„Recht so! Es gibt Wichtigeres als Spazierengehen! Sind Sie sonst zufrieden?“
„Soweit? Es sind halt meist sehr simple Probleme von unserer Kundschaft.“
„Unterfordert, was?“ gab der Chef mit für meinen Geschmack etwas übertriebener Lache seinem Humor Ausdruck. „Und Privat? Keine Freundin? Keine Familienpläne? Haus? Eigentumswohnung?“
„Hören Sie mir auf mit Freundin! Mir reicht meine Nachbarin! Da vergeht es einem nämlich mit Freundin.“
„Aha? Erzählen Sie doch mal ein bisschen…sie sind jetzt seit zweieinhalb Jahren bei uns. Und Sie wohnen auch seit zweieinhalb Jahren hier. Wie lange kennen Sie diese Nachbarin?“
„Seit zweieinhalb Jahren.“
„Das habe ich mir gedacht. Was macht sie?“
„Sie versucht mich zu bekehren.“
„Bekehren? Zu welchem Glauben?“
„Zu ihrem Glauben.“
„Was soll das für ein Glaube sein?“
„Ach, was weiß ich?! New Age, Krieger des Lichts oder so ein Zeug. Ich höre da nicht so genau hin. Es wiederholt sich nämlich ständig: die Mikrowelle macht Dich krank, werde Veganer, interessiere Dich gefälligst für Deine Seele und dieser ganze Kram. Ich hatte zwei Stunden Religion in der Woche auf der Schule. Damit ist mein Bedarf gedeckt.“
„Wie alt ist diese …Nachbarin?“
„Sie wird wohl demnächst 36.“
Mein Kommandant lachte zynisch. Knuffte mich dann kumpelhaft gegen die Schulter.
„Adrian, Adrian. Sie müssen noch viel lernen, junger Mann. Ihre Nachbarin sucht einen Vater für die Kinder, die sie noch nicht hat! Die biologische Uhr tickt!“ er zwinkerte.
„Ist nicht meine Uhr. Und Frauen und Kinder halten einem sowieso nur von den wirklich wichtigen Dingen des Lebens ab: zum Beispiel World of…äh, Apps programmieren.“
Shit, im Ansatz verplappert. Hoffentlich entstand meiner IT-Karriere daraus kein Dämpfer…
„Wie dem auch sei: ich denke, das Thema wird für Sie auch noch relevant. Vielleicht nicht gerade mit dieser jungen Dame, oder sagen wir: eher gar nicht. Adrian, ich habe vor, Sie zu versetzen – zu den Developern nach Kraichenhain.“
„ Wirklich ?“ ächzte ich. Ich versuchte, mein Zittern vor lauter Vorfreude zu unterdrücken. Das bedeutete nämlich nicht nur eine erhebliche Gehaltsaufwertung, sondern auch den sicheren Umzug – was fast noch wichtiger war!
„Ja.“ Konzentrierter Blick in den Terminkalender. „Ich würde sagen…ab Juni da, und die letzte Mai-Woche einen kleinen Überstundenabbau.“ Zwinkern.
„Ich habe noch keine Überstunden dieses Jahr.“
„Aber das lässt sich doch einrichten…“
Seine Stimme in diesem Moment erinnerte mich an Detektiv Schlemil von der Sesamstaße, wenn der Ernie im Vertrauen beiseite nahm – wahrscheinlich war es auch so gemeint. Aber das war im Grunde genommen irrelevant. Viel relevanter war, dass ich zum 31.5. aus meiner Wohnung mit integrierter esoterischer Nachbarschaftshilfe ausziehen durfte. Das bedeutete für mich: Isabell Heumann würde der Vergangenheit angehören! So wie ihre Heilslehren: denn warum sollte man anderthalb Stunden für ein garantiert tierleidfreies Essen benötigen müssen, wenn es auch mit Fleisch in anderthalb Minuten ging?
Die Kunde verbreitete sich schnell im nicht-DAU-Land, und so wurde ich dann auch zur Mittagspause zu meiner „Freundin“ interviewt. Auch von älteren Kollegen, die es ja wissen mussten, da verheiratet. Die packten die Gelegenheit und fragten mich nach meinem Privatleben aus, von dem bisher wenig bekannt war. Kein Wunder: ich hatte ja quasi keins. Jedenfalls keines, für das es sich lohnte, einen Facebook-Account zu eröffnen.
