»Aha«, war zu ihrer eigenen Überraschung das Einzige, was ihr als Erwiderung einfiel.
Der nervöse Blick des Polizisten huschte noch immer im Zimmer umher, ehe der Mann zu der Überzeugung kam, dass seine Arbeit wohl getan war. »Versuchen Sie einfach daran zu denken, Mister Fitzpatrick«, sagte er und nach einer kleinen Pause: »Auf Wiedersehen.«
Na hoffentlich nicht, hätte Leonie beinahe geantwortet, doch ein plötzliches Gähnen versagte es ihr. Sie reckte sich, drückte den Rücken durch und der Mann musterte sie belustigt, ehe er sich an Michael vorbei durch die Tür drückte und seine Schritte auf der Treppe immer leiser wurden.
»Was war das denn, Dad?«, fragte Leonie.
Michael schien sie nicht zu hören. Er stand noch immer wie ein nasser Sack in der Tür und fingerte so heftig an dem Stück Papier herum, dass es ein Wunder war, dass er es noch nicht zu Fetzen verarbeitet hatte. Dann seufzte er, sagte »Na, wir werden uns schon daran gewöhnen« und verließ das Zimmer.
Leonie war für einen kurzen Moment aus Stein. Dann stürzte sie ihm hinterher in den Flur und wäre mit ihren Socken beinahe auf dem glatten Holzboden ausgerutscht und gegen die Wand geklatscht, konnte aber mehr oder weniger grazil die Richtung ändern und Michael folgen, der in das andere Schlafzimmer verschwunden war und die Tür geschlossen hatte. Leonie öffnete sie und blieb demonstrativ mit verschränkten Armen im Türrahmen stehen.
»Haben Sie´s schon wieder vergessen, Mister Fitzpatrick? Man macht die Türen hier nicht zu.« Es war ihr egal, ob ihre Imitation gelungen war oder nicht, Hauptsache Michael würde wieder zur Vernunft kommen.
Doch dieser, der sich inzwischen auf dem Bett niedergelassen hatte, sah sie nur an und sagte, wie selbstverständlich: »Wir schließen sie nicht ab, das ist ein Unterschied.«
Wir?, dachte Leonie. So weit waren sie also schon? Wie lange wohnten sie hier? Sie waren ja noch nicht einmal eingezogen. Leonie verstand überhaupt nicht, was hier gespielt wurde. »Das ist völliger Schwachsinn. Was hat der Typ überhaupt gesagt, was für einen Grund es dafür geben soll?«
Michael klang von Sekunde zu Sekunde wütender. »Der Typ ist Chief Thomas Richmond, Polizeichef von Balling's Cape, also pass' auf, dass du keinen Ärger mit ihm bekommst. Und er sagte, das sei gut für das gegenseitige Vertrauen der Bewohner.«
Das klang wirklich wie aus einem Reiseführer.
Leonie war zu einer Art Salzsäule erstarrt, während sie zuhörte und lehnte sich verdattert gegen den Türrahmen. »Weißt du, für wen das noch gut ist? Für Diebe, für Entführer und andere freundliche Zeitgenossen. Klar, kommt rein, nehmt mit, was ihr braucht, wir haben´s ja! Seht und staunt, wie viel Vertrauen wir haben!« Sie hob die Arme in die Luft, wie ein euphorischer Pfarrer.
Michael warf ihr einen genervten Blick zu, erhob sich vom Bett und verließ das Zimmer, indem er seine Tochter einfach zur Seite schob. »Wir wohnen jetzt hier, also müssen wir uns auch an die Gesetze halten. Und Chief Richmond sagte, es ist in fünf Jahren kein einziger Diebstahl oder Einbruch gemeldet worden. Also sei jetzt still!«
Leonie stand mit offenem Mund da. Sei jetzt still? In sechzehn Jahren hatte Michael diese drei Worte niemals im selben Satz, geschweige denn in dieser Reihenfolge benutzt. Was passierte hier gerade?
Sie sah ihrem Vater entgeistert nach. Sie atmete tief durch und beschloss, die Diskussion später fortzusetzen und zunächst einmal für ihr eigenes Wohl zu sorgen, denn die Müdigkeit steckte ihr in den Knochen. Warum muss man nach dem Aufstehen eigentlich immer noch fertiger sein, als vor dem Einschlafen?, fragte sie sich und gähnte noch einmal. Es war eines dieser unergründlichen Geheimnisse des Lebens, die einen nachts überhaupt nicht schlafen ließen.
