1 ...8 9 10 12 13 14 ...29 Georg erhob sich von seinem Schreibtischstuhl und streckte sich. Er ging zum Schrank, öffnete eine der Türen und betrachtete sich in dem kleinen Spiegel, der innen an der Schranktür befestigt war. Er strich sich mit der Hand über das Haar, noch hatte er nichts an sich auszusetzen, keine grauen Strähnen, keine übermäßigen Falten um die Augen. Er verzog das Gesicht, lächelte sich selbst an, griff dann nach seiner Jacke und verschloss den Schrank wieder. Seinen Talar und eine weiße Krawatte hatte er immer im Wagen liegen. Er würde sich erst im Gerichtsgebäude umziehen. Als er aus der Tür trat, stand Frau Stelljes schon bereit. Sie war eine erfahrene Anwaltsgehilfin, eine reine Sekretärin brauchte Georg nicht. Er brauchte jemanden, der für ihn alle Routinearbeiten erledigen konnte und zudem noch vom Fach war. Frau Stelljes bemutterte Georg immer ein wenig, obwohl sie kaum älter war als er. Es war eigentlich auch kein bemuttern, es war Zuverlässigkeit, wie es Georg vor den Partnern immer ausdrückte.
In der schwarzen Aktenmappe, die sie ihm reichte, war wie immer alles verstaut, was er für heute Vormittag benötigte.
»Danke!«, sagte er noch einmal.
»Haben Sie Ihr Handy auf stumm geschaltet?«, fragte Frau Stelljes pflichtbewusst.
»Nein, ich glaube, ich habe es gar nicht dabei.«
Georg tastete seine Hose und Jacke ab. Er gab ihr die Aktentasche zurück und ging noch einmal in sein Büro. Sein Handy lag auf dem Schreibtisch. Er griff es. Beim Verlassen des Büros tippte er die Tastenkombination für die Stummschaltung ein. Frau Stelljes hatte recht, es war besser, das Handy jetzt und hier stumm zu schalten, als es später im Gericht zu vergessen. Sie streckte ihm wieder die Aktentasche entgegen. Im Vorbeilaufen nahm er die Tasche und verabschiedete sich mit einem Winken. Der Fahrstuhl stand schon in der fünften Etage. Die Schiebetüren öffneten sich sofort, als er den Knopf neben dem Fahrstuhlschacht drückte. Ohne Unterbrechung kam er unten an. In dem Bürogebäude hatten gut ein halbes Dutzend Firmen ihre Büros und zusätzlich noch zwei Arztpraxen. Seinen Wagen hatte er direkt an der Straße geparkt. Hinter dem Bürogebäude gab es noch einen größeren Parkplatz, den er aber fast nie benutzte, weil ihm der Weg dorthin zu weit war. Mit der Fernbedienung seines Autoschlüssels öffnete er die Heckklappe, die automatisch aufsprang. Er legte die schwarze Aktenmappe neben eine Kleiderhülle, in der sich Talar und Krawatte befanden, und klappte den Kofferraumdeckel wieder zu. Sein Blick ging auf die andere Straßenseite. Auf dem großzügigen Grundstück von Gegenüber hatte das Kunst- und Auktionshaus Blammer seine Geschäftsgebäude. Das silberne Cabriolet mit dem schwarzen Stoffdach glänzte in der Sonne und er erkannte Colette Halter und eine andere Frau, die neben dem Wagen standen und zu ihm hinübersahen. Er winkte ihnen zu. Dann sah er nach dem Verkehr, wartete noch einen vorbeifahrenden Transporter ab und ging dann über die Straße. Er hatte Colette Halter schon länger nicht mehr gesehen. Er hatte zwar nicht viel Zeit aber er musste sie wenigstens kurz begrüßen. Er ging durchs Tor und erreichte das Cabriolet.
»Salut, Georg«, sagte Colette.
Sie sprach Georg immer auf Französisch an, aber nur wenn sie allein waren oder jemand dabei war, der die Sprache ebenfalls verstand.
»Salut, Colette. Da musste ich einfach kurz herüberkommen, wo wir uns solange nicht gesehen haben. Du weißt ja, dass ich die Ehefrauen meiner Klienten besonders aufmerksam zu behandeln habe, das ist ein ungeschriebenes Gesetz.«
»Oh, du musst gar nichts«, antwortete Colette und lachte dabei, »aber trotzdem schön dich zu sehen. Wo du gerade hier bist, Marc drängt mich immer. Er ist neuerdings ganz verrückt nach Flugzeugen und du hast doch Beziehungen zum Flughafen in Schwabmünchen. Er möchte sich so gerne die Sportflugzeuge dort ansehen.«
»Dann müssen wir das wohl mal an einem Wochenende einplanen«, sagte Georg.
