„Bitte, was hast Du da gerade gesagt?“
Isabell wiederholte sich und irgendwie fragte ich mich das mittlerweile selbst…
Aber für den Moment war das nicht so wichtig: viel wichtiger war, dass ich mich jetzt bedingungslos den Tranquilizern meiner Infusion unterwerfen und einpennen konnte. Ich gab mich demzufolge der Chemiekeule hin und beendete nicht nur die Konversation, sondern auch den Wachzustand insgesamt – zumindest lange genug, dass der Bronchialtee ohne meinen weiteren Zuspruch das Krankenhaus verlassen konnte.
Da ich keinen Plan hatte, wie lange meine erste Reise durch Twilight dauerte, wusste ich es jetzt erst recht nicht. Ich wusste nur eins: zu Beginn meiner zweiten Wachphase hatten die Kopfschmerzen gefühlte 20% nachgelassen. Gemurmel von draußen, und das klang immerhin männlich, bariton, volltönend. Also war die Gefahr von Isabell fürs erste gebannt. Einer der beiden Ärzte meiner ersten kurzen Wachphase gesellte sich zu mir.
„Guten Morgen, Herr Mönch. Wie geht es Ihnen heute?“
„Ich glaube ein bisschen besser.“ Antwortete ich unsicher, „…aber wo wir gerade bei guten Morgen sind, was ist heute für ein Datum?“
„Der 3. Mai.“
„Der…3. Mai?“ ächzte ich schwach.
„Ja. Sie haben nach der OP eine gute Woche im künstlichen Koma gelegen. Das war sicherer.“
„Was…ist eigentlich passiert?“
„Eine schwere Commotio cerebri und ein craniale Fraktur im…“
„Äh, Arzt – deutsch…vielleicht?“
„Ein Bruch im Bereich der Fontanelle, das ist der Scheitel. Ein winziger Knochensplitter ist in den Hippocampus eingedrungen und musste chirurgisch entfernt werden.“
„Das klingt…ziemlich gefährlich.“ ächzte ich.
„Es sah ein paar Stunden nicht so gut aus. Wieso wir es geschafft haben und Sie vollständig wieder her stellen konnten, ist uns ehrlich gesagt immer noch ein Rätsel.“ Er deutete nach oben und schaltete von medizinisch auf esoterisch. „Ich glaube, Ihr Schutzengel schiebt unbezahlte Überstunden.“
Auch das noch! Jetzt verwandelte sich sogar schon der Arzt in Isabell Heumann, und das ganz ohne Geschlechtsumwandlung! Irgendwie merkwürdig. Vor allen Dingen mit Kopfweh.
Wer mich dann zur besten Frühstückspausenzeit besuchte, war Herr Schneider. Der war betroffen, aber froh, dass ich es anscheinend ohne bleibende Schäden überstanden hatte.
„Junge, Junge, was machen Sie denn für Sachen? Naja. Also, Sie erholen sich jetzt erst einmal und gewinnen Energie. Wir…haben mit den Ärzten gesprochen. Sie benötigen rund ein Vierteljahr Rekonvaleszenz-Zeit. Sie erholen sich den Sommer über und die Versetzung verschieben wir auf Anfang September!“
Das waren eher bedenkliche Nachrichten. Würde ich diese Zeit nicht in einer schicken Reha-Klinik mit attraktiven Jungschwestern verleben können, bedeutete dies automatisch, dass ich noch drei Zusatz-Monate Religions-Leistungskurs vor mit hätte. Und das im Jahr 12 nach meinem Abitur. Dann fiel mir irgendwie auf, dass der Gedanke mich an diesem Tag nicht nervte. Seltsam. Aber das hing sicherlich mit meinem vorübergehenden Dachschaden zusammen…
Ich war jetzt etwas länger wach und draußen spielten Sonne und Wolken interessant miteinander. Ich sah eine Weile hin, ohne etwas zu denken. Ich sah immer noch hin, ohne etwas zu denken, da neigte sich die Sonne schon dem Tagesende zu. Als ich meine Augen vom unmittelbar für mich erfassbaren Tagesgeschehen wieder weg nahm, erinnerte ich mich daran, dass ich gerade frisch am Kopf operiert war und mir der Schädel noch gehörig brummte. Aber das war dann relativ schnell wieder weg. Überhaupt war alles weg, auch meine Wachphase. Chemie half eben doch manchmal!