Während Michael nach Sophie sah – oder sonst was tat – begab Leonie sich in das Badezimmer, welches sich ebenfalls im oberen Stockwerk befand und eierschalenfarben gekachelt war. Obwohl es nur ein kleines Fenster hatte, schien auch dieses Zimmer über eine eigene Sonne zu verfügen und strahlte Leonie regelrecht an, deren Laune sich schlagartig besserte. Über dem Waschbecken hing ein kreisrunder Spiegel und Leonie sah sich selbst in die Augen, die noch nicht ganz erwacht waren. In diesem kräftigen Licht leuchteten diese hübsch, doch alles andere an ihr fühlte sich an und sah für sie auch so aus, wie ein nicht ganz ausgewrungener Waschlappen. Ihr Pferdeschwanz hatte sich verselbstständigt und lange rote Strähnen klebten an ihrer Stirn und ihren Wangen. Hoffentlich sah ich gestern Nacht nicht auch schon so aus, dachte sie, doch das konnte nicht sein, Donovan wäre es sicher nicht gelungen, bei einem so scheußlichen Anblick keine Miene zu verziehen, ja, sie sogar anzulächeln.
Oder doch?
Sie versank in, für sie eher untypischen, Selbstzweifeln. Denn Leonie hatte schon immer zu der Art Mädchen gehört, die einfach schön war – eine gelungene Mischung aus einer irischen Schönheit und einem nicht völlig verkehrten Australier britischer Abstammung – ohne in irgendeiner Form nachhelfen zu müssen und hatte sich deshalb bisher auch keine besonderen Gedanken darum gemacht.
Jetzt brachte es sie ganz durcheinander.
Sie beschloss zunächst einmal ein Bad zu nehmen. Danach würde die Welt gleich ganz anders aussehen. Sie flitzte nach unten und stöberte in den Kartons, die mit »Leonies Zeug« beschriftet waren, nach ihrer Waschtasche und Kleidern zum Wechseln. Erstere fand sie, außerdem Unterwäsche, irgendein weißes T-Shirt und dunkle Shorts. Zwar nicht gerade ihre Lieblingsklamotten, doch für den Moment würden sie genügen, zumal es Leonie vor allem darum ging, aus ihrem jetzigen Outfit herauszukommen, bevor sie Klebstoffentferner dafür würde benutzen müssen.
Mit ihrer Beute unter dem Arm stolperte sie die Treppe wieder hinauf und zurück ins Badezimmer. Sie wollte sich gerade ausziehen, als ihr plötzlich ein Gedanke kam. Wir schließen die Türen nicht ab. Das konnte doch nicht auch für Badezimmertüren gelten, oder? Leonie konnte getrost darauf verzichten beim Duschen gestört zu werden, egal ob von ihrem Vater, irgendeinem Polizisten, oder sonst wem. Außer vielleicht von Daniel Donovan, schoss es ihr blitzartig durch den Kopf, aber sie schüttelte die Vorstellung etwas widerwillig aus ihrem Hirn. Sie musste klar denken. Im Grunde konnte jeder einfach ins Haus spazieren, nicht wahr? Leonie erschauderte. Sie inspizierte die Tür, entdeckte aber tatsächlich keinen Schlüssel. Nicht mit mir, sagte sie sich, legte ihre Sachen auf die Fensterbank und rannte ein weiteres Mal hinunter und wieder hinauf, diesmal mit einem der Stühle aus dem Esszimmer im Schlepptau. Sie schloss die Badezimmertür von innen und platzierte die Rückenlehne unter der Klinke. Nicht perfekt, funktionierte aber. Sie lächelte über ihre Straftat und schüttelte den Kopf über den seltsamen Polizisten. Ein Glück, dass der Stuhl geeignete Ausmaße hatte. Sie wusste nicht, was sie andernfalls gemacht hätte. So oder so, nun war sie sicher.
Sie stellte die Dusche an, pellte sich endlich und unter Mühen aus ihren verschwitzten Klamotten (vor allem die Socken bereiteten ihr Probleme) und sprang unter den Strom, erfrischenden Wassers. Eine Abkühlung, die überfällig gewesen war und die sie sich mehr als verdient hatte, wie sie fand. Deshalb, und weil sie gerade wenig Wert auf die Gesellschaft ihres Vaters legte, ließ Leonie die klaren, kühlen Tropfen recht lange an ihrem Körper hinunter fließen. Es verging mehr als eine halbe Stunde, ehe sie schließlich das Wasser abstellte, sich die Haare aus dem Gesicht wischte und aus der Dusche stieg. Die Handtücher im Schrank an der Wand stellten wohl eine Art Einzugsgeschenk dar, doch Leonie kümmerte es kein bisschen, woher sie stammten, sie war nur froh, dass sie nicht kratzig waren, sondern weich wie Schafwolle. Sie trocknete sich ab – ihr Haar war danach noch nass, aber das hatte sie schon immer als willkommene Abkühlung empfunden – und zog die Sachen aus den Umzugskisten über. Sie hatte Socken vergessen, doch auch das scherte sie wenig. Sie würde später noch genug Zeit haben, all den Kram aus den Kartons nach oben und an die richtigen Stellen zu schleppen. Und wenn Michael nicht ganz schnell seine alte Einstellung zurück erlangte, sich der Autorität seiner Tochter zu fügen, würde sie das vermutlich alles allein machen dürfen.
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