Auch sie sah sich nach ihrer kleinen Schwester um, aber es war, als läge die Welt hinter einem schwarzen Vorhang. Irgendwo rief ihr Vater verzweifelt nach Sophie.
Wenig später kehrte er schlurfend und ohne kleines Mädchen zu Leonie zurück. Sie kam ihm entgegen und er schüttelte den Kopf. Beide setzten sich nebeneinander auf die Motorhaube und Michael legte einen Arm um Leonie, die den Tränen nahe war. Auch er schien damit zu kämpfen, als er ungläubig sagte: »Ich habe überall gesucht. Hier ist weit und breit niemand. Sie ist weg. Einfach weg.« Leonie vergrub ihr Gesicht an Michaels Brust. Die Polizei zu rufen hätte keinen Sinn gehabt, hier draußen wären sie niemals rechtzeitig angekommen. Wenn sie den Ort überhaupt gefunden hätten.
Deshalb hätten sie vermutlich die ganze Nacht dort gesessen, wenn nicht in diesem Moment ein Kinderschrei beide hätte aufhorchen lassen. Michael schoss in die Höhe, kniff die Augen zusammen und blickte in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Dieser entwickelte sich nun zu einem Weinen, das sie kannten und das nur Sophie zu Stande bringen konnte, und lachend lief Michael auf die erlösende Erscheinung zu, die sich langsam in den Lichtschein um sie bewegte. Leonie folgte ihm und erkannte das Kind, aus voller Lunge kreischend, mit unsicheren Schritten auf sie zu stolpernd, in ihrer niedlichen Latzhose aus Jeansstoff und demselben Rotschopf, den auch Leonie mit sich herumtrug – an der Hand Daniel Donovans. Er nahm das Kind auf den Arm und übergab Sophie mit dem wärmsten Lächeln ihrem Vater, der in diesem Moment vermutlich eigentlich lieber den Retter umarmt hätte als die Gerettete.
»Eine kleine Ausreißerin haben Sie da. Sie kam mir einfach entgegen, mitten auf dem Platz. Ich habe direkt die Ähnlichkeit mit ihrer Leonie erkannt. Sagen Sie, lassen Sie ihre Kinder immer mitten in der Nacht allein?« Es hätte ein Vorwurf sein können, doch Donovan schien es nicht möglich zu sein, seinen Tonfall von vollkommener Zufriedenheit abzubringen. So hörte es sich beinahe schon wie ein Lob an.
»Nein, haha, nein. Ich, wir. Danke. Vielen, vielen Dank. Nicht auszumalen,... Ein Glück, dass Sie noch hier waren. Nicht auszudenken,…« Michaels Gestammel wurde immer schlimmer, aber Leonie brachte es gar nicht erst fertig, den Mund aufzumachen. Mit jeder Minute wurde dieser Psychiater großartiger. Spätestens jetzt war es ihr absolut unmöglich, die Augen von Donovan zu lassen.
»Passen Sie in Zukunft besser auf, ja? Wir wollen doch kein Unglück provozieren.«
Michael antwortete prompt: »Natürlich nicht. Danke, Doctor. Danke.«
Und schlussendlich wandte sich der Traummann und Lebensretter ab und begab sich in seinen Wagen. Den seltsam geparkten, schwarzen Mercedes mit dem großen Anhänger, über den Leonie sich so aufgeregt hatte. Plötzlich fühlte sie sich deshalb schlecht, ja, es tat ihr sogar beinahe leid. Ein seltsames Gefühl, wie sie fand.
Nun wieder zu dritt, beobachteten sie eben jenen Wagen, wie er mit dem Asphalt des Highways eins wurde und in der Dunkelheit verschwand.
Nach einer Weile hatte Sophie aufgehört zu weinen und Michael bugsierte sie auf den Rücksitz, wo sie daumenlutschend bald wieder einschlief. Als Leonie und er ebenfalls wieder Platz genommen hatten, schien Michael wie ausgewechselt. Fast schwungvoll startete er den Wagen und steuerte ihn vom Rastplatz hinunter. Auch von Leonies Angst und ihren Sorgen war nichts mehr übrig. Anstatt sich über die Scheidung ihrer Eltern oder ihr neues Zuhause zu ärgern oder darüber, dass sie Canberra und ihre Freundinnen vermisste, dachte sie nur noch über Doctor Donovan nach. Und das würde sich eine ganze Weile nicht mehr ändern.
Der Wagen steuerte gemächlich der aufgehenden Sonne am immer näher rückenden Horizont entgegen. Bald schon wechselten sie auf eine Nebenstraße in Richtung Küste.
Schon lustig, wie kurz so ein Highway doch sein konnte.