»Ja, das würde mir eine große Last nehmen«, seufzte Colette.
Georg nickte, dann sah er Florence an.
»Oh entschuldige, Georg«, sagte Colette. »Darf ich dir meine Freundin vorstellen. Das ist Madame Florence Uzar. Sie besucht mich hier in München für zwei Tage.«
»Bonjour Madame Uzar«, sagte Georg und deutete eine Verbeugung an. »Ich wusste doch, dass Frankreich außer unserer Colette noch mehr zu bieten hat.« Er grinste verschmitzt.
»Nicht ganz«, antwortete Florence, »Ich bin zwar Französin, aber ich komme nicht aus Frankreich, ich stamme aus Übersee, aus Polynesien, von den Marquesas. Kennen Sie sich in der Südsee aus?«
»Oh, nicht so gut, fürchte ich, aber ich werde es heute Abend nachholen, das verspreche ich. Marquesas sagten Sie?«
»Ja, die Marquesas«, sagte Florence und lächelte.
Sie sahen sich einige Sekunden lang an. Georg bemerkte sofort ihre grünen Augen. Er musste aufpassen, nicht verlegen zu werden, weil er sie beinahe anstarrte. Er nickte und wandte sich dann wieder Colette zu.
»Ich muss jetzt leider gehen, ein Termin vor Gericht. Bitte erkläre deiner Freundin, dass ich nicht der Angeklagte bin.«
Er sah zu Florence. »Nur zwei Tage«, sagte er mit Bedauern. »Schade, ich hätte gerne mehr über die Marquesas erfahren, aber vielleicht sind Sie ja irgendwann einmal wieder in der Stadt.«
Florence lächelte ihn an. Sie war überrascht und wusste so schnell nicht, was sie antworten sollte. Sie sahen sich wieder einige Sekunden an.
»Schade, wirklich schade, nur zwei Tage, und wann reisen Sie wieder ab?«, fragte Georg.
»Morgen früh«, antwortete Colette. »Florence ist heute Abend noch in der Stadt, also los Georg, was machst du heute Abend.«
Jetzt war er überrascht. Er sah wieder zu Florence. »Die ganze Woche hätte ich abends Zeit gehabt, nur heute Abend fliege ich ausgerechnet nach Amsterdam, ausgerechnet. Bitte, hängen Sie doch noch einen dritten Tag dran. Morgen Abend würde ich Sie und natürlich auch Colette und Simon in mein Lieblingsrestaurant einladen. Bitte, weil es heute Abend wirklich nicht geht.«
»Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich habe eine lange Reise vor mir. Wenn ich morgen nicht fliege, kommt mein ganzer Zeitplan durcheinander.«
Georg sah sie wieder an, ohne dass sie etwas sagten. Er erwischte sich dabei, ernsthaft zu überlegen, seine Geschäftsreise abzusagen, aber er hatte Verpflichtungen.
»Schade«, wiederholte er. Dann sah er zu Colette. »Du musst mich unbedingt anrufen, wenn sich Madame Uzar doch noch entschließt, bis übermorgen in München zu bleiben, bitte, bitte.« Er wandte sich zu Florence. »Entschuldigen Sie mich jetzt bitte, aber ich muss wirklich los, sonst werde ich noch wegen Missachtung des Gerichts belangt, wenn ich zu spät komme.«
Georg deutete wieder eine Verbeugung an, dann wandte er sich endgültig ab. Er verließ den Firmenparkplatz, um wieder über die Straße zu seinem Wagen zu gehen. Colette stieg sofort in ihren Wagen ein. Florence blieb noch kurz stehen und sah Georg hinterher. Dann stieg sie ebenfalls in das Cabriolet, drehte sich in ihrem Sitz aber noch einmal um. Georg hatte seinen Wagen erreicht, wandte sich zur Straße und sah zum Parkplatz hinüber. Ein schwerer LKW fuhr vorbei und versperrte ihm kurz die Sicht.
»Du bist ja eine tolle Freundin, die richtig netten Männer stellst du mir erst vor, wenn ich schon wieder abreise«, sagte Florence lachend. »Und er heißt Georg?«
Colette sah sie an und lächelte. »Ja Georg, Georg Staffa, er ist ein Geschäftsfreund von Simon, ein Rechtsanwalt. Er hat seine Kanzlei gegenüber, in dem großen Gebäude dort.«
Florence nickte. »Und du kennst ihn gut?«
»Was heißt kennen. Er ist ein Freund von Simon, aber er ist wirklich nett, da hast du schon recht, er ist etwas lockerer als es diese Advokaten sonst sind.«
Читать дальше