Eigentlich hatte ich die ganzen alten Geschichten längst vergessen, aber als ich zurück kam in mein Elternhaus kamen die ganzen Erinnerungen hoch. Und so entstand langsam die Idee mit dem Friseurladen. Es ist zwar gut, ein Dach über dem Kopf zu haben, und nichts dafür bezahlen zu müssen, aber ein bisschen Bares, um das Leben zu gestalten, ist auch nicht schlecht. Der Laden meiner Eltern stand ja leer, also bot es sich an, daraus etwas zu machen. Das Geschäft ist sehr groß, also habe ich einen Teil abgetrennt. So entstand ein schöner Lagerraum, der erst mal leer war, und ein langer, schmaler Laden, der vorne ein Fenster und die Eingangstür hat und dann weit nach hinten reicht. In den vorderen Bereich, an die eine Seite, stellte ich zwei Friseurstühle, mit Spiegel, Trockenhauben und Haarwaschbecken, alles für fast null Euro bei Ebay ersteigert. Die gegenüberliegende Wand habe ich sonnengelb gestrichen, das schmeichelt dem Teint. Darauf habe ich schöne Poster geklebt, mit Schmetterlingen, Enten, Regenbogen und Seerosen. Im Schaufenster stehen Palmen und anderes Grünzeug, und in der Mitte hängt ein großes Schild: „Haare schneiden und Rasieren für alle.“ Darunter steht mein Name. Das ist die beste Werbung. Mich kennt jeder hier im Dorf. Die Alten kennen mich noch als kleinen Steppke, mit dem Fußball unter dem Arm oder an der Hand meiner Mutter. Alle haben Vertrauen zu mir. Darauf kann ich mich verlassen. Und die Leute im Dorf können sich auf mich verlassen. Ich weiß, wie sie ihre Haare haben wollen. Die Alten wissen noch, dass ich Oma Gerti die Haare schnitt, und ihr eine gut haltbare Betondauerwelle verpasste. Also waren meine ersten Kunden die alten Damen aus dem Ort. Bald kamen sie nicht nur, um sich die Haare machen zu lassen, sondern auch um ein Schwätzchen zu halten. Das brachte mich auf eine Idee. Ich stellte eine Eckbank in den hinteren Bereich des langen Ladens, und ein paar alte Sessel aus dem Arbeitszimmer meines Vaters. Ich legte eine schöne bestickte Leinentischdecke von meiner Mutter auf den Küchentisch, der vor der Eckbank stand. Ich kaufte ein paar billige Lampen, die diese schöne Sitzecke in ein freundliches Licht tauchten. An die Wände klebte ich Resten von Tapeten mit dunkelrotem Blumenmuster. Und jetzt bekam auch der benachbarte Lagerraum einen Sinn. Ich legte ein langes Holzbrett auf zwei Malerböcke, und fand zwei Kaffeemaschinen aus dem alten Warenbestand, die mit anderen nicht verkauften Dingen in den Ecken lagen und verstaubten. Jetzt koche ich jeden Morgen Kaffee, den ich meinen Kundinnen ausschenke, während sie auf ihren Haarschnitt warten, oder unter der Trockenhaube sitzen. Irgendwann brachte die erste einen selbstgebackenen Kuchen mit. Die alten Frauen aus dem Ort kommen immer freitags, damit sie am Wochenende hübsch aussehen. Freitag ist Frauentag, von morgens bis abends. Die Kinder kommen nach der Schule zu mir. Sie waren meine ersten Kunden. Sie wurden von ihren Eltern geschickt, sozusagen als Testlauf, um zu sehen, ob ich das ordentlich mache. Bei kleinen Jungs kann man nicht viel falsch machen, und wenn doch, ist es ziemlich egal. Ich schneide ihnen das Deckhaar kurz und rasiere den Nacken aus. Und wenn sie warten müssen, dürfen sie in meinen Comicheften lesen, aber nur, wenn sie die Hefte sorgfältig behandeln und keine Ecken reinmachen. Da bin ich eigen. Meine Comics sind alt und richtige Schätzchen, sozusagen Oldtimer aus Papier. Ich habe noch die kompletten Jahrgänge von Familie Feuerstein, Asterix, Popeye und Superman. Ich freue mich, dass sie den Kindern gefallen.
Ganz zum Schluss kamen auch die Männer. Die jungen Familienväter lassen sich die Haare am Samstagmorgen scheiden. Die Alten und Arbeitslosen sind immer da, die ganze Woche, außer freitags und samstags. Für sie ist mein Laden zum zweiten zu Hause geworden, und zur Ersatzkneipe. Wie gesagt, unsere Dorfkneipe öffnet nur abends für ein paar Stunden. Die Männer sitzen bei mir auf der Eckbank, trinken Bier und sehen fern. Ich habe einen neuen Flachbildfernseher gekauft und mit einer Wandhalterung befestigt. In meinem Lagerraum mit der Holzplatte und den Kaffeemaschinen steht jetzt ein großer Kühlschrank, gefüllt mit Bier und Schnaps. Manchmal brate ich abends Bouletten oder belege morgens zehn Brötchen, damit meine Dauerkunden etwas zu beißen haben, und nicht so schnell betrunken sind. Das ist ein gutes Zusatzgeschäft für mich. Und die Männer sind friedlich. Sie haben endlich einen Treffpunkt, sind nicht mehr alleine, gehen ihren Frauen nicht auf die Nerven, und sie können sich unterhalten, wenn sie wollen. Ich bin also auch noch eine soziale Einrichtung. Ich genieße ein gewisses Ansehen im Dorf, auch ohne abgeschlossenes Studium. Ich bin zufrieden. Zu meinem Glück fehlt mir nur noch Nele. Aber die ist ja vergeben. Nele kommt nicht nur, um mit mir eine schöne Zeit in meinem dunkelblauen Schlafzimmer zu verbringen. Sie kommt auch zum Haareschneiden. Sie hat dünnes blondes Haar. Ich mache ihr den Scheitel rechts und schneide die Haare ganz gerade ab, so dass sie die Schultern nicht berühren. Sie biegen sich ganz leicht nach außen. Nele streicht das Haar mit beiden Händen hinter ihre kleinen Ohren. Sie sieht zerbrechlich aus, wenn sie das macht. Früher hatte Nele dickes maisgelbes Haar, das bis zur Taille reichte. Ich strich ihr gerne über das Haar, von der Stirn bis hinab zu den Spitzen, wenn sie in meinem Bett nackt auf dem Bauch lag. Das ist lange her. Ich habe ihre beiden Töchter heranwachsen sehen. Sie sagen Onkel zu mir und natürlich schneide ich auch ihnen die Haare. Sie sind in der Pubertät und kommen oft bei mir vorbei, wenn sie es zu Hause nicht mehr aushalten, weil sich ihre Eltern streiten. Dann liegen sie in meinem blauen Schlafzimmer auf dem Bett, auf dem ich mit ihrer Mutter manchmal liege, und hören Musik. Ihre Eltern streiten sich oft in letzter Zeit, sagen sie.
Ich glaube mein Freund Fred ahnt, dass seine Frau einen Freund hat. Das kann nicht immer verborgen bleiben. Er arbeitet so viel. Er kann sich nicht genug um Nele kümmern. Ich kümmere mich gut um sie. In meinem Kopf war Nele immer meine Frau. Ich warte auf sie. Wenn sie sich jetzt nicht für mich entscheidet, warte ich auf sie, bis ich alt und grau bin, ein alter Mann, mit einer alten Liebe.
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