„Wohnt die Mutter noch auf Söndergård?“
„Ich nehme es an. Ich habe lange nichts mehr aus dieser Richtung gehört.“
„Dann bleibt uns wohl keine andere Wahl, als die Untersuchungen nach Blekinge auszudehnen“, seufzte Kommissar Lundahl seinem dänischen Amtskollegen zu, und dieser seufzte ebenfalls: schon wieder reisen!
„Vielen Dank, Herr Grönqvist, Sie haben uns sehr geholfen.“
Vizekommissar Gulbrandsen reiste hierauf wieder per Schiff von Stockholm südwärts nach Blekinge. Im Gepäck trug er Abschriften der Ermittlungsergebnisse sowie ein Begleitschreiben vom Stockholmer Kommissar Lundahl an das vor Ort zuständige Polizeiamt in Karlskrona, das ihm weitere Amtshilfe sicherstellen sollte.
Alma Hænning, Haushälterin
Indessen empfing Inspektor Nørgaard in seinem Kopenhagener Büro Besuch.
„Ich bin schon lange alleinstehend“, begann die alte Dame zu erzählen, nachdem der Inspektor ihr den Stuhl an seinem Schreibtisch angeboten hatte. „Mein Mann ist schon vor mehreren Jahren gestorben, die Kinder sind aus dem Haus. Ich habe mich praktisch von Anfang an um den Haushalt der Familie Henström gekümmert, seitdem sie nach Kopenhagen gekommen waren. Sie waren sehr wohlhabend. Herr Henström hatte eine gute Position bei einer Reederei. Sie bewohnten eine große Wohnung in der Innenstadt. Sie hatten nur ein einziges Kind, Lars.
Lars war sehr still und zurückgezogen. Er war viel mit sich selbst beschäftigt. Er besuchte einen Kindergarten. Die Mutter war sehr darauf bedacht, dass er gleich nach dem Ende der Vorschule wieder nach Hause gebracht wurde. Wie ich später erfuhr, durfte er wegen seines schwachen Gesundheitszustands vieles nicht, was seine Altersgenossen durften. Wenn diese draußen spielten, musste er im Haus bleiben. Solange ich im Hause Henström tätig war, war nicht ein Besucher bei ihm. Es ließ sich nichts anmerken; aber ich machte mir Sorgen.
Ein Lichtblick waren die Aufenthalte in der Sommerfrische in Charlottenlund. Dort wirkte Lars etwas lockerer und er war auch öfters draußen. Seine Mutter erklärte mir, dass ihm die Stadtluft nicht gut bekomme und dass es ihm hier draußen, außerhalb der Stadt bessergehe. Das bemerkte ich auch, wenngleich ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass seine Mutter überfürsorglich handelte; denn es sind bekanntermaßen nicht nur Medikamente, welche gesund machen.
Dort in Charlottenlund hatte Lars auch eine Bekanntschaft. Er traf sich öfter mit einem Mädchen aus dem Dorf. Ob sie sich jedes Mal verabredeten oder sich dort zufällig trafen, entzieht sich meiner Kenntnis. Dieses Mädchen – wenn ich mich recht erinnere, hieß sie Sarah – war recht ärmlich gekleidet und hatte dunkle Haare. Sie war oft mit den Blumen auf der Wiese beschäftigt, wand daraus Kränze. Einmal – daran erinnere ich mich noch sehr gut – setzte sie Lars einen solchen Kranz auf. Es kann gut sein, dass seine Mutter nichts von dieser Freundschaft, oder wie auch immer man es nennen sollte, wusste. Ich hielt es für besser, ihr nichts davon zu sagen. Sie lagen oft einfach nur nebeneinander auf der Wiese oder am Strand – stundenlang. Es war die einzige Gelegenheit, da Lars das elterliche Sommerhaus in Charlottenlund verließ, wie gesagt wohl ohne das Wissen der Mutter, die um die Gesundheit des Jungen überaus besorgt war. Sein Immunsystem war schwach. Schon der kleinste Luftzug konnte ihm zusetzen, ihn für mehrere Tage ans Bett fesseln. Aber das Zusammensein mit Sarah schien ihm nichts auszumachen. Eher im Gegenteil, wie mir schien. Ich hielt mich im Hintergrund, so dass ich die beiden gerade einmal im Blick hatte. Ansonsten saß er im Mansardenzimmer und schaute stundenlang aufs Meer und beobachtete die Badegäste. Ich glaube, es tat ihm weh, nicht auch einfach unbeschwert im Meer baden zu können. Ich kann nicht beurteilen, ob diese Maßnahmen angemessen oder doch ein Stück übertrieben waren. Seine Mutter nahm es vielleicht etwas zu genau.
