Plötzlich fuhr der Mannschaftsbus in die Tankstelle ein. Wir erstarrten zu Salzsäulen, als die Spieler singend ausstiegen und die Tankstelle in Beschlag nahmen, um flüssigen Proviant für die Rückfahrt einzukaufen. Jeder der Spieler begrüßte uns der Trikots wegen. Wir bekamen nur ein »Glückwunsch« über die Lippen. Außer Michael, der war verschwunden. Dann standen die Spieler Hanno und Toni Arm in Arm vor uns, meinten, dass wir uns mit der Heimfahrt beeilen sollten. Im heimischen Stadion würde in ein paar Stunden eine Party starten. Wir nickten fleißig, ohne Reaktion, da sie mit Sicherheit davon ausgingen, dass wir mit dem Auto unterwegs waren. Ergab ja Sinn. Als Fußgänger hat man an Tankstellen wenig rumzuhängen. Dann tauchten die wieder im Getümmel ab, dafür Michael auf. Im Schlepptau den Vereinspräsidenten.
»Servus Jungs, euer Freund hat mir von eurem Schicksal erzählt. Wer von euch ist Philip?«
Ich hob zaghaft meine Hand in die Höhe.
»Freut mich, dass du morgen heiraten wirst. Da wir nicht der Grund dafür sein wollen, dass du deine Hochzeit verpasst, möchten wir euch im Bus mit zurücknehmen. Das Problem ist, dass wir nur noch zwei freie Sitzplätze haben. Also aus versicherungstechnischer Sicht müssten wir eigentlich passen. Da aber eh alle Mannen im Bus rumhüpfen, merkt das wohl niemand. Der Busfahrer hat sein Okay gegeben ausnahmsweise. Hoffen wir also auf ´ne unfallfreie Fahrt. Nur eins, deckt euch bitte vor Ort mit Getränken ein.«
Michael stand mit einem Grinsen bis zu beiden Ohren da.
»Genial, oder?«
Dafür drückte ich ihm mein restliches Geld in die Hand und stieg in den Bus ein. Sollten die sich um Bier kümmern. Beim Einsteigen fragte ich den Busfahrer, wann wir ankommen würden. Er meinte, das hinge davon ab.
»Verkehr, nachts nach ein Uhr?«
»Nein, du Schwarzfahrer, von der Häufigkeit der Pinkelpausen!«
Fein, jetzt war ich beruhigt. Der einzige Nüchterne in dem Bus gab mir blöde Antworten. Harry, der direkt hinter mir einstieg, kombinierte und rechnete munter vor sich hin und tippte auf eine Ankunftszeit so gegen sechs Uhr morgens.
»Harry, echt? Um sechs?«
»Schätze ich. Es wird sicher die eine oder andere Pinkelpause geben, sagte doch auch der Busfahrer. Es ist jetzt nach ein Uhr, wir haben vier Stunden Fahrt vor uns.«
Entspannt und zufrieden lehnte ich mich auf einem der freien Sitzplätze zurück, zuversichtlich, dass ich das jetzt locker schaffen könnte. Und überzeugt davon, dass auf Pech Glück folgt. Weil Steffi nichts mitbekommen würde, da ich längst neben ihr liegen würde, bevor ihr Wecker klingelte.
Dachte ich. Bis der Bus losfuhr und der Präsident über das Mikrofon preisgab, dass man mit mir, Andreas, Thomas, Harry, Sven und Michael nicht nur den Aufstieg, sondern gleichzeitig meinen Junggesellenabschied feiern wolle. Der Bus grölte wie verrückt. Letztendlich klopfte jeder der Spieler mir mit beileidsbekundender Miene auf die Schulter. Vorwiegend herzlich Elton da Costa, als wüsste er, in welches Drama er mich mit seinem letzten Tor geschossen hatte. Ergänzend fügte der Redner am Mikro hinzu, dass die Stadt für morgen gegen zwölf Uhr die Meisterschaftsfeier auf dem Karolinenplatz vorbereiten würde, mit allem Drum und Dran. Daraufhin musste ich die auf mich zutreffenden, vorwurfsvollen Blicke meiner Freunde schlucken.
Es dauerte keine zehn Minuten, bis ich im Gang tanzte und mitsang. Die Ausgelassenheit im Bus steckte jeden von uns an. Sogar Michael und Harry hüpften munter mit.
Acht Pinkelpausen und drei Tankstellenstopps später erreichten wir letztendlich um dreiviertel sieben das Heimstadion. Dort empfing die halbe Stadt die Mannschaft mit Feuerwerk sowie ausgelassenem Jubel. Thomas erzählte mir später einmal, ich hätte nach dem Aussteigen irgendwelchen Fans Autogramme mit einem fetten Edding-Stift gegeben. Danach nahm das Feiern seinen Lauf.
