Dann hörte er kratzende Geräusche und angestrengtes Atmen.
»Mister Clear? Sir? Sind Sie okay?« Die Stimme klang grausam. Doch kein Rigelianer oder Zivilist würde ihn so ansprechen.
Also sind es meine Leute, dachte Clear triumphierend. »Ja, ich bin hier«, rief er laut in den weißen Dunst.
Kaum war sein letztes Wort verklungen, zischte es scharf und knisternd. Er erkannte sofort, welche Waffe so ein Geräusch verursachte und wurde blass.
Ein Nadler! Und eine Nanosekunde später: Verrat!
Doch dann fiel ein dunkler Schatten durch den Staub, schlug auf dem Haufen aus Trümmerteilen auf und wirbelte neue Schwaden in die Höhe. Clear blieb wie erstarrt stehen.
»Sie können jetzt zu uns kommen, Sir. Es besteht keine Gefahr mehr.«
»Wie ist Ihr Name, Kamerad?«, fragte er stattdessen und wechselte sofort seine Position, so leise er konnte.
»Mister Ash«, kam die nun deutlich belustigt klingende Stimme. »Irgendwie witzig, nicht wahr, Sir? Ein Kerl mit so einem Namen holt Sie aus der Asche des Planeten.«
Dann hatte sich der Staub so weit gelegt, dass Clear erkennen konnte, dass der gefallende Schatten zu einem menschlichen Körper gehörte. Die Gestalt lag regungslos und verkrümmt auf den Deckentrümmern.
»Wen haben Sie da erschossen, Mister Ash? Einen Verräter aus unseren Reihen?«
»Nein, Sir. Das ist der Mann, der Sie gefunden hat«, kam es wenig erhellend von oben. Offenbar waren dieser Ash und seine Begleitung nicht gewillt, sich zu Clear herab zu begeben.
»Und deswegen haben Sie ihn getötet?« Clear schritt nun halbwegs beruhigt auf die Leiche zu und sah, dass sie eine Uniform trug, die er nur zu gut kannte. Und ein Blick auf das Haar des Mannes fügte seiner Einschätzung ein weiteres Indiz hinzu.
Ein Rigelianer! Ein Telepath!
»Wie haben Sie es geschafft, einen Mutanten für uns arbeiten zu lassen, Mister Ash?«
»Indem wir ihn ein wenig gefoltert haben, Sir«, flüsterte eine Stimme hinter ihm und ließ Clear hastig herumfahren. Ein Mann in der Uniform eines regulären Rettungsdienstes stand vor ihm und spendete ihm ein grausames Lächeln.
»Unser Hauptproblem war es, zu verhindern, dass er Seinesgleichen telepathisch zu Hilfe ruft. Die Balance zwischen Ihrer möglichen Ortung und der … sinnvollen Begrenzung seiner Fähigkeiten hat uns ein paar Monate aufgehalten, Sir. Diese … Abstimmung erfolgte natürlich an einem sicheren Ort, nicht hier auf Hades. Danach mussten wir noch einen Weg finden, uns zwischen die regulären Such- und Aufräumkommandos der Föderation und der Rigelianer zu schmuggeln. Sie gaben mir mit Ihren Worten die allerletzte Sicherheit, dass wir wirklich Sie gefunden haben. Er war in der gleichen Sekunde entbehrlich und eine unnötige Gefahr. Ihre Sicherheit hat allerhöchste Priorität, Sir. Und, wenn Sie mir gestatten: Es ist höchste Zeit, dass Sie uns wieder anführen! Willkommen zurück, Mister Clear!«
Bérénice blickte auf den Planeten, den Freitag Kobold II getauft hatte und versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Aus einem ihr unbekannten Grund steuerten die MOBY DICK und ihre 23 Artgenossen die momentane Nachtseite des Planeten an. Es wirkte auf die angespannt beobachtende Agentin so, als würden sie den durch die beiden so unterschiedlichen Sonnen leidlich erhellten Weltraum verlassen und in ein Schwarzes Loch hinabsinken. Kein Strahlen aus erleuchteten Städten durchbrach die allumfassende Dunkelheit, kein Lichtschein von aktiven Industrieanlagen oder anderen auch in der Nacht belebten Arealen wiesen ihnen den Weg. Dennoch schienen die Slide-Wesen genau zu wissen, wohin sie wollten. Bérénice verzichtete darauf, Naya nach verdächtigen PSI-Signalen zu fragen. Wären welche vorhanden gewesen, hätten die Slide-Wesen es sicher viel eher bemerkt und ihren Anflug abgebrochen.
Also könnte diese Welt tatsächlich von den Hydren aufgegeben worden sein.
Ein Teil ihres militärischen Verstandes zog für eine Sekunde einen Hinterhalt oder eine Falle in Erwägung, doch dann erschien ihr dies als unwahrscheinlich.
Offenbar wurde unser Eindringen in den Nexus von den Hydren noch nicht entdeckt. Und somit stellt Kobold II ein sicheres Versteck dar. Vorläufig.
Die Haitianerin beobachtete gespannt, wie die Flotte aus lebendigen Raumschiffen die Atmosphäre des Planeten erreichte und die mehr zu ahnende, anstatt wirklich zu sehende Wolkendecke durchbrach. Die Monitore der MOBY DICK übertrugen jetzt wirklich nur noch völlige Schwärze.
Ich hätte nicht gedacht, dass es etwas gibt, was die Dunkelheit und Stille des Nexus noch übertreffen könnte. Wir hätten Kobold II auch Den Schwarzen Planeten nennen können.
Dass sie mit dieser Auffassung falsch lag, konnte die Agentin in diesem Augenblick nicht ahnen. Irgendwie hatte sie die irrige Vorstellung, dass der Planet auch unter Tageslicht finster und bedrohlich wirken könnte.
Aus einem inneren Impuls heraus drehte sie sich zu Caesar um. Der Anführer der Affenähnlichen saß immer noch regungslos im Kreis der ihn bewachenden Mazzar-Soldaten und schien mit der Situation recht zufrieden zu sein. Sein breites Gesicht strahlte förmlich vor Befriedigung und seine Augen waren auf die farblosen Monitore gerichtet, so als könne er als Einziger etwas darauf erkennen.
Warum freut sich der Gorilla? Was erhofft er sich auf der Heimatwelt der Slide-Wesen? Dann drehte sie sich wieder Naya zu, die wie ihre Verwandten still und entspannt in ihren Netzen mehr hingen als standen und sich kaum regten. Was erhoffen wir uns von dieser Welt? Was will ich überhaupt in dieser Dimension? Die Hydren aufsuchen und sagen: ´Tut uns leid, der Massenmord. Aber wir haben keine andere Sprungtechnologie`?
Plötzlich lösten sich alle Rigelianer aus ihren Geflechten und lächelten unisono und in einer Weise, die Bérénice ein wenig an deren Verstand zweifeln ließ.
»Was ist passiert?«
»Wir sind da«, sagte Naya, ging zu ihr, legte sanft eine Hand an das Kinn der Agentin und hauchte einen Kuss auf ihre leicht geöffneten Lippen.
»Ich habe von der Landung nