Arliss, deren Wachtrupp, mittendrin Caesar, danach die beiden Rigelianer Roy und Flynn, schließlich Laurent, folgten den beiden Frauen auf ihrem Weg durch das Lebendraumschiff. Die MOBY DICK erleuchtete ihnen mit wenigen biolumineszierenden Punkten den Pfad. Als sie das Ende der Röhre erreichten, waren die Schleuse schon geöffnet und die kaum sichtbare Rampe ausgefahren. Da auch hier kein Licht vorhanden war, sah es aus, als würden sie in ein schwarzes Nichts marschieren.
Nur ein Einziger entzog sich dem fast fühlbaren Locken dieser Schwärze: Freitag. Er war natürlich keine drei Meter von seiner Schutzbefohlenen entfernt mit erhobenen Waffenarmen vorausgegangen und hatte unvermittelt entschieden, dass die vorhandene Finsternis eine unzumutbare Gefahr – wenn vielleicht auch nur für Fehltritte und entsprechende Verletzungen – darstellte und hatte schließlich seinen Frontscheinwerfer aktiviert. Jetzt erhellte dessen gelbweißes Licht in weitem Umfeld das Gelände, das vor ihnen lag. Ein paar der anderen Slide-Schiffe waren am Rande des beleuchteten Gebietes als große Schatten wahrnehmbar. Im Gegensatz zur MOBY DICK hatte keines seinen Zugang geöffnet. Daher wirkten die Wesen wie regungslose Dinosaurier, die auf das erste Licht des Tages warteten.
Bérénice blieb Hand in Hand mit Naya stehen, als sie die Rampe verlassen hatten. Dennoch ruhte ihre Rechte auf dem Griff der Lasersichel, die sie zusätzlich zu ihrem Katana bei sich hatte. Nur beiläufig nahm sie wahr, dass sich Caesar wieder niedergesetzt hatte, kaum dass seine Doppelfüße den Boden des Planeten betreten hatten. Im Kreise seiner mit Blitzern bewaffneten Mazzar-Bewacher beugte er seinen mächtigen Schädel nach vorn und berührte mit seiner Stirn kurz die Oberfläche. Dann erklang ein tiefes Brummen, das deutlich von Erleichterung und Freude gefärbt war.
»Dem Gorilla scheint es hier zu gefallen«, sprach Laurent Girard leise und versuchte am Rand des von dem Roboter aus der Schwärze befreiten Geländes etwas auszumachen. Auch der Trooper hatte sein Lasergewehr in Vorhaltestellung. Offensichtlich rechnete er mit möglichen Gegnern. Bérénice konnte es ihm nicht verübeln.
»Freitag?«
»Ja, Agent Savoy?«
»Was registrieren deine Sensoren?« Die Agentin wusste natürlich, dass sich der BEHEMOTH sofort gemeldet hätte, wäre etwas auch nur entfernt Bedrohliches festzustellen gewesen, aber sie konnte einfach nicht anders.
»Keinerlei Energiesignaturen im gesamten Erfassungsbereich. Dafür empfange ich eine Vielzahl von Geräuschen, die auf nachtaktive Fauna zurückzuführen sein dürfte. Mein Zähler steht in dieser Sekunde auf 31 … 33 … 39 verschiedenen Lautmustern, Tendenz ständig steigend. Eine 100%ige Zuordnung der Geräusche kann ich natürlich nur dann vornehmen, wenn ich die betreffende Spezies sehe. Einige Infrarotbilder stehen bereits zur Verfügung. Selbstverständlich lege ich ein Archiv an, das wir als Basis …«
»Schon gut, Freitag. Achte einfach auf alles, was uns näher als hundert Meter kommt. Du eröffnest das Feuer nur, wenn ein Angriff stattfindet, klar?«
»Verstanden, Agent Savoy. Meine optischen Sensoren zeigen an, dass der Sonnenaufgang unmittelbar bevorsteht. Etwa 45° links von unserer jetzigen Position. Soll ich ein planetares Koordinatensystem anlegen?«
»Nur wenn es dich nicht von anderen, wichtigeren Dingen abhält.« Laurent schwenkte wie alle seinen Blick in die angegebene Richtung, sah aber noch keinen Schimmer.
»Ich bin multitaskingfähig, Trooper Girard.« In Bérénices Ohren schwang ein indignierter Ton in Freitags Worten mit. Die Agentin musste grinsen, halb über sich selbst, halb über den Kampfroboter. Dann verstummte der BEHEMOTH, da alle – auch Caesar – wie gebannt auf die Morgendämmerung starrten, die sich nun erstaunlich rasch am Horizont ankündigte.
