„Streber“, gab Daniel von sich, musste aber lächeln. Die Unterlagen vom dritten Semester arbeitete er nun seit einer Woche schon durch. Aber das brauchte Flo ja nicht zu wissen. „Kannst du mir einen Gef...“
Sein Freund unterbrach ihn, indem er leise, aber anerkennend durch die Zähne pfiff. Als Daniel ihn fragend ansah, nickte er mit dem Kopf zu einem Tisch hinter Daniels Rücken hin. Daniel drehte sich langsam um und betrachtete die am Tisch sitzenden Mädchen.
„Die Kleine ganz rechts“, erklärte sein Freund leise und mit verschwörerischer Stimme. „Die mit dem Salat.“
Daniel sah sich das Mädchen genauer an. Sie mochte in ihrem Alter sein, vielleicht etwas jünger, trug dunkelbraune, schulterlange Haare und könnte einem Modelmagazin entsprungen sein. Sie unterhielt sich angeregt mit den anderen Mädchen am Tisch und zeigte beim Lachen ebenmäßige, weiße Zähne. Daniel fand sie auf Anhieb ‚niedlich‘.
Er drehte sich wieder zu Flo und fragte: „Was ist mit der? Gibt es da etwas Besonderes? Sag nicht, dass du sie näher kennst ...“
Flo schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht. Aber ich muss dir gestehen, ich habe mich in sie verknallt. Ihr Name ist Sylvia.“ Flos Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an. „Klingt das nicht wie Poesie? In meinen Ohren schon. Sie ist Studentin im ersten Semester, ebenfalls Medizin. Ich werde sie einmal zu einer Party einladen - so unter uns Medizinern ...“
Daniel lachte. Sie waren beide nicht unbedingt der Typ von Mann, auf den die Frauen flogen. Schon gar nicht solche vom Kaliber dieser Sylvia. Aber Daniel verfügte seinem Freund gegenüber über einen entscheidenden Vorteil: Er besaß Geld - wenn auch nicht übermäßig viel - und er fuhr einen schicken Sportwagen. Leider hatte das bisher nicht für eine feste Freundin, sondern lediglich für ‚Bekanntschaften‘ gereicht, von denen er sich regelmäßig wieder trennte, wenn sie im Bett zu langweilig wurden. Flo versuchte naturgemäß von der Nähe zu seinem Freund zu profitieren, doch die Frauen fanden an seinem schwabbeligen Körper und dem ungepflegten Äußeren nicht wirklich Gefallen. Daniel wusste, dass Flo einen Teil seines sauer verdienten Geldes regelmäßig bei den billigen Prostituierten ließ, die es in der Düsseldorfer Altstadt zur Genüge gab.
Daniel nahm noch einmal den Satz auf, bei dem sein Freund ihn unterbrochen hatte: „Flo, kannst du mir einen Gefallen tun?“
Der Angesprochene blickte immer noch verträumt zum Nebentisch, doch dann kehrte sein Blick zu Daniel zurück. „Natürlich, Daniel. Du weißt, dass ich fast alles für dich mache. Solange es nicht illegal ist. Worum geht es denn?“
Daniel druckste ein wenig herum. Er besprach zwar alles - also fast alles - mit seinem Freund, doch diese Angelegenheit war ein wenig heikel. Er wollte nichts Illegales von Flo verlangen, denn Daniel wusste, dass der das empört ablehnen würde, doch die Sache hier war ein wenig grenzwertig. Er holte tief Luft und blickte auf sein leeres Glas Mineralwasser. Sein Mund war plötzlich trocken und am liebsten hätte er einen Schluck von Flos Cola genommen.
„Ich habe dir doch erzählt, dass ich seit einiger Zeit ... an etwas arbeite“, begann er vorsichtig und blickte seinem Freund ins Gesicht, ob sich dort schon eine beginnende Ablehnung zeigte. Florians Mine blieb ausdruckslos, nur in seinen Augen erkannte Daniel eine leise Skepsis.
Aber Flo nickte und meinte ernst: „Du redest von dem, was du ‚Forschung‘ nennst, richtig?“ Daniel nickte langsam, doch sein Freund schien ihn nicht zu beachten und fuhr fort: „Du weißt, was ich von deinen Experimenten halte. Nichts. Was du da machst ist schlichtweg illegal und kann dich das Studium kosten. Deine Versuche mit den Drogen werden irgendwann auffliegen und dann - ade schönes Medizinstudium.“
Daniel schüttelte den Kopf: „Das sind keine Drogen, Flo, das ist Medizin. Und meine Erfindung wird mich noch vor Ende des Studiums berühmt machen.“
Florian lachte leise. Sie hatten beide die Stimmen gesenkt und sprachen jetzt flüsternd miteinander. Daniel wusste, dass es nicht leicht sein würde, den Freund zu überzeugen. „Keine Drogen? Wie nennst du Lysergsäurediethylamid, Benzoylecgoninmethylester oder Tetrahydrocannabinol denn dann? Oder was du sonst so zusammenbraust?“, fügte der anschließend hinzu. Flo hörte ihm zwar immer aufmerksam zu, wenn er von seinen Forschungen sprach, lehnte sie aber grundsätzlich ab.
„Es geht nicht um LSD, Kokain oder Haschisch“, erklärte Daniel. „Damit hat das überhaupt nichts zu tun. Das weißt du!“ Sein Ton wurde eine Spur schärfer. Flo war nicht der Freigeist, der er gemäß seinem schludrigen Aussehen hätte sein müssen. Ja, sie hatten in der Oberstufe den ein- oder anderen Joint geraucht, doch er war kein Junkie, der irgendwelche Drogen in sich hineinstopfte. Schließlich handelte es sich um wissenschaftliche Experimente, auch wenn solche Substanzen den Grundstock für seine ‚Medikamente‘ bildeten. Und außerdem nahm er die Substanzen ja nicht selber.
„Ich bin kurz vor einem Durchbruch“, erklärte Daniel. Er brauchte Flos Hilfe und zwang sich, ruhig und sachlich zu bleiben. „Das hat nichts mit Drogen zu tun. Außerdem ist es immer eine Frage der Menge. Als angehender Mediziner solltest du das wissen.“
Florian nickte.
„Siehst du“, fuhr Daniel fort. „Und der Gefallen, um den ich dich bitten möchte, hat überhaupt nichts mit Drogen oder Drogenbeschaffung zu tun.“ Er fügte eine Lüge an, doch das Mittel heiligte schließlich den Zweck. „Ich verwende kein Lysergsäurediethylamid, Benzoylecgoninmethylester oder Tetrahydrocannabinol, das schwöre ich dir.“ Natürlich bildeten die Substanzen eine gewisse Basis seiner Forschungen, doch sein Freund brauchte das jetzt nicht zu wissen. Es genügte schon, dass der von Zeit zu Zeit die Pakete mit den Nachschublieferungen für ihn entgegennahm.
Natürlich ohne zu wissen, was die Lieferungen beinhalteten.
„Sag mir, was du von mir willst, dann entscheide ich, ob ich dir helfe oder nicht.“
Daniel atmete auf. Wenigstens lehnte sein Freund seine Bitte nicht von vornherein ab. „Meine Katze ist fortgelaufen“, begann er. „Ich wollte dich lediglich bitten, mir aus dem Tierheim eine neue zu besorgen.“
Flo zeigte sich skeptisch: „Fortgelaufen? Oder ist sie gestorben, wie all die anderen vor ihr auch? Wie viele Katzen hast du eigentlich durch deine ‚Experimente‘ ums Leben gebracht? Zehn, zwanzig?“
Daniel seufzte leise. „Es waren lediglich vier. Und ich habe sie nicht ‚ums Leben gebracht‘. Für die Wissenschaft müssen alle gewisse Opfer bringen. Und die Katze ist wirklich weggelaufen. Sie lebt noch und es geht ihr verdammt gut.“
„Wenn ich dir ein neues Tier besorgen soll, dann musst du mir schwören, dass dem nichts passiert. Warum holst du dir eigentlich nicht selbst so eine Katze?“
„Weil man mich inzwischen überall kennt. Ich war schon in allen Tierheimen in der Umgegend und sogar zweimal bei der Katzenhilfe und beim letzten Mal verlangte man von mir, meine Wohnung zu besichtigen, um zu sehen, ob es den Tieren auch gut geht. Wenn ich jetzt dort auftauche, könnte das Ärger bedeuten.“
„Dann solltest du deine ‚Forschungen‘ einstellen und die armen Tiere nicht alle mit Drogen vergiften.“ Florian schüttelte den Kopf. „Bring dein Studium doch erst einmal zu Ende, dann kannst du zu einem renommierten Forschungsinstitut gehen und dort weiterforschen. Mit einem guten Abschluss steht dir die ganze Welt offen. Außerdem werden üblicherweise Mäuse für diese Art von Experimenten benutzt. Warum also ausgerechnet Katzen?“
„Florian“, benutzte Daniel jetzt den kompletten Vornamen seines Freundes und nicht die Kurzform. Sein Ton klang zunehmend gereizter und er rief sich erneut zur Ruhe, atmete tief durch und fuhr etwas gemäßigter fort: „Wie ich sagte, benutze ich keine Drogen. Außerdem stehe ich kurz vor einem Durchbruch. Die Katze hat jetzt schon zehn Tage länger durchgehalten, als jemals eine vor ihr. Ich brauche nur noch dieses eine Tier.“ Er verschwieg seinem Freund, dass inzwischen wesentlich mehr als die vier Katzen gestorben waren. Und auch Mäuse, mit denen er seine ‚Forschungen‘ begonnen hatte. Aber Mäuse waren nicht so einfach zu bekommen, wie Katzen und auch schwerer zu halten. So hatte er sich für eine Katze entschieden, deren Verhalten zudem auch noch wesentlich besser zu studieren war, als das der kleinen Nagetiere.
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