Florence sah erneut zur Straße. Georg war jetzt in seinen Wagen gestiegen. Er setzte rückwärts auf die Straße und fuhr los.
»Soll ich tatsächlich noch einen Tag länger bleiben?«, fragte Florence mit einem spaßigen Unterton.
»Wenn du das kannst, warum nicht?«
»Ach, nein, das war nur ein Scherz«, sagte Florence ernst. »Das geht doch nicht. Ich habe die Flüge doch gebucht und auch das Hotel für die Zwischenlandung in Los Angeles, außerdem, was soll dieser Herr Staffa denn denken, wenn ich gleich auf sein Angebot eingehe, das schickt sich doch nicht.« Florence lachte.
Colette schüttelte den Kopf. »Du hast aber komplizierte Gedanken.«
Florence sah sie an. »Und du hast komische Gedanken, außerdem, was soll ich mit einem Rechtsanwalt in München.«
»Davon war doch gar nicht die Rede. Hey, Florence, du solltest dir wirklich überlegen, noch einen Tag zu bleiben. Ich kann Georg sofort anrufen.«
»Jetzt ist aber Schluss«, sagte Florence beinahe empört. »Das hatten wir doch gestern schon. Du sollst aufhören, mich zu verkuppeln.«
Sie schwiegen einige Sekunden, dann mussten beide plötzlich lachen.
»Ich meine es doch nur gut«, sagte Colette schließlich, »aber bitte, Schluss mit dem Thema.« Sie überlegte kurz. »Willst du mal fahren?«
Florence drehte sich zu ihr um und sah sie an. »Bitte?«
»Ich habe gefragt, ob du fahren willst«, wiederholte Colette, »den Wagen.«
Florence schüttelte mit dem Kopf. »Nicht, dass ich es verlernt hätte, aber der Verkehr hier in München wird genauso dicht sein wie in Paris. Da schaue ich dir lieber noch etwas zu.«
Colette startete den Motor, der kurz aufheulte und dann in ein tiefes Brummen überging. Sie legte den ersten Gang ein und fuhr an. Sie wendete auf dem Parkplatz und fuhr hinaus auf die Straße, genau in die entgegengesetzte Richtung, die Georg genommen hatte. Florence riskierte noch einen Blick, aber sein Wagen war natürlich nicht mehr zu sehen. Sie schaute wieder in Fahrtrichtung und dachte noch einmal über die Begegnung nach. Dann riss Colette sie aus ihren Gedanken.
»Bitte sieh mal im Handschuhfach nach«, sagte sie. »Ich habe da drin eine Karte für das Parkhaus am Elisenhof. Wir haben nämlich zwei Stellplätze gemietet. Ich brauche die Karte gleich bei der Einfahrt.«
Florence versuchte das Handschuhfach zu öffnen. Als sie es nicht gleich schaffte, griff Colette hinüber und die Klappe sprang auf. Während sich Colette wieder auf den Verkehr konzentrierte, suchte Florence im Handschuhfach nach der Parkhauskarte.
»Sie ist in einer blauen Hülle«, sagte Colette. »Schau mal an der Seite.«
»Einen Fotoapparat habe ich gefunden«, meldete Florence. »Und Moment, hier ist auch die Karte.«
Sie hielt die blaue Hülle mit der linken Hand hoch. In der Rechten hatte sie den Fotoapparat. Colette nahm ihr die Karte aus der Hand und legte sie sich auf den Schoß. Sie fuhren noch ein paar Kilometer und bogen dann in die Luitpoldstraße ein. Es waren nur noch wenige Meter bis zur Parkhauseinfahrt. Sie stoppte an der Schranke, fummelte die Karte aus der Hülle und steckte sie in den Schlitz der Säule neben sich. Im Parkhaus fuhr sie die Rampe hoch, in den ersten Stock und ganz nach hinten zu den Plätzen hundertvierzehn und hundertfünfzehn, die beide frei waren. Colette stieg aus und schloss eine der Sperren auf. Der Metallbügel ließ sich nach unten klappen. Sie stieg wieder in den Wagen und fuhr auf ihren Parkplatz.
»So, da wären wir. Es ist etwas umständlich, das Ding immer erst aufschließen zu müssen, aber sonst stellt sich jeder hierhin und die Plätze wären am Ende nicht frei, wenn wir sie mal brauchen. Die Miete für die Parkplätze wird von Blammer bezahlt. Es gehört quasi zu Simons Gehalt. In München ist so ein Stellplatz Luxus und natürlich auch eine praktische Sache, besonders am Wochenende.«
Florence nickte. »Was ist mit der Kamera?«
Colette nahm den Apparat und hielt ihn hoch.
»Der gehört Simon«, sagte sie nachdenklich. »Er hat ihn wohl gestern liegenlassen.« Sie überlegte. »Weißt du was, das ist eigentlich eine gute Idee. Wir sehen uns so selten. Wir müssen deinen Besuch unbedingt festhalten. Das haben wir glaube ich noch nie richtig gemacht. Den Fotoapparat nehmen wir einfach mit und ich schicke dir die Bilder dann später.«
Florence dachte an ihre Besuche in München. Sie war immer nur kurz hier, aber sie hatten doch bestimmt schon einmal Fotos gemacht, war sie sich sicher. Sie besaß sogar eine Aufnahme, auf der sie mit Colette, Simon und Marc zu sehen war. Es war bei den Halters im Wohnzimmer und Marc war noch sehr klein. Es wurde also wieder Zeit, neue Erinnerungen zu schaffen. Sie nahm Colette den Apparat ab und steckte ihn dann in ihre Handtasche.
