Als das gedämpfte Rauschen des Zapfhahns erstarb und ihr Vater sich in Zeitlupe auf den Weg zur Kasse machte, wurde es plötzlich sehr still um sie. Etwas weiter entfernt, konnte sie die Umrisse eines Wagens ausmachen – ein Mercedes, wenn sie richtig sah –, samt riesigem Anhänger, der etwas abenteuerlich geparkt zwischen Tankstelle und Ausfahrt stand, dort allerdings wohl niemanden behinderte und somit toleriert wurde. Es war sowieso nichts los auf diesem Rastplatz, niemand da, den er hätte stören können. Leonie machte sich dennoch Gedanken über den Idioten, dem er gehören mochte, im Grunde aber nur, um sich von dem unangenehmen Gefühl abzulenken, mitten in der Nacht auf einem Rastplatz irgendwo im Nirgendwo zu sitzen. Immerhin waren sie nahe der Ostküste und nicht in der Wüste, aber darüber freuen konnte sich das Mädchen nicht.
Die Minuten verstrichen, doch Michael war noch immer nicht zurück. Langsam kam es Leonie vor, als starre sie das falsch geparkte Auto regelrecht an. Der Wagen dort hätte gut in eine Gruselgeschichte gepasst, fand sie, wie die über diesen mordenden roten Plymouth Fury, der heißt wie eine Frau. Der Titel wollte Leonie nicht einfallen. Wenigstens war der Wagen dort vorne nicht rot.
Natürlich hatte ihr Vater auch so an die Säulen heranfahren müssen, dass diese sich nun zwischen Leonie und dem Tankstellengebäude befanden und sie weder ihn, noch die hell erleuchteten Fenster sehen konnte, was sie sicher etwas beruhigt hätte. Sie war sechzehn Jahre alt, es war nicht direkt so, dass sie im Dunkeln Angst gehabt hätte. Aber je mehr Zeit verging, desto mehr hätte sie sich für ihre Horrorfilmphase ohrfeigen können, die darin bestanden hatte, mit ihren Freundinnen die ganze Nacht aufzubleiben und sich in den Schlaf zu gruseln. Ein Widerspruch in sich, der, so sollte man meinen, gerade für solche Situationen abhärtet. Leonie musste allerdings feststellen, dass das absolut nicht der Fall war. Im Gegenteil, sie erwartete jede Sekunde Mörderpuppen auf der Motorhaube oder Clowns auf dem Fahrersitz und sie abartig angrinsen zu sehen. Die Erinnerung an die Filmabende war bittersüß, denn sie hatten ihr immer sehr viel Spaß bereitet. Aber ihre Freundinnen würde sie nun wohl, wenn überhaupt, für eine lange Zeit nicht wieder sehen. Denn wenn sie die Wahl zwischen Canberra und irgendeinem Örtchen am Rande der Wüste hatten (bildlich gesprochen), würden sie sicherlich keinen Finger krümmen, um Leonie zu besuchen. Tolle Freunde, dachte sie, doch an ihrer Stelle hätte sie vermutlich dasselbe getan, und der Gedanke hob ihre Stimmung nicht gerade.
Nach einer halben Stunde war es ihr genug. Mit einem Seufzer der Entrüstung öffnete sie die Tür und musste sich selbst bremsen, kurz bevor sie die Beifahrertür gegen die Zapfsäule gezimmert hätte. Sie drückte sich behutsam zwischen Säule und Wagen hindurch, und zwar in Richtung Heck, da sie möglichst viel Abstand zwischen sich und das Auto gegenüber bringen wollte, das sie so ausdauernd beobachtete. Man musste das Schicksal ja nicht gleich herausfordern.
Dann stand sie mitten in der nächtlichen, sonnenlosen Wärme und erblickte durch ein riesiges Fenster ihren Vater, wie er sich im grellsten Licht, das je eine Tankstelle gesehen haben mochte, in aller Seelenruhe mit jemandem unterhielt, den er seit maximal dreißig Minuten kennen konnte. Und offenbar war ihm dieser Fremde jetzt schon wichtiger als seine eigenen Töchter.
»Typisch«, entfuhr es Leonie und sie trat, fest entschlossen ihren Vater, wie in einem Zeichentrickfilm an einem Ohr zum Wagen zurückzuziehen, durch die automatischen Eingangstüren.
Leonie hatte genug Scheidungsdramen im Fernsehen gesehen oder von Mitschülern gehört, die solche erlebt hatten (und die scheinbar immer davon ausgingen, dass es sie in irgendeiner Weise interessanter machte, jedem ungefragt davon zu erzählen) und war sich deshalb sicher, gegen sämtliche Überraschungen gewappnet zu sein, egal welches wunderliche Verhalten ihr Vater auch an den Tag legen mochte. Doch was sich hier abspielte, war so seltsam, dass sie zunächst versteinerte und sich dann nur sehr gemächlich der Szene zu nähern wagte. Und das gleich aus mehreren Gründen.