2
Die Sonne stand noch tief am Himmel, als Michaels Wagen das Ortseingangsschild mit der Aufschrift »Will-kommen in Balling's Cape« passierte. Leonie war sofort wieder hellwach, nachdem sie zuvor in einen dämmrigen Zustand der Ermüdung gefallen war, und ihr Verstand, den sie in der Nacht auf einem gewissen Rastplatz zurückgelassen hatte, fand nun allmählich zu ihr zurück. Was bedeutete, dass sie zumindest vorübergehend wieder vernünftig würde denken können, ohne von blauen Augen und großen Muskeln zu fantasieren.
Vermutlich.
»Ein Kap? Wir wohnen am Meer?«, fragte sie und hoffte inständig, dass es so sein würde, denn das einzige Problem an Canberra war für sie immer der fehlende Strand gewesen. Die neue Stadt würde also zumindest einen Vorteil haben, denn Leonie liebte Strände.
»Genau«, war Michaels beinahe einsilbige, aber vielsagende Antwort und beide blickten erwartungsvoll dem Ort entgegen, der ihr neues Heim werden sollte.
Schon nach einer kleinen Weile passierten sie ein weit offenstehendes, pechschwarzes, schmiedeeisernes Tor, von dem aus sich auf jeder Seite je ein von einer grünen und mit bunten Blumen durchsetzten Hecke überwucherter, mindestens drei Meter hoher Zaun desselben Materials um die Stadt wand. Dahinter lagen einige kleine Felder und Äcker, die nur zu Farmen gehören konnten, und sich auf saftigem grünen Gras ausbreiteten.
Sie folgten der Straße und näherten sich der eigentlichen Stadt, die aus einem Hügel herauszuwachsen schien. Es stand außer Frage, dass Balling's Cape weit mehr zu bieten hatte als nur ihre Lage an der Küste. Die Stadt war ein einziges Ölgemälde. Die Häuser leuchteten allesamt in warmen Farben, die Dächer glänzten rot in der Sonne und ein weißer Kirchturm mit einer großen Uhr wachte über sie. Die Stadt hätte mehr zu Italien gepasst als zu Australien, fand Leonie. Als hätte jemand ein Dorf in der Toscana aus einem Reiseführer herausgeschnitten und auf ein Bild von Australien geklebt. Dafür sprossen allerorts leuchtend grüne Sträucher und Büsche aus dem Boden und jede Menge Eukalyptus. Den hätte man in Italien vergeblich gesucht.
Es war unglaublich, dass sie vor kurzem noch durchs Nichts gefahren und nun im Paradies gelandet waren. All zu groß schien das Städtchen am Kap auch nicht zu sein, im Gegenteil, es hatte eher Dorfcharakter. Michael würde das gefallen; er konnte überfüllte Plätze nicht ausstehen und hatte sich insgeheim immer ein wenig nach dem Landleben gesehnt. Ihre Mutter nicht. Und Leonie genauso wenig, aber dieses Städtchen hatte das Potenzial, das zu ändern.
Leonie war überwältigt; vor einem Tag hätte sie es nicht einmal gewagt, sich ein Ferienhaus am Strand vorzustellen und nun würde sie hier leben? Sie kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und kam sich vor wie ein Hund, der den Kopf aus dem Fenster streckte um den Fahrtwind zu genießen. Ähnlich dem Gefühl, das sie in der Nacht zuvor verspürt hatte, breitete sich in ihr auch jetzt ein warmes Gefühl der Zufriedenheit aus, kein Fünkchen Unbehagen.
Michael steuerte den Wagen über die Hauptstraße, vorbei an kleinen, verwinkelten Gassen den Hügel hinauf, auf dessen Spitze das Stadtzentrum lag. Alles war still und friedlich, der Morgen war ja gerade erst angebrochen, doch Leonie wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Ort auch zu jeder anderen Tageszeit diese Wirkung hatte.
Endlich fuhr ihr Vater in eine der abzweigenden Seitenstraßen und begann sich nach den Hausnummern umzusehen, die in großen, schwarzen Ziffern an den Mauern in der Sonne schimmerten.
»Vierzehn, Fünfzehn, Sechzehn.« Michael ließ den Wagen im Schritttempo dahin rollen und hielt in der einen Hand den Zettel mit der Adresse. Nun sah er angestrengt zwischen diesem und den umliegenden Häusern hin und her, als sei er nicht im Stande sich die richtige Hausnummer zu merken und sein Leben hinge von dem kleinen Stück Papier ab. Leonie störte sich nicht länger an den Macken ihres Vaters, sie war wie erschlagen von der Pracht der wundervollen kleinen Häuser, die sie von allen Seiten umzingelten und wohlwollend zu beobachten schienen und ihr war völlig egal, welches davon ihres sein würde.
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