrandsen fuhr hernach gleich nach Hause, um zu packen.
Dienstreise nach Schweden
Nach einer beschwerlichen Schiffsreise durch den vom Herbstwind aufgewühlten Öresund, um die Länder Schonen und Blekinge herum und schließlich an Schwedens Ostküste entlang gen Norden erreichte Vizekommissar Gulbrandsen an einem ungemütlichen Nachmittag gegen Ende Oktober die schwedische Hauptstadt und wandte sich gleich nach seiner Ankunft umgehend an das dortige Polizeipräsidium mit dem Ziel, dort um Amtshilfe anzusuchen. Am liebsten hätte er seine Ermittlungen unverzüglich fortgesetzt; aber sein schwedischer Kollege, Kommissar Lundahl, konnte ihn überzeugen, dass um diese Uhrzeit nichts mehr auszurichten sei, und empfahl ihm eine preiswerte Herberge.
Am folgenden Tag begleitete der Stockholmer Kommissar Lundahl seinen dänischen Kollegen zum Hauptsitz der Reederei, für welche der Vater des Toten einst tätig gewesen war. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich in dem großen Kontorgebäude, das im Baustil und auch durch seine Lage unmittelbar am Hafen an die Zeit der Hanse erinnerte, zurechtgefunden hatten. Die Auskünfte, welche sie von dem Pförtner und auch den Angestellten, denen sie begegneten, erhielten, empfand Gulbrandsen eher als noch mehr verwirrend als aufschlussreich. Seinem schwedischen Kollegen schien es ebenso zu gehen, was ihm eine gewisse Beruhigung verschaffte. Also lag es nicht an der schwedischen Sprache, welcher Gulbrandsen als Däne bislang problemlos hatte folgen können.
Schließlich fanden sie das Personalbüro, das in einem abgelegenen Flügel des Kontorhauses lag. Sie wurden freundlich empfangen und man zeigte sich sehr hilfsbereit, zumal Lars’ Vater, Herr Walter Henström, auch jetzt noch, etliche Jahre nach seiner Pensionierung und nach seinem plötzlichen Tod, einen guten Ruf genoss. Sie mussten sich indes eine ganze Weile gedulden, bis die notwendigen Personalakten aus dem Archiv herausgesucht waren; doch diese enthielten lediglich dienstliche Informationen, z. B. wann und wohin Walter Henström versetzt worden war und wann sich zur Ruhe gesetzt hatte. Seitdem bestand kein Kontakt mehr, weder zu ihm selbst noch zu seiner Familie; denn die meisten seiner Zeitgenossen waren ihrerseits bereits in Pension, und auch der junge Personalchef konnte sich an ihn persönlich nicht erinnern. Es war ihm lediglich bekannt, dass er inzwischen verstorben war. Die Polizeibeamten bekamen Namen pensionierter Mitarbeiter genannt, welche die Henströms auch persönlich gekannt und bei ihnen verkehrt hatten. Die beiden Polizeibeamten nahmen hierauf eine Droschke und ließen sich zur ersten Adresse auf der Liste bringen.
Die Familie Grönqvist bewohnte eine schöne, geräumige Villa am Rande Stockholms. Herr Krister Grönqvist, ehemals Prokurist der Firma, war um die siebzig Jahre alt und ging am Stock. Er bat die beiden Polizeibeamten in die Bibliothek, in welcher nicht alleine Bücher, sondern auch allerhand Aktenmaterial die Wände füllte, und ließ sie Platz nehmen.
„Lars ist tot? Ich kann es gar nicht glauben“, verschaffte der Hausherr seiner Überraschung Luft. „Selbstmord, sagen Sie?“
„Einiges deutet darauf hin“, antwortete Vizekommissar Gulbrandsen. „Es ist zumindest höchst ungewöhnlich, dass jemand mitten im Oktober im Meer baden geht.“
„Können Sie uns etwas über Lars sagen?“, schaltete sich Kommissar Lundahl ein. „Wie gut kannten Sie ihn? Wie gut kannten Sie seine Familie?“
„Die Familie kannte ich recht gut, jedenfalls den Vater. Wir arbeiteten ja viele Jahre eng zusammen. Wir haben uns auch privat getroffen. Lars selbst kannte ich eigentlich kaum. Praktisch nur vom Sehen. Wenn ich mal dort war oder die Henströms mal hier bei uns, bemerkte man seine Gegenwart so gut wie gar nicht. Wenn wir mal unten auf Söndergård waren, kam er nur, um guten Tag zu sagen. Ich fürchte, ich kann Ihnen da nicht viel sagen. Ich hatte allerdings den Eindruck, Lars wurde von seiner Mutter zu sehr umsorgt.“
„Gut möglich“, murmelte Gulbrandsen. „Er war faktisch ihre einzige Bezugsperson.“
„Söndergård? Wo liegt das?“, fragte Kommissar Lundahl.
„Unten in Blekinge, westlich von Karlskrona. Die Familie besitzt dort ein Anwesen. Es gehörte eigentlich Frau Henström. Es war so, dass Walter, Lars’ Vater, sich praktisch allein hier in Stockholm aufhielt und Frau und Kind auf Söndergård lebten. Der Junge war ja nicht ganz gesund. Er hatte in frühen Jahren Schwindsucht bekommen und sich nie so ganz davon erholt. Die Stadtluft tat ihm nicht gut.“
Es trat nachdenkliches Schweigen ein. Als ob es von einem Regisseur so angeordnet worden wäre, klopfte es an der Tür und auf Das „Herein!“ des Hausherrn betrat eine junge Hausangestellte den großen Raum und brachte Tee.
„Es ist dort sehr schön, richtig idyllisch da unten auf Söndergård“, nahm Herr Grönqvist den Gesprächsfaden wieder auf und geriet dabei beinahe ins Schwärmen. „Ich war gerne dort, hatte aber nur eher selten die Gelegenheit zu einem Besuch dort.“
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