Als Erstes kam der Standesbeamte zur Begrüßung zu uns. Es war minus fünfzehn, wie Steffi sich auszudrücken pflegte, und es waren deutlich mehr Gäste da, als ich und mein Kontostand es erwartet hatten. Zur Not müsste ich wohl oder übel den Keller verkaufen, dachte ich mir. Auf dem Weg in die erste Reihe wurde nur Steffi aufgrund ihres supertollen und duften Hochzeitskleids gelobt. Wie traumhaft schön sie darin aussehe und sonstiges Geschmeichel. Das war der Zeitpunkt, als mir ihre Hülle erstmals auffiel. Steffi erzählte mir nur, dass es eine Spezialanfertigung sei, die unauffällig den Babybauch umspielte. Da hatte die Schneiderin für schlappe achthundert Euro Aufpreis etwas Wunderschönes geschaffen. Daran erinnerte ich mich in jenem Moment. Bedankte mich in Gedanken bei Steffis gläubigem Vater, der auf einer Hochzeit vor der Geburt bestanden hatte, weil das in seiner Familie so Tradition sei. Naja, und Steffi drängte mich ja ebenso, nur liebevoller.
Zu allem Überfluss stand dort obendrein der Christian-Dufte im Weg, um sie abzufangen. Küsschen links, rechts, links. Es folgten ausgiebige Lobpreisungen, wie umwerfend sie doch aussehen würde. Wonach ich an der Reihe war, die Kusssalve über mich ergehen zu lassen. Um Steffi nicht weiter zu verärgern, wich ich keinen Millimeter zurück, wenngleich mir ein Rückzug angesichts der Übergriffe geboten schien. Den Typ neben Christian hatte ich zuvor nie gesehen, obwohl er mir bekannt vorkam. Vorstellen wollte uns Steffi später, murmelte sie. Woher der Steffi kannte und sie ebenso herzlich begrüßte, wusste ich nicht.
In der ersten Reihe standen unsere Trauzeugen parat. Steffis Vater Klaus, der in seinem zu großen schwarzen Anzug versank. In der rechten Hand hielt er verkrampft seine Handbibel und in der linken sein Stofftaschentuch. Mein Trauzeuge Andreas stand ähnlich steif da. Aber aus anderem Grunde, wie mir schien. Und so hoffte nicht nur ich, dass die Sache hier schnellstens beendet sein würde. Eine Reihe dahinter saßen meine Eltern und zwischen ihnen mein Opa Karl. Sie gaben Daumenhoch-Handzeichen, offensichtlich um mir Mut zuzusprechen. Opa dagegen drehte den Daumen nach unten und lachte dabei.
Er hatte immer eine Vorahnung, was Frauen anging. Er war der Einzige damals, der mich über meine erste und letzte große Liebe, vor Steffi, hinwegtrösten konnte. Seine Lösung bestand darin, jedes Wochenende ein Fußballspiel der Lilien zu sehen. Egal in welcher Liga sie spielten, es sei weitaus besser, als zu Hause bei der Frau zu sitzen. Und wenn man keine hätte, dann erst recht, erklärte er mir in meinem sechzehnten Lebensjahr. Das Jahr, in dem meine Jugendliebe Claudia, wegen des französischen Austauschschülers Térence mit mir Schluss machte. Der Typ, den meine Eltern bei uns zu Hause aufgenommen hatten, damit ich etwas französisch lernen könnte, wie sie hofften. Es stellte sich heraus, dass er das vornehmlich Claudia beigebracht hatte. Heute noch höre ich gerne die Nachrichten, dass mal wieder jemand von einem Blitz getroffen wurde.
Als wir letztendlich in der vordersten Reihe ankamen, erkannte ich an Andreas wehleidigem Blick, dass er mir etwas mitteilen wollte. »Philip, tut mir echt leid, aber ich schaff das nicht. Ich bin noch sternhagelvoll und habe das Gefühl, dass ich gleich über den Altar brechen muss«.
»Andreas, das ist doch hier keine Essenseinladung, die du kurzfristig absagen kannst, weil es dir nicht gut geht! Und außerdem sind wir hier nicht in der Kirche, das ist kein Altar, sondern einfach nur ein alter Tisch!«
In dem Moment fragte mich Steffi, was los sei und ob ich die scheußliche Vase auf dem Trautisch gesehen hätte, die sie gänzlichst unpassend für den Anlass finden würde.
»Da hörst du es Andi, das nennt man einen Trautisch. Kommt von: trau dich!« Ich versuchte, ein wenig Humor in die verfahrene Sache zu bringen.
