Die Lehrerin fand mehrere Minuten lang keine Worte. Als sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte, sagte sie: „Charlottenlund sagen Sie … Die Familie hatte oder hat immer noch in Charlottenlund eine Sommerfrische.“
Die Augen der beiden Polizeibeamten weiteten sich.
„Aha, interessant“, sagte Inspektor Nørgaard. „Was wissen Sie noch alles über Lars’ Kindheit?“
„Er war Einzelkind und ziemlich zurückgezogen“ fuhr Frau Nielsen fort, nachdem sie wieder Platz genommen hatte. „Es mag auch daran gelegen haben, dass er nicht ganz gesund war.“
„Was hatte er denn?“
„Er war schwindsüchtig. Sie sind manchmal hinüber nach Schweden gefahren, um dort einen Arzt aufzusuchen, der sich damit auskannte. Die Mutter kam dann persönlich zu mir, um den Jungen zu entschuldigen. Ich war einmal in den Sommerferien mit in Charlottenlund, um mit Lars den versäumten Lehrstoff nachzuarbeiten. Dies war ein ganz angenehmes Zubrot. Die Henströms waren sehr großzügig. Dort war der Junge häufiger draußen und hatte sogar auch Kontakt.“
„Kontakt? Mit wem?“
„Mit einem Mädchen aus dem Ort. Mit ihr lag er oft stundenlang auf einer Wiese. Am Strand habe ich sie auch gesehen. Es kann sein, dass seine Eltern gar nichts davon wussten. Sie hätten es wohl nicht geduldet, da sie Angst hatten, er könne sich von anderen etwas zuziehen. Vor allem seine Mutter war da übervorsichtig.“
„Sie wissen nicht zufällig, wer dieses Mädchen war?“
„Tut mir leid. Der Kleidung nach kam sie aus einer – wie soll ich sagen? – weniger wohlhabenden Familie. Sie hatte lange dunkle Haare, wirkte fast wie eine Ausländerin; aber aus der Nähe habe ich sie nie gesehen. Ich wollte nicht stören. Zu ihr hatte er allem Anschein nach eine gewisse Nähe aufgebaut.“
„Wie war Lars als Schüler? Wie war sein Verhältnis zu seinen Mitschülern?“
„Zurückhaltend. Er hat sich nicht viel mit seinen Mitschülern beschäftigt und sie sich nicht mit ihm. Wenn die anderen draußen gespielt haben, hat er sich allein mit anderem beschäftigt.“
„Womit?“
„Gelesen, gemalt – ich weiß es gar nicht mehr so genau. Ich hatte ja keinen privaten Kontakt mit ihm, und auch die anderen Kinder erforderten meine Aufmerksamkeit, fast noch mehr als Lars. Wenn alle so pflegeleicht gewesen wären wie er …“
„Vielen Dank, Frau Nielsen. Das hilft uns ein ganzes Stück weiter“, bedankte sich Vizekommissar Gulbrandsen. Die beiden Polizeibeamten begleiteten sie zur Tür.
„Dann werden wir jetzt die Firma aufsuchen, wo Henströms Vater gearbeitet hat“, beschloss Inspektor Nørgaard. „Wissen Sie, wo das ist?“
In der Reederei, welche gleich am Hafen lag, erfuhren die Polizeibeamten, nachdem einige Personalakten aus dem Archiv herangeholt worden waren, dass Herr Walter Henström an den Firmensitz in Stockholm versetzt worden sei, um dort eine leitende Funktion zu übernehmen. Die ganze Familie sei ihm nach Schweden gefolgt.
„Das heißt“, meinte Inspektor Nørgaard, „dass wir weitere Antworten in Stockholm finden.“
„Und dieses Mädchen, mit dem Lars Henström seine Zeit in Charlottenlund verbracht hat? Hätten Sie eine Idee, wie wir es finden könnten?“
„Wie denn? Nach über zwanzig Jahren? Schwerlich, zumal wir nicht einmal ihren Namen kennen. Und selbst wenn – wer weiß, ob sie sich überhaupt noch an ihn erinnert.“
Gulbrandsen seufzte tief. Der Fall schien sich als komplizierter zu erweisen als er vermutet hatte.
Die Nachforschungen in den Taufbüchern der Kirchen ergaben schließlich Aufschluss über die Identität des jungen Mannes: Es handelte sich um Lars Henström, geboren am 15. Februar 1810 in Kopenhagen.
„Das genaue Sterbedatum wissen wir leider nicht“, brummte Vizekommissar Gulbrandsen in sich hinein, als es darum ging, den vorläufigen Bericht abzufassen.