Die Sonne Amber, der kleinere Teil des Doppelsternsystems, tauchte mit einem Leuchtbogen auf, der ihrem Namen alle Ehre machte: Bernsteinfarbenes Licht verdrängte die Schwärze der Nacht so leicht, als würde ein Riese seine Schlafdecke zur Seite schieben. Goldgelbe Strahlen huschten über die Kontur des Horizonts und hoben sanfte Berge und Hügel, überraschend riesige Bäume und zahlreiche Büsche und andere Pflanzen aus der Dunkelheit. Die Neuankömmlinge staunten, in wie vielen Schattierungen von Gold, Rot und Kupfer Pflanzenblätter erstrahlten, kaum dass das Sonnenlicht sie erreicht hatte. Unvermittelt blitzten kleine silberne Körner auf den Blättern auf, so als wären diese Schmuckstücke, besetzt mit winzigen Diamanten und Brillanten. Die Pracht erhöhte sich von Augenblick zu Augenblick. Mit jeder Sekunde, die verstrich und mit der die Sonne Amber sich bald vollends zeigte und ihr Licht über die Welt ergoss, als wäre sie das Nexus-Pendant der Göttin Aurora, so verwandelte sich der schwarze Planet in ein schillerndes Juwel, dessen Flora auch vereinzelt grünes, messing- und ocker-farbiges Blattwerk trug, was die anderen Farben nur umso mehr hervorragen ließ.
Plötzlich war die Luft doppelt erfüllt. Mehrstimmiges Summen und Sirren verbreitete sich als akustische Welle, erzeugt und in alle Richtungen getragen von Insekten, die von kaum wahrnehmbaren Pünktchen bis hin zu faustgroßen Tieren reichten. Die fliegende Armada wurde von unzähligen Düften angelockt, die aus den von den Sonnenstrahlen geöffneten Blütenkelchen stammten, die wie ein lautloses Ballett ihre Blätter ausbreiteten. Der Farben- und Duftrausch schien kein Ende zu finden und zumindest die Menschen waren davon wie betäubt.
Bérénice atmete die exotischen Botschaften ein und fühlte sich fast selbst wie ein Insekt, das vom kostbaren Nektar angelockt wurde. Ihre Augen konnten sich kaum sattsehen an den tausend Varianten von Blumen, wie sie noch kein menschlicher Gärtner zu sehen bekommen hatte. Nur vage lauerte ein warnender Gedanke in ihr, der ihr leise aber hartnäckig zuraunte, dass sie alle auf die absonderlichste Weise – selbst mit Tod – auf diese Fülle reagieren könnten. Doch niemand, weder Mensch, Mazzar noch Gorilla zeigte negative Reaktionen.
»Ein unglaublicher Planet«, hauchte Naya und hatte ein glückliches Lächeln im Gesicht. »Kein Wunder, dass die MOBY DICK hierher wollte. Wenn es solche Welten im Nexus gibt, kann er nicht nur die Hölle sein.«
»Auch das Paradies hat seine Schattenseiten«, warf Laurent Girard ein und deutete mit dem Lauf seiner Waffe auf dunkle Flecken in der Landschaft, die sich zu bewegen begannen. »Was ist das dort?« Sein rechter Zeigefinger befand sich nur Millimeter vom Abzug entfernt.
Seine Geste führte die Blicke der anderen zu Stellen, die sich weigerten, im Sonnenlicht zu erstrahlen. Nur wenn man einige Sekunden konzentriert hinsah, meinte man, verhaltene Bewegungen wahrzunehmen.
»Mein Bioscanner zeigt an, dass es sich um Pflanzenfresser handelt, Trooper Girard. Auf diese Entfernung wirkt deren sehr dunkelbraune Haut, eher dem Panzer eines Nashorns ähnlich, auf menschliche Augen wohl beinahe wie Schwarz. Nachdem sie sich erst bewegt haben, als die Sonne aufging, kalkuliere ich mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,7 %, dass es sich um wechselwarme Tiere handelt, die in der Nacht abkühlen und in Schlafstarre verfallen. Sie …«
Freitag kam mit seinen Ausführungen nicht weiter, weil von einer Sekunde zur anderen direkt vor einem der etwa rhinozeros-großen Tiere eine schwarze Wolke in dreifacher Größe schier aus dem Nichts entstanden war … und ein riesiges Maul dem Pflanzenfresser sofort den Kopf abbiss.
»Merde!«, brachte Laurent heraus und hatte sein Lasergewehr schon im Anschlag, als ein scharfer Ruf Bérénices ihn davon abhielt, das Feuer zu eröffnen.
»Nicht schießen! Sieh genau hin, Girard. Erkennst du es nicht?«
Offensichtlich hatte der Trooper Schwierigkeiten, Details zwischen dem dunkelhäutigen Pflanzenfresser und seinem schwarzen Gegner ausmachen zu können. Dann trug ein leichter Wind knirschende Geräusche zu ihnen, die eindeutig nach mahlenden Zähnen klangen. »Das ist ein … Baby-Slide. Oder täusche ich mich da?«
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