Wie sensationell dieses Spiel, die Rückfahrt und Ankunft mit Party am Morgen war, konnte ich nur daran bemessen, dass es zwischenzeitlich hell wurde. Doch für mein Gefühl lief weiterhin alles nach Plan.
Bis ich auf Zehenspitzen in unser neues Reihenmittelhaus schlich und Steffi weinend in Hochzeitsmontur am Frühstückstisch vorfand. Da bemerkte ich, dass entweder sie zu früh oder ich zu spät war. Ich holte tief Luft, um zu fragen, warum sie so früh wach sei. Verkniff es mir dann glücklicherweise. Die Uhr an der Wand konnte ich nur schwer entziffern, sah nur, dass der kleine Zeiger die Neun passiert hatte.
»Es ist zwanzig vor zehn, du Arschloch! Und du kommst jetzt im Lilientrikot nach Hause? Wehe dir, dass du außerdem gesoffen hast. Ich setze mich heute nicht hinters Steuer das ist dein Part , mich zu fahren! Du hast noch eine Viertelstunde!«
Ich weiß nicht mehr, ob sie das im sanften Ton sagte. Vermutlich kaum. Trotzdem war ich in dem Moment total nüchtern und rannte los – wie Flash .
Es ist wahnsinnig, was ein Adrenalinschock mit einem betrunkenen Menschen anrichten kann. Das ist Wiederbelebung à la Elektroschocker. Mir gelang alles in den verbleibenden fünfzehn Minuten, ausgenommen mich zu rasieren. Das hätte blutig geendet in diesem Zustand. Dafür gurgelte ich fast eine ganze Flasche Listerine , was mir nach außen hin atemtechnisch erstmal gut stand. Einiges davon schluckte ich dennoch hinunter. Dass ich obendrein zig Kilometer rannte, hatte ich Christian zu verdanken. Da er das Badezimmer im Obergeschoss eingeplant hatte und das Ankleidezimmer im Keller. Zumindest nur für den Hausherrn, oben gab es nur Platz für Steffis Garderobe.
Als ich zurück in die Küche kam und wie frisch gebügelt dastand, zumindest für mein Empfinden, sah ich auf dem Küchentisch neben einer Packung Kleenex und zwanzig zusammengeknüllten Weichpapierkugeln eine geöffnete Flasche Champagner stehen. Ich erkannte, dass Steffi davon maximal ein Glas getrunken haben konnte. Dann tippte sie mir von hinten auf die Schulter, sagte, dass sie angesichts der Umstände das hätte trinken wollen. Und ich sei jetzt der Allerletzte, der sie in puncto Schwangerschaft belehren müsse. Sie würde im Auto warten.
»Minus drei«. Was für die Minuten stand, die mir blieben, es bis ins Auto zu schaffen. Ich starrte dreißig weitere Sekunden auf den prickelnden Schampus, bevor ich ihn mir schnappte. Dabei lief ich ans Küchenfenster und überprüfte, ob sie tatsächlich im Auto saß. Minus zwei. Beim Schuhe Anziehen spürte ich, etwas vergessen zu haben. Doch dann wurde mir übel und ich sprang zurück in die Küche ans Waschbecken und kotzte einen derben Strahl gemischt aus Bier, Listerine und Champagner hinein. Minus eins. Nahm das einundzwanzigste Kleenex , um mir den Mund abzuwischen. Danach fühlte ich mich innen wie außen gereinigt. Bei minus dreißig Sekunden rannte ich folglich hinaus, überholte dabei Usain Bolt , der blöd guckte, stieg zur Fahrerseite ein und ließ den Motor an. Zehn Uhr zeigte die digitale Anzeige am Armaturenbrett.
»Und jetzt biste sprachlos, oder?«
»Fahr einfach los, Philip, ich will mich nicht mehr aufregen müssen. Mein Bauch tut weh und du kostest mich meine letzten Nerven.«
Es war kaum zu glauben, wie gelassen sie das zu mir sagte. Ich wollte die Chance nutzen und Pluspunkte sammeln, um aus dem Minus rauszukommen. Sogleich fuhr ich los, doch zwei Straßenecken weiter war es schon wieder vorbei mit der Herrlichkeit.
»Wo zur Hölle fährst du hin?«
»Na zum Standesamt, warum?«
»Philip, ich habe dir gestern am Telefon gesagt, dass wir zuerst zum Blumenladen müssen, um das Blumenband fürs Auto abzuholen. Kannst du dir nicht einmal das merken, was ich dir sage?«, motzte sie mit veränderter Stimmlage.
Mir war im Stillen bewusst, das ich es mir hätte verkneifen sollen, doch es platzte aus mir heraus. Ich konnte mich aufgrund der Abtötung sämtlicher Gehirnzellen nur vage an ein Telefongespräch erinnern.
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