„Zumindest wissen wir, dass er verstorben ist“, meinte Inspektor Nørgaard. „Er war noch keine dreißig! – Was für ein Sterbedatum werden Sie in den Bericht schreiben?“
„Ich nehme den Tag vorher, den 14. Oktober. Damit ist der Bürokratie vorerst Genüge getan. Vorerst.“
Das einstöckige Haus mit dem Reetdach stand außerhalb des Dorfes nicht weit vom Strand. In der Nähe lag das gleichnamige Schloss. Das kleine Grundstück war von einer kniehohen Mauer eingefasst. Vor dem Haus standen ein Tisch und mehrere Stühle. Man hörte hier die Wellen rauschen. Vizekommissar Gulbrandsen konnte sich eines tiefen Seufzers nicht erwehren. Er hätte nicht übel Lust gehabt, sich sogleich auf einem der Stühle niederzulassen, um die Ruhe zu genießen, die Wellen rauschen zu hören und nicht weiter an seine Arbeit denken zu müssen. Das triste Oktoberwetter spielte kaum eine Rolle. Die Wirklichkeit sah indes anders aus.
Der Vizekommissar öffnete die Gartentür und betrat zusammen mit Polizeiassistent Hofmann das Grundstück. Gulbrandsen wies den Assistenten an, sich umzuschauen, ob irgendwo, sei es unter einem Stein oder auf einem Fensterrahmen, ein Schlüssel verborgen sei. Er selbst schaute sich auch um. Er ging in den Schuppen nebenan, wo einige Gartenwerkzeuge und Angelruten aufbewahrt waren. Dort griff er in Schachteln und auf Regalbretter; aber seine Bemühungen erwiesen sich als ebenso erfolglos wie die des Assistenten, der ebenfalls Schulter zuckend von seiner Suchmission zurückkehrte. Darauf griff er in seine Tasche, holte einen Dietrich hervor und begann damit das Schloss zu öffnen.
„Ha, was machen Sie da?“, ertönte plötzlich eine laute männliche Stimme. „Was haben Sie dort zu suchen?“
Ein hagerer älterer Mann in einem langen Mantel und mit Zylinder und Stock bewaffnet kam herbeigerannt. Er stürmte auf das Grundstück der Henström’schen Sommerfrische und kam nur mit Mühe zum Stehen, wobei er Vizekommissar Gulbrandsen, der sich ihm in den Weg gestellt hatte, beinahe umrannte.
„Was suchen Sie hier auf diesem Grundstück?“, fragte der Mann.
„Das könnten wir Sie auch fragen“, versetzte der Vizekommissar und hielt ihm seine Polizeimarke vors Gesicht. „Vizekommissar Gulbrandsen, Polizeidienststelle Kongens Lyngby. Und wer sind Sie?“
„Mein Name ist Bergmann, ich bin Bürgermeister von Charlottenlund. Mir wurde berichtet, dass zwei unbekannte Männer dieses Grundstück betreten hätten und sich am Haus zu schaffen machten. Darf ich fragen, was Sie hier suchen?“
„Wir ermitteln“, antwortete Polizeiassistent Hofmann. „Kennen Sie die Besitzer dieses Sommerhauses?“
„Nur flüchtig. Eine Familie Henström aus Schweden. Der Vater suchte mich im Amt auf. Hier war schon seit Jahren niemand mehr. Darf ich fragen, was Sie hierherführt?“
„Kannten Sie auch den Sohn der Familie, Lars Henström?“, fragte Vizekommissar Gulbrandsen.
„Nur vom Sehen. Aber warum sagen Sie kannten ?“
„Weil wir ihn gestern hier in der Nähe aus dem Öresund geholt haben. Tot.“
„Tot?“
„Herzstillstand, wohl durch das kalte Wasser. Er war im Badekostüm, das heißt, er wollte baden gehen. Wir stehen vor allerhand Fragen“, erklärt Gulbrandsen.
„Daher wollen wir uns in dem Haus umsehen“, sagte der Polizeiassistent. „Vielleicht finden wir irgendwelche brauchbaren Hinweise.“
„Ich denke eher nicht“, wandte Bergmann ein. „Hier war meines Wissens lange keiner mehr. Aber gut.“
„Sie wissen auch nicht zufällig, ob es hier einen versteckten Schlüssel gibt?“
„Keine Ahnung. Vielleicht kann Ihnen Alma Hænning, die ehemalige Haushälterin der Henströms, weiterhelfen. Die wohnt in Kopenhagen, stammt aber von hier.“
„So lange können wir nicht warten“, wandte Gulbrandsen ein. „Außerdem ist es ja gar nicht sicher, dass sie einen Schlüssel besitzt oder ob sie sonst weiß, wie man hineinkommt. Aber danke für den Hinweis, Herr Bergmann! – Herr Hofmann, bitte!“
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