Am zehnten Tag nach meiner unfreiwilligen Odyssee nach Neverland durfte ich dann das erste Mal wieder aufstehen, und es klappte. Ich war vorher schon kein Mr. Olympia, aber durch die Ernährungsumstellung von Mikrowellennahrung auf Elektrolyt-Infusionen hatte ich noch einmal abgebaut. Ich sollte nicht kauen, da die graue Masse zwischen dem rechten und linken Ohr nach Auskunft der Ärzte noch nicht wieder vollkommen fest saß. Bis auf die in den Wachphasen vorübergehenden „Wie geht es Ihnen heute?“-Spielchen und zwei Besuchen von Kollegen war es nicht weiter interessant, außer dass die Kopfschmerzen nachließen.
Aber am vierten Nachmittag nach meiner Auferstehung von den vom Blumentopf Erschlagenen wurde es dann richtig uninteressant…
Ich saß am großen Wandfenster im Gang, nachdem ich mich am Infusionsständer da hin geschleift hatte, und sah mir das Wolkenspiel an. Dann rückten zwei Frauen an, von denen ich eine stressfrei als meine Nachbarin identifizieren konnte. Die zweite Frau war erstens älter und zweitens war ihr Heiligenschein wohl enger als der von Isabell. Anders hätte ich mir ihre ausgeprägte Blässe nicht erklären können. Und: beide hatten ein Ziel: mich.
„Da ist er!“
„Das ist Dein Nachbar?“
„Ja, der Computerfreak!“ seufzte Isabell.
„Und der hat diesen…Satz gesagt? Nachdem er aufgewacht ist?“
„Genau. Kannst Du mal mit ihm reden?“
„Aber Dich kennt er!“
„Aber mich kann er nicht leiden!“
„Das hat sich geändert, wenn das eingetreten ist, was Du gesagt hast.“
„Rede Du mit ihm!“
Reden! Hätten Sie es wenigstens mal mit Gedankenübertragung versucht! Das wäre erstens nicht so laut gewesen und hätte zweitens den Vorteil gehabt, dass ich es nicht verstanden hätte. Stille war irgendwie was Feines, dachte ich in diesem Moment und überlegte, wie ich mir mehr davon beschaffen konnte.
„Sie sind der Herr Adrian Mönch, nehme ich an.“
„Ich denke, ich bin’s.“
„Ich bin die Meditationsleiterin von Isabell, Elisabeth Kaufmann…“ Wieso kannte ich die nicht? dachte ich. Schließlich hatte mich Isabell gegen den Widerstand, zu dem meine 27 cm Armumfang fähig waren, in ihre Meditationsgruppe geschleift! „Sie haben etwas gesagt.“
„Möglich. Ich habe zwar immer versucht, meine verbale Kommunikation auf das Nötigste zu beschränken, aber reden musste ich schon ab und zu.“
„Ich spreche von dem einen Satz, den Sie gleich nach ihrem Aufwachen von sich gegeben haben.“
„Es waren insgesamt 10 Sätze, die ich gesagt habe.“
„ Bitte ?“
„Zehn. Die Zahl zwischen neun und elf.“
„Und daran können Sie sich erinnern, nach einem beinahe tödlichen Unfall und dem Kopf voller Schmerz- und Beruhigungsmittel?“
„Wenn jeder Moment ewige Gegenwart ist, sind Erinnerungen ebenfalls gegenwärtig und damit jederzeit abrufbar.“ Antwortete ich ebenso selbstverständlich wie nonchalant.
„Siehst Du, genau das meine ich!“ ächzte der Bronchialtee.
Nicht, dass mich das irgendwie irritiert hätte. Ich sah mir entspannt weiter die Wolken dabei an.
„Könnten Sie sich vielleicht mir zuwenden, wenn wir miteinander reden?“ Ich antwortete nich. „Herr Mönch? Herr Mönch!“
Ich legte den Zeigefinger auf die Lippen.
„PSST…“ sagte ich.
„Was?“
„Da. Die Wolken.“
„Was ist mit den Wolken?“
Meine Güte, standen die auf dem Schlauch! Ich deutete mit dem Zeigefinger darauf.
„Na da!“
„Ich verstehe Sie nicht!“
„Schauen Sie doch selbst!“
Anstatt sich, wie von mir konstruktiv vorgeschlagen, die Wolken anzuschauen, ächzte sie leise „Isabell?!“, schnappte sie sich und ging.
Endlich Ruhe! Naja, nicht ganz. Denn die beiden machten den Fehler, nur einmal um die Ecke– und davon auszugehen, ich würde sie nicht mehr hören. Allerdings war das Getuschel, das dann folgte, so affektiert, das ich jedes Wort mitbekam. Obwohl ich mit maximal 10 % Ohr zuhörte…
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