Erst einmal war das dort gar nicht ihr Vater. Mehr noch, es schien nicht einmal ein erwachsener Mann zu sein. Denn der Mann, der so aussah wie Michael Fitzpatrick – fünfundvierzig Jahre alt, zwei Kinder, unglücklich verheiratet –, kicherte wie ein kleines Kind, das gerade zum ersten Mal den ältesten Witz der Welt gehört hatte und nun einfach nicht mehr darüber hinweg kam. Ein lächerlich breites Grinsen zog sich über sein Gesicht, das sie so noch nie an ihm gesehen hatte. Dass seine Tochter gerade den Raum betreten hatte, nahm er offensichtlich gar nicht erst wahr. Überhaupt musste er alle Mühe haben zu denken, denn sein ganzer Körper zitterte und bebte vor Lachen. Leonie hätte beinahe Angst um sein Leben gehabt, fragte sich stattdessen aber, ob es nicht einfach ein fürchterlich schlecht gestelltes Lachen war; wie der Versuch eines Mädchens einem Jungen zu gefallen, den es mochte, indem es sich über seine besonders geistreichen Kommentare schüttelte – die meistens gar nicht so besonders geistreich waren.
(Also … hatte sie gehört.)
Doch da Michael zumindest technisch gesehen weder ein Mädchen war, noch jemals zuvor versucht hatte, irgendjemandem zu gefallen (manchmal fragte Leonie sich sogar, wie ihre Eltern überhaupt hatten zusammenfinden können), suchte sie den Grund für sein absonderliches Verhalten bei seinem Gesprächspartner.
Was zur nächsten Schockstarre führte.
Ihrem Vater gegenüber stand ein griechischer Gott, oder zumindest das, was dem auf Erden am Nächsten kam. Möglicherweise eine Art Halbgott, schoss es Leonie durch den Kopf. Zeus hatte schließlich viel zu tun mit den Menschenfrauen, da ihm seine Göttinnen im Olymp ja regelmäßig langweilig wurden. (Da sollte noch jemand sagen, Wikipedia bildete nicht.) Als wären die Zeichnungen aus Disneys Hercules lebendig geworden, oder Michelangelos David wäre nicht als Statue, sondern als Mensch zur Welt gekommen, stand hier Perfektion vor ihr, die eigentlich gar nicht hätte existieren dürfen. Leonie kam nicht eine echte Person in den Sinn, mit der sie ihn hätte vergleichen können.
Das Idealbild des männlichen Geschlechts blickte nun zu ihr herüber, als es ihr gelang, sich zu nähern, und ihr Vater, der aufgrund irgendeines physikalischen Wunders noch nicht am Boden gelegen hatte, schien langsam wieder Kontrolle über sich selbst zu erlangen. Zu ihrer Überraschung machte er sogar Anstalten zu sprechen. »Leonie«, sagte er in einer Art Singsang, und hörte sich an, als fehlte ihm mindestens die Hälfte seines gewöhnlichen Vorrats an Atemluft. »Ich hab dich ja ganz vergessen.« Was du nicht sagst, dachte Leonie, doch nur irgendwo weit in ihrem Hinterkopf, denn der Fremde Mann vor ihr war weit interessanter als es ihr Vater jemals gewesen war. Oder irgendetwas anderes.
Unfähig zu sprechen glotzte Leonie in die stahlblauen Augen, die nun etwas fragend, aber nicht unsicher zwischen ihrem Vater und ihr hin und her blickten. Sie wollte sprechen, um nicht vollkommen zurückgeblieben zu wirken, wie sie sich plötzlich vorkam, seltsam, hatte sie sich doch Momente zuvor ihrem Vater noch so überlegen und der Welt gegenüber so stark gefühlt. Doch ihr Sprachzentrum war Last Minute in den Urlaub geflogen. Leonie musste lächeln, was ihrem Gegenüber wohl Anlass gab, das Schweigen endlich zu brechen. Natürlich hatte dieses nur wenige Sekunden angedauert – in etwa die Zeitspanne, in der Michael vermochte, einige Male tief ein– und wieder auszuatmen. Doch für Leonie hatte sich die Zeit gerade verselbstständigt.
»Leonie, nehme ich an, junge Frau?« Sie hatte gar nicht auf den Inhalt der Worte achten können, sie hörte nur den tiefen, warmen Klang seiner Stimme und die selbstverständliche Freundlichkeit, mit der er sprach, als könne jedes seiner Worte die ganze Welt heilen. Oder zumindest ihre Welt.
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