Um Steffi weiter milde zu stimmen, lobte ich Christian in den Himmel, der mir im Verlaufe des Deals etwas zu eng mit Steffi wurde. Aber sie meinte, ich bräuchte mir bei ihm gar keine Sorgen zu machen, der interessiere sich nicht für das weibliche Geschlecht. Ich schluckte die Pille der Ungläubigkeit, verbeugte mich demütig vor ihr und fand die Auswahl der Innenwandfarben passend. Selbstredend benötigten wir dazu einen Keller, keine Frage. Zu dem Preis schien der gar geschenkt.
Zu jenem Zeitpunkt wurde mir verschwiegen, wie viel unser Baby zusätzlich zu den horrenden Lebenshaltungs und Darlehenskosten verschlingen würde. Als ich mich später einmal darüber auslassen sollte, meinte Steffi lapidar, dass ich doch gerne einmal auf meine Dauerkarte fürs Stadion verzichten könnte. Ebenso auf die kostspieligen Fahrten zu den Auswärtsspielen. Das saß! Ehrlich. Lieber hätte ich mir einen Arm abgehackt oder mir eine Niere oder die Leber herausschneiden lassen und in Rumänien vertickt.
Mein Plan mit Blick auf das Relegationsspiel am Vorabend der Trauung schien dafür brillant. Fand ich zumindest. Für mich und meine Freunde buchte ich den letztmöglichen Zug von Bielefeld zurück, um elf Uhr abends, und gegen zwei Uhr sollten wir daheim sein! Ich rechnete bis zu vier Minuten Nachspielzeit ein, Gedränge beim Rauslaufen, ebenfalls den Fußweg zur Haltestelle. Das alles sollte man in vierzig Minuten locker schaffen können. Sollte. Das verlorene 1:3 beim Hinspiel zu Hause trübte die Stimmung keinesfalls. Wir müssten drei Tore schießen. Und da wir in unserem Stadion nur eines in des Gegners Netz geballert hatten, schien die Hürde extrem hoch, aber die. Daher war davon auszugehen, dass es nichts zu Feiern gäbe. Ergo, wir locker den letzten Zug erreichen würden.
Im Grunde genommen klappte die Vorbereitung für den gefakten Junggesellenabschied spitze, quasi wie am Schnürchen. Thomas, mein alter guter Sportsfreund aus einem körperlich fitteren Lebensabschnitt, war Teil unserer Freundesgruppe und erhielt von mir klare Instruktionen, vier Tage vor dem geplanten Junggesellenabschied Steffi anzurufen. Er schien mir für diese Aufgabe der am geeignetste meiner Jungs, da er, bevor wir es überhaupt in Erwägung gezogen hatten, einmal verheiratet und geschieden war. Außerdem war er körperlich so robust, dass er nicht gleich einknicken würde, sollte Steffi losmotzen. Das Ziel war eindeutig. Er sollte ihr beibringen, dass sie mich demnächst zwecks eines Junggesellenabschieds entführen würden.
»Ihr habt wohl den Arsch offen, das ist ein Tag vor unserer Hochzeit!«, hörte ich sie nach anfänglicher Stille empört in den Hörer rufen.
Ich saß im Wohnzimmer und wusste: Das war der Anruf! Er hatte einen von mir vorgeschriebenen Text erhalten, den er nur abzulesen brauchte. Unter den jeweiligen Ansagen, die Thomas zu machen hatte, notierte ich die infrage kommenden Antworten von Steffi, damit er nicht gänzlich unvorbereitet dastand. Mein Tipp hatte gelautet: »Ihr spinnt doch völlig, das ist jetzt nicht euer Ernst!«
Ok, sie kam gleich mit dem offenen Arsch, was eine leichte Verschärfung darstellte. Als Nächstes sollte er sagen, dass sie sich dieser Verantwortung vollkommen bewusst wären und es ihnen ungemein leidtäte, es so kurzfristig arrangiert zu haben. Die Arbeit halt. Und sie würden ihr hoch und heilig schwören, mich rechtzeitig in der Nacht zurückzubringen. Wir würden eh nicht viel trinken. Zugegeben, den letzten Satz hätte ich mir sparen können. Der war riskant. Meine vorgefertigte Antwort lautete: »Ja klar, wie immer trinkt ihr nicht so viel. Fürwahr, ihr sauft trinken kann man das nicht mehr nennen.«
Aber hier lag ich vollkommen daneben. Der Zettel, den Thomas in der Hand hielt und der ihm vermutlich im nächsten Moment aus den Fingern glitt, war nicht mehr die Tinte wert.
»Thomas, du versuchst nicht ernsthaft mir das so zu verkaufen, oder? Und sage jetzt besser keinen Ton, sonst bekommen wir Streit, bevor ich mir gleich meinen Zukünftigen vorknöpfen werde. Ihr Schlaumeier meint ernsthaft, dass ihr mir das als Junggesellenabschied unterjubeln könnt? Wo ihr doch alle nach Bielefeld fahrt, um eure Lilien zu sehen?« Kurze Atempause. »Da brauchst du jetzt nicht rumzustammeln. Euer Noch-Junggeselle hat dümmlicherweise vorgestern die Bahntickets ausgedruckt und über Nacht im Drucker liegen lassen. Da habe ich mich gefragt, wann er geplant hat mir von Euren Plänen zu erzählen. So viel zum Thema Entführung !«, sprach sie in kernigem Ton.