„Und diese Nachbarin hat Dich von Anfang an heimgesucht?“
„Im wahrsten Wortsinne, ja. Sie hat mein Heim aufgesucht.“
„Wie sieht sie denn aus?“
„Mittel uninteressant, soweit ich das beurteilen kann. Denn bis auf die Göttin Aranea Diadema aus dem Spiel Ragnaroek kenne ich kaum Frauen.“
„Ja, die ist klasse!“ merkte einer von den jüngeren Kollegen an, und ich fühlte mich wieder mal verstanden. Was bei meiner spirituellen Nachbarin nicht der Fall war. Kein Wunder: ich kam ja nie zu Wort, wie sollte sie mich da auch verstehen?
„Hey, die Developer-Abteilung ist cool!“
„Ja, das Mittagessen in der Kantine ist gut…und 100% auf der Basis von nicht-ionisierender Strahlung.“
Ich rechnete mir insgeheim schon aus: Zukunft im Großraumbüro, Mittag- und Abendessen aus der Mikrowelle, endlich Geld für das neue System und ein richtig gutes W-Lan. Das bedeutete, dass ich eine wahrhaft strahlende Zukunft vor mir hatte! Auch wenn man das ganze Licht und die Liebe aus dem Appartement nebenan abzog…
Normalerweise introvertiert, ging ich das erste Mal seit ziemlich langer Zeit aus mir heraus – eigentlich seit zuletzt in der 5. Klasse, als ich ein Linoleummesser etwas ungeschickt in meiner Handkante platziert hatte. Thema im Gruppengespräch: Esoterik! Na so was…?
„Die ist wie ein Glückskeks – nur dass sie nicht nach einem Satz aufhört. Leider.“
„Glückskeks klingt doch nicht schlecht?“
„Ich komme mir vor wie im Astro-Kanal…dabei gucke ich so gut wie nie Fernsehen. Ich habe ja das andere, rechteckige Ding und YouTube und Netflix sind sowieso viel besser als das Privatfernsehen.“
„Ja, was erzählt die denn?“
„Ach, irgend so was vom goldenen Zeitalter, dass wir uns vorbereiten müssten, und das jetzt alles anders werden würde.“
„Dann war die Olle aber vorher noch nicht verheiratet!“ merkte einer der etwas älteren Kollegen an.
„Wie denn auch? Die lässt einen garantiert noch nicht mal zu Wort kommen, wenn man vor dem Traualtar Ja sagen will!“
„Hey, Mönch, das war ein Kalauer!“
„Alter!“
Allgemeine Heiterkeit. Ich war selbst erstaunt über meine Schlagfertigkeit. Aber die Aussicht auf künftige Freiheit von überfürsorglichen, spirituell angehauchten und als kleines Schmankerl obenauf noch weiblichen Nachbarn beflügelte mich wohl an diesem Mittag, bis ich meine Tasche packen und auf die Kundendienst-Reise gehen musste.
Der göttliche Blumentopfwurf
Die Tour de DAU selbst verlief dann auch ohne weitere Probleme. Die Letzteren der Kundschaft waren so profan, dass selbst mein Sohn dahinter gestiegen wäre – dabei war der nicht mal gezeugt. Insofern hatte ich ein leichtes Leben. Und die Developer-Dependance bedeutete, dass ich nicht einmal mehr ausrücken musste! Ich würde mich auf meine Kernkompetenz konzentrieren und künftig sechs von den großen, grünen Scheinen monatlich mehr mit nach Hause nehmen – mit ordentlich Luft nach oben, wie man mir ankündigte.
Dennoch: im Mietshaus durfte ich mir meine gute Laune nicht allzu sehr anmerken lassen. Sonst käme meine Nachbarin ja noch auf die dumme Idee, dass jetzt die Gelegenheit günstig war, mich zu konvertieren. Und das ging ja mal gar nicht. Schließlich wartete Chicken Teriyaki auf mich, wenn auch nur aus der Tüte. Dank großzügigem Einsatz von Mononatriumglutamat sogar geschmacklich recht überzeugend.
Vielleicht sollte ich zur Feier des Tages noch etwas vom guten Bad Reichenhaller Siedesalz dazu geben? Das verlieh dem Leben nämlich erst die richtige Würze!
Ich kam zuhause an, drosselte mein Lächeln auf normal Null und ging leise am Appartement meiner heiligen Nachbarin vorbei, aber ich hatte keine Chance…
Diesmal ließ sie mir nicht einmal mehr Zeit, meine Mikrowelle auch nur zu befüllen .
Da ja durchaus die Chance bestand, dass es sich um jemanden anderes handeln konnte, öffnete ich (leider kein Spion an der Tür), aber ich öffnete und stellte fest, dass es sich um keine Geringere handelte als eine Nachbarin, die gerne erleuchtet wäre. Isabell hatte einen etwas unguten Blick drauf. Mein PC schaute mich jedenfalls nie so an. Aranea Diadema erst recht nicht. Die guckte, obwohl nordische Kriegerin, richtig lieb dagegen.
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