»Mir egal, Philip, es geht nicht! Ich breche gleich zusammen. Weißt du, wie viel Bier ich in mich hineingeschüttet habe bis heute früh? Bin nach Hause gekommen und habe eine halbe Stunde unter der kalten Dusche gestanden, nur um danach festzustellen, dass ich noch genauso blau bin wie vorher.«
»Ja und, meinst du, mir geht es besser? Wir waren doch die gesamte Nacht zusammen. Du kannst mich doch jetzt nicht im Stich lassen!«
»Es war deine beschissene Reiseplanung, Philip. Ich kann dir nur sagen, wenn ich hier noch länger stehe, passiert ein Unglück!«
»Und was soll ich jetzt deiner Meinung nach machen, mir noch in Windeseile einen Trauzeugen bei Amazon bestellen?«
»Ich habe die Jungs gefragt, die fühlen sich alle genauso elend. Von denen will ebenfalls keiner. Dafür habe ich Sven angerufen, der ging aber nicht ans Telefon.«
Mit zornigem Blick sah ich hinüber zu Thomas und Michael an der Wand, von denen jeder in diesem Moment einmal wieder verlegen in sämtliche Himmelsrichtungen schaute.
»Was ist mit Harry, den sehe ich nicht?«
»Genau, ich soll dir ausrichten, dass er dringend in die Firma wegen einer kurzfristig einberufenen Managementkonferenz musste, er bittet um Verständnis. Zum Glück haben die mich nicht auch noch reinbeordert. Daher sollten wir Woody mitnehmen, um auf ihn aufzupassen.«
Entsetzt sah ich ihn wahrhaftig zwischen Michael und Thomas sitzen. Sein schwarzes Fell glänzte prachtvoll. Er war der Einzige in der Reihe, der mich mit treuem Blick ansah, aber ebenso nervös wirkte. Wäre Harry anwesend, hätte ich ihn gefragt. Er hätte niemals abgelehnt. Seinen Hund schätzte ich kurzerhand ähnlich ein. Doch was würde Steffi sagen, wenn Woody mein Trauzeuge würde? Er müsste ja nur neben mir sitzen. Es könnte maximal an der Unterschrift scheitern. Dennoch verwarf ich die Idee.
»Oh Mann, das passt zu dem Tag. Dann musst du jetzt hier sitzen bleiben, bis sich irgendwer freiwillig meldet!«
»Wir können doch auch noch etwas warten, Sven kommt bestimmt wie immer etwas später, kennst ihn doch!«
»Sag mal, hast du sie noch alle? Soll ich hier eine Ansage machen, dass sich der Beginn der Theatervorstellung etwas nach hinten verschiebt, weil noch nicht alle Statisten da sind? Alter, wir haben hier ein Dreißig-Minuten-Zeitfenster, danach kommen die nächsten Heiratswütigen. Das geht hier zu wie im Taubenschlag.« Ich holte tief Luft und versuchte, meinen Puls zu bändigen, um in leisem Ton zu sprechen: »Andreas, bitte, setz dich jetzt hier hin und beiße die Zähne zusammen. Du musst ja nix machen, außer …«
Schon wieder unterbrach Steffi mich. Zischte wie eine Schlange, was um Herrgottswillen bei uns los sei und wir uns gefälligst hinsetzen sollten, da sich der Standesbeamte mittlerweile mehrmals geräuspert habe.
»Schon gut, ich sitze ja schon, was muss ich jetzt nochmal machen?«, fragte Andreas nach.
»Mir einfach nur die Ringe geben, wenn der da vorne dazu auffordert das hatten wir bereits letzte Woche besprochen!«
Ich hatte den Satz kaum ausgesprochen, da überfiel mich eine fürchterliche Ahnung. Eine Gänsehaut machte sich von den Zehen bis zum Haaransatz breit. Gleichzeitig rannte mir ein Wasserfall aus kaltem Schweiß in den Nacken und bis in die Poritze hinunter. Andreas‘ Frage, dass ich sie ihm dann jetzt geben solle, nahm ich nur beiläufig wahr. Denn da wusste ich, was ich in Wirklichkeit zu Hause vergessen hatte. Die Trauringe lagen dort auf dem Lilien-Fanregal, vor dem ich jeden Morgen die Vereinshymne sang. Nur nicht an diesem.
Der Standesbeamte trug seine vorbereitete Rede vor, die unvernommen durch meine Gehörgänge waberte. Ich fragte mich, wie ich aus dieser Nummer heil herauskommen sollte. Niemals, das wurde mir bewusst. Trotzdem suchte ich krampfhaft nach Möglichkeiten. Ein plötzliches Erdbeben schien die Lösung, dann müssten wir schleunigst das Gebäude verlassen. Oder der Beamte erlitt einen Herzinfarkt, was mir angesichts seiner Körperfülle am wahrscheinlichsten erschien. Ich sah jetzt die Vase auf dem Trautisch. Ein Apfelweinbembel mit Blumen darin. Das fand ich originell und überragend.
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