»Den nehme ich. Ich fürchte sonst, dass du mich bei jeder Gelegenheit aufnimmst und es nachher diese Horrorbilder gibt«, lachte sie.
Colette sah sie ernst an. »Das würde ich niemals tun«, sagte sie spöttisch. »Die Zeiten sind vorbei, ich schwöre es dir.«
Florence lachte. »Solange es mich nicht trifft, wie damals die Drillinge in Angers, an der Uni, als du sie schlafend fotografiert hast.«
»Das war aber doch auch komisch«, meinte Colette, »wie die Drei nebeneinanderlagen, alle den Mund offen. Leider konnte ich ihr schnarchen nicht mit aufnehmen.«
»Dafür hast du aber das Foto fünfzig Mal kopiert und es überall auf dem Campus aufgehängt.« Florence musste wieder lachen, bei dem Gedanken daran. »Zum Glück haben die Drillinge nie herausgefunden, dass du es warst.«
»Eigentlich müsste ich es ja mal beichten«, sagte Colette.
»Tu es lieber nicht, sie würden dich noch heute in zwei Teile hauen, wenn sie könnten.«
»Ja«, seufzte Colette, »Spaß haben die Drei nie verstanden, sie würden mich sogar dreiteilen, die Drillinge.«
Sie lachten und stiegen schließlich aus. Sie gingen quer über die Parkebene zu den Treppen. Vom Parkhaus aus gab es eine überdachte Verbindung direkt zum Bahnhof hinüber. Colette und Florence gingen aber in die andere Richtung zur Innenstadt und zu den Einkaufsstraßen. Colette steuerte sofort zum Marienplatz. Dort machte Florence die ersten Aufnahmen. Vor dem Rathaus ließen sie sich von einem jungen Mädchen knipsen. Dann vergaßen sie den Fotoapparat für eine Weile. In den Geschäften des Marienplatzes hielten sie sich am längsten auf. Es gab zahllose Modehäuser, Schmuckgeschäfte und Parfümerien. Florence dachte auch an die Lederhosen, die sie ihrem Bruder schenken wollte. Am Färbergraben gab es ein Spezialgeschäft, in dem sie schließlich fündig wurde. Sie war allerdings überrascht, wie teuer die Hosen waren. Sie entschied sich schließlich für ein billiges Modell, das laut der Verkäuferin extra für Freizeitaktivitäten seines Trägers bestimmt war. Colette handelte sogar noch am Preis, weil Florence immerhin gleich zwei Lederhosen nahm. Dann bummelten sie weiter zur Maffeistraße und natürlich auch in die Maximilianstraße. Hier hatten es Florence die Schuhgeschäfte angetan. Zum Mittagessen kehrten sie zurück zum Marienplatz, ins Wirtshaus zum Goldenen-Brunnen. Colette wollte mit Florence unbedingt eine echt bayerische Wurstplatte probieren. Als die Speisen zu ihrem Tisch gebracht wurden, machte sie ein Foto von ihrer Freundin, wie sie zwischen den Einkaufstüten saß. Bevor sie zu essen begannen, stellten sie die Kamera auf den Nebentisch und machten noch eine weitere Aufnahme, diesmal ohne Hilfestellung durch einen anderen Gast, sondern mit dem Selbstauslöser der Kamera. Colette schaffte es gerade noch an den Tisch zurück, beinahe wäre sie gestolpert. Sie setzten sich nebeneinander und konnten eben noch ihre Getränke hochhalten, als das Blitzlicht auslöste. Nach dem Essen hatten sie noch etwas Zeit. Das Wellnessprogramm sollte erst ab 15:00 Uhr beginnen. Sie gingen wieder ein Stück zu Fuß zum Sendlinger-Tor-Platz. Auch hier machten sie einige Aufnahmen. Einmal stellte sich Florence unter den weiten Bogen eines der ehemaligen Stadttore und ließ sich von Colette in einer übermütigen Pose fotografieren. Sie überprüfte aber sofort an dem kleinen Monitor der Kamera, ob die Aufnahme nicht zu peinlich geworden war. Sie ließ es durchgehen. Zu ihrer Überraschung fand auf dem Platz eine große Veranstaltung statt. Florence konnte nicht fassen, dass es der Hamburger Fischmarkt war, der hier quasi ein Gastspiel gab. Sie kauften zwar keinen Fisch, schlenderten aber dennoch über eine Stunde lang an den Ständen und Verkaufswagen vorbei. Es wurde bei weitem nicht nur Fisch verkauft. Am Rande des Platzes boten zahlreiche Händler auch Gebäck, Fleisch und sogar Lederwaren und T-Shirts an. Dann mussten sie sich beeilen, ihren Termin nicht zu verpassen.
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