Früher, als es keine mobilen Telefone gegeben hatte, hätte Steffi an diesem Punkt den Hörer auf die Gabel geknallt. So drückte sie nur die Auflegentaste und warf das Handteil geräuschvoll in die Schale. Jetzt saß ich da, zusammengesunken auf dem Sofa, im hintersten Eck unseres Wohnzimmers des neuen Hauses, in das wir frisch eingezogen waren. Ich wünschte mir in diesem Moment den duften Christian herbei, dass er mir mal geschwind einen Hinterausgang plant und sofort einbauen lässt. Aber wo kein Christian, da keine Tür. Und wo keine Tür, da hatte mich Steffi genau dort, wo sie mich haben wollte. In der Sofafalle. Ohne Möglichkeit zu entkommen.
Wie hatte ich nur vergessen können, die Bahntickets aus dem Drucker zu nehmen? Das war selten blöd.
Das war vermutlich der Hintergrund zum Sprichwort: »Lügen haben kurze Beine«, dachte ich für mich, als Steffi mich zur Rede stellte. Sie war nur einmeterneunundfünfzig groß. Dafür hatte sie einen langen Oberkörper. Folglich etwas kürzere Beine, die dennoch echt schnell bei mir waren. Trotzdem sah sie umwerfend aus, insbesondere wenn sie wütend war. Dann kamen die kleinen Grübchen prägnanter als beim Lachen zur Geltung, was ich normalerweise an ihr mochte. Dabei schleuderte ihr zum Pferdeschwanz gebundenes brünettes Haar peitschend von links nach rechts. Das stellte diese Art von Exzessen nicht minder sexy dar im Gegenteil. Mit ihrer ultrahippen Brille und dem erhobenen Zeigefinger hatte das etwas von einer strengen Lehrerin. Und Christian kam in jenem Moment erwartungsgemäß nicht. Es wäre seine einzige Chance gewesen, sich bei mir positiv zu verewigen.
Als sie auf mich zuschoss, waren die ersten Worte, die mir ins Gesicht schlugen, unsagbar laut. Es hörte sich an wie: Was ich denken würde, wie beschränkt sie sei, und sowas. Danach verstand ich kein Wort mehr, da sich ihre Stimme regelrecht überschlug. Daher interpretierte ich darin etwas Friedfertiges. Sowas in der Art, dass alles halb so wild wäre. Denn ich war überzeugt davon, mit dem Kauf des Hauses und meinem Kotau vor ihr sowie dem duften Architekten, mir jede Menge Vorschusslorbeeren erarbeitet zu haben.
Mir blieb keine andere Wahl, als meine Fehler einzugestehen und zustimmend zu nicken. Aber letztendlich hätte sie drohen und sagen können, was sie wollte. Sie wusste, ich würde trotzdem wegfahren, um das Spiel live zu erleben. Dabei träumte ich vor mich hin, wie wir in der siebten Minute in Führung gehen würden, während Steffi weiterhin ein Wortgeschwür nach dem anderen über mich ergoss. Ich hätte an Wortlepra erkranken müssen, aber meine Abwehrkette stand. Ihre sich überschlagende Stimme hallte so nach, dass ich erst gar nicht bemerkte, dass sie sich mittlerweile von mir abgewandt hatte. Ich fragte mich, ob ich die gesamte Zeit mit eingezogenem Pimmel dagesessen hatte, mit samt ein paar abgelassenen Angsttröpfchen. Doch es kamen kein Verbot, keine Drohungen. Steffi schien verständnisvoll und gönnte mir meine Fußballliebe, glaubte ich zumindest. In Wahrheit wollte sie sich der Schwangerschaft wegen nicht weiter aufregen. Was uns letztendlich beiden half, künftig in einer gewissen Eintracht zusammenleben zu lernen.
Vor Meinen Freunden im Zug erzählte ich logischerweise nichts von meinen Angsttröpfchen. Dafür lehnte ich mich bei der Bahnfahrt zum Spiel lässig aus dem Fenster und prahlte, wie arg verliebt ich in meine Zukünftige bin. Dass sie die Richtige für mich ist. Eine, die mich sein ließ, wie ich bin und mich nicht zu verbiegen plante. Das meinte ich sogar so. Ich war davon überzeugt, die Probleme, die ich von anderen Pärchen hörte, würden bei uns nicht aufkeimen. Sven, der mir direkt gegenüberstand, und von ähnlichen schrägen Eheverläufen wie Thomas zu berichten wusste, schüttelte nur mit dem Kopf und fragte, ob er mir das alles nicht tausendfach erklärt hätte.
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