Nach ein paar Jahren wurde Herr Henström zurück in die Firmenzentrale nach Stockholm versetzt. Sie kehrten also wieder nach Schweden zurück und damit endete unser Dienstverhältnis; denn ich konnte sie nicht mit nach Schweden begleiten.“
„Wie hat Lars auf den bevorstehenden Wechsel reagiert?“, erkundigte sich Inspektor Nørgaard. „War er traurig, deprimiert oder trotzig?“
„Der Wechsel hat ihm zu schaffen gemacht. Er wirkte niedergeschlagen und es flossen Tränen. Kurz vor der Abreise lief er sogar weg. Man fand ihn aber bald auf der Straße nach Charlottenlund. Er wollte sich wohl im Sommerhaus verstecken.“
„Wahrscheinlich. – Über jenes Mädchen, mit dem Lars den Sommer verbracht hatte, wissen Sie nichts Näheres?“
„Nein, leider nicht.“
„Vielen Dank für Ihre Ausführungen. Sie haben uns sehr geholfen. Vielleicht werden wir uns noch einmal an Sie wenden.“
Er begleitete sie bis zur Tür.
„Hm“, machte er nachdenklich. „Haben Sie alles?“, wandte er sich zum Protokoll führenden Beamten.
Das Familienanwesen Söndergård lag einige Meilen westlich von Karlskrona inmitten von Feldern und Wiesen. Das Anwesen erstreckte sich auf der linken Seite der Landstraße, welche nach der Stadt Kalmar in Småland führt, gegenüber der Landgemeinde Ramdala. Vizekommissar Gulbrandsen und der leitende Polizeibeamte in Karlskrona, Kommissar Lindgren, stiegen vor einem prächtigen mehrgeschossigen Landhaus aus der Droschke. Auf dem Dach wehte neben der schwedischen Flagge eine Fahne mit einem Familienwappen. Um das Haus herum zog sich ein parkähnlicher Garten, der zu langen Spaziergängen und zum Nachdenken einlud. Der dänische Vizekommissar verspürte große Lust auf einen solchen meditativen Spaziergang; doch leider war jetzt keine Zeit dazu. ‚Vielleicht später’, tröstete er sich. Von der nahen Ostsee wehte ein frischer Wind herüber.
Ein Bediensteter in einer vornehmen Livree öffnete die weite Eingangstür. „Guten Tag. Sie wünschen?“
„Wir hätten gerne mit dem Hausherrn gesprochen“, antwortete Vizekommissar Gulbrandsen.
„In was für einer Angelegenheit?“
„Polizei“, sagte Lindgren, schon beinahe ungeduldig, und zückte seine Dienstmarke.
Der Bedienstete erbleichte und bat die beiden Polizeibeamten hinein. „Einen Augenblick bitte.“
Er verschwand hinter einer zweiflügeligen Tür und erschien kurz darauf wieder. „Bitte einzutreten.“
Im großen Wohnzimmer wurde sie von einem etwa vierzigjährigen Mann empfangen, bei dessen Anblick Vizekommissar Gulbrandsen leicht zusammenzuckte. Der Gastgeber bemerkte es; doch ignorierte er es zunächst und stellte sich als Viktor Rasmussen vor.
„Sie sind aus Dänemark, nicht wahr?“, wandte er sich an den Vizekommissar, als er nach Kommissar Lindgren nun auch diesem die Hand reichte.
„Richtig. Das ist wohl nicht zu überhören.“
„Wir stehen ja auf ehemals dänischem Boden, und unsere Familie hat dänische Wurzeln. Außerdem hat meine Schwester mit ihrer Familie mehrere Jahre in Kopenhagen gelebt.“
„Damit sind wir schon beim Thema“, schaltete sich Kommissar Lindgren ein. Die Augen Herrn Rasmussens weiteten sich vor Überraschung.
„Es geht um Ihren um Ihren Neffen Lars.“
„Ja, was ist mit ihm?“
Lindgren blickte erwartungsvoll seinen dänischen Amtskollegen an. Dieser verstand die Geste. Er räusperte sich verlegen und begann: „Ihr Neffe Lars wurde vor etwa zwei Wochen nicht weit von Kopenhagen tot aus dem Öresund gezogen, genauer gesagt, bei dem Dorf Charlottenlund. Seine Familie hatte dort, wie Sie sicher wissen, ein Sommerhaus.“
Lars’ Onkel sank in den ihm am nächsten stehenden Sessel.
„Es spricht einiges für Selbstmord“, fuhr Gulbrandsen fort. „Wir sind hier, um die Umstände zu klären.“
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