Ihr schwirrte außerdem noch eine andere Frage im Kopf herum: Wieso hatte Richmond den Brief überhaupt dabei gehabt? Wäre er sowieso aufgetaucht, auch hätten Leonie und Michael nicht gegen das »Gesetz« verstoßen, weil er eben tatsächlich nichts anderes zu tun hatte, als Briefe zu verteilen und Neuankömmlinge zu begrüßen? Er hatte behauptet, er habe lediglich vergessen, ihn bei seinem ersten Besuch zu überbringen, also konnte er ihn auch nicht erst hinterher erhalten haben. So oder so war Leonie ziemlich neugierig, was sich in diesem Umschlag nun eigentlich befand, der da auf ihren Beinen ruhte.
Diese Frage sollte sich aber nicht jetzt beantworten, denn Michael erkannte gerade einen elementaren Fehler in seiner Planung, als er die Küchenschränke inspizierte. »Wir haben nichts zu essen«, sagte er, als wäre es ihm zu jeder Zeit bewusst gewesen. »Wir müssen erst einkaufen gehen.« Er stellte den Herd wieder ab und eilte an Leonie vorbei, nicht ohne ihr einen finsteren Blick zuzuwerfen und sie in eisernem Tonfall, der so gar nicht zu ihm passte, anzuweisen: »Runter vom Tisch!«
So langsam gehst du mir ganz schön auf den Keks, Daddy, dachte Leonie, sprach es aber nicht aus und folgte ihm schweigend. Den Brief ließ sie auf dem Esstisch liegen. Sie würden ihn eben später lesen, trotz aller Wissbegierde. Wenn sie ihren Magen befragte, hatte sie gegen Abendessen eigentlich auch überhaupt nichts einzuwenden und das Papier würde ihnen ja schließlich nicht davonlaufen.
Sie wartete am Fuß der Treppe auf ihren Vater, der mit seinem Portmonee in der Hand und einem kleinen Mädchen auf dem Arm hinunter gehastet kam. Wäre Leonie einfach dort stehen geblieben, hätte Michael es in seiner Eile wahrscheinlich erst bemerkt, nachdem er sämtliche Einkäufe getätigt und sich dann perplex nach jemandem umgesehen hätte, der ihm all die Sachen nach Hause tragen würde. Sophie hätte ihn lustig angesehen. Doch Leonie hatte durchaus Lust, die wunderschöne kleine Stadt einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und folgte ihm durch die Tür, die er gewissenhaft unverschlossen ließ, worüber seine Tochter nur erneut den Kopf schütteln konnte. Na ja, immerhin würde niemand Umzugskartons stehlen. Oder?
Ihr Verdacht von vorher bewahrheitete sich, die Stadt hatte tatsächlich auch am Nachmittag etwas von einem Sonnenuntergang. Leonie konnte ein breites Grinsen nicht unterdrücken, als sie die niedlichen Wetterhähne auf den Dächern bemerkte, die ab und an im kaum vorhandenen Wind tanzten. Die blankpolierten Autos, die sie ein wenig blendeten, aber reglos in den Einfahrten der Häuser warteten und nicht die klare Luft verpesteten, schienen ihr fast wie Wüstenspiegelungen. Und vor allem die Ruhe, die noch immer in den Straßen herrschte, beeindruckte das Mädchen sehr. Hier und da hörte man ein Kinderlachen oder das Bellen eines Hundes, aber vom Trubel und Lärm der Großstädte schien man hier nie auch nur etwas gehört zu haben.
Das Einzige, was Leonie hier zusetzte, hatte sie selbst mitgebracht: Ihren Vater.
Michaels Eile war nervenaufreibend. Während Leonie am liebsten langsam durch die kleinen Straßen geschlendert wäre und den frischen Meeresduft genossen hätte, der in der Luft lag, schien Michael den Entschluss gefasst zu haben soviel Unruhe aufkommen zu lassen, wie es ihm nur möglich war. Wenn er könnte, würde er mich wahrscheinlich an die Leine nehmen, überlegte Leonie. Das hatte sie sogar wirklich schon mal jemanden tun sehen. Das arme Kind.
Ihre Vermutung war nicht besonders abwegig. Michaels wiederholte Kommentare »Beeil dich doch mal« und »Komm, wir haben nicht viel Zeit«, die immer dann Verwendung fanden, wenn Leonie ihren Schritt verlangsamte, unterschieden sich im Tonfall nicht sonderlich von einem beherzten »Bei Fuß!«. Wenigstens schien Sophie diesen Ausflug unterhaltsam zu finden, die ihre große Schwester über Michaels Schulter hinweg daumenlutschend ansah und in seinen Armen im Rhythmus seiner Schritte auf und ab wippte. Auch wenn Leonie den verwirrten Blick, den sie von sich selbst kannte und stets aufsetzte, wenn Michael sich seltsam verhielt – also oft – auch in Sophies großen, kugelrunden Äuglein wiederzufinden meinte, die im Übrigen mit ihren eigenen und denen ihrer Mutter identisch waren.
Seine Aufregung war aber durchaus nachvollziehbar, denn im Gegensatz zu den Geschäften in den Großstädten, die zum Teil rund um die Uhr geöffnet hatten, war es normalerweise üblich um fünf Uhr Nachmittags zu schließen, was bedeuten würde, dass sie bereits zu spät dran waren. Auch wenn Supermärkte ab und an auch in kleineren Städten von dieser Regel ausgenommen waren, stand nicht fest, dass für dieses verschlafene und allgemein ziemlich ungewöhnlich wirkende Städtchen dasselbe galt. Michael fürchtete vermutlich vor verschlossenen Türen zu stehen und ohne Essen ins Bett zu müssen. Leonie war nie ohne Essen ins Bett geschickt worden, weder von ihrer Mutter, geschweige denn von Michael. Sie wollte auch ungern herausfinden, wie das so wäre und beschleunigte ihren Gang dementsprechend, wenn auch widerwillig. Denn den Spaziergang genießen konnte sie nun natürlich nicht mehr.
Eines musste sie Michael immerhin lassen, er kannte den Weg. Woher, das konnte Leonie nur raten, doch sie vermutete, dass er die wichtigsten Adressen zuvor bei Google Maps oder sonst wo nachgeschlagen hatte. Das war ja sein Stil. Dem widersprach zwar die Tatsache, dass er nicht im Stande gewesen war, sich seine eigene Adresse zu merken, doch Michaels Gedankengänge logisch zu nennen wäre so oder so gewagt gewesen.
Zielstrebig führte ihr Vater sie durch die gemütlichen Gassen und kleinen Straßen, gefüllt mit Bäumchen und Beeten, auf eine Einkaufspromenade, die sie schon nach wenigen Minuten erreichten. Hier wiesen die Gebäude kleine Unterschiede zu den Wohnhäusern auf – wie zum Beispiel große Schaufensterscheiben und Schilder über den Türen – waren aber im Großen und Ganzen derselbe Typ Haus.
Während im Wohngebiet Menschenleere geherrscht hatte, hielten sich hier einige Leute auf, Männer, Frauen und Kinder, mit Sonnenbrillen, Hüten und Kappen bewehrt, um sich vor der knallenden Sonne zu schützen, während sie die letzten Einkäufe des Tages tätigten. Sie wirkten nicht, als wären sie in Eile. Die ersten Geschäfte schienen jetzt erst zu schließen, sodass etwas Hoffnung in Michael aufkeimte, was ihn seine Schrittgeschwindigkeit zu Leonies Leidwesen allerdings nur noch anziehen ließ.
Die drei Fitzpatricks passierten eine Apotheke, eine Bank und allerlei kleine Geschäfte. Leonie hätte gerne das eine oder andere betreten, doch Michael schien Scheuklappen zu tragen und ließ keine Kursänderung zu. Er steuerte unablässig auf den Supermarkt zu, der geradeaus immer näher kam. Ein kleiner Laden im Erdgeschoss eines zweistöckigen Gebäudes. Es schien nicht eigens für seinen Zweck erbaut worden zu sein, wie die meisten Läden hier, eher so, als hätte man ein Wohnhaus einfach umfunktioniert. So kam es zu keinem Bruch in jenem Stadtbild, das Leonie sehr gefiel und Platz sparte man noch zusätzlich. Das Städtchen wirkte dadurch noch gemütlicher.
Michael sprintete jetzt regelrecht und Leonie hatte Mühe Schritt zu halten, was vor allem Sophie zu amüsieren schien, die sie glubschäugig ansah. Leonie war sich sicher, Schadenfreude darin zu erkennen, auch wenn es wohl eher der verdutzte Blick eines süßen kleinen Mädchens war. Was hat man es gut als Baby, überlegte Leonie. »Du wirst schon noch sehen«, sagte ihr eigener Blick.
Auf einem Schild über der altmodischen Holztür des Supermarktes war »Bill's Grocery Store« zu lesen. Der Laden war klein und verwinkelt, zwei lange Regalreihen führten mittig hindurch, dazu gab es zu Pyramiden aufgetürmte Dosen und Einmachgläser und Packungen und eine mit Kleinigkeiten überfüllte Kassentheke, fast wie in Amerika, wie Leonie es aus dem Fernsehen kannte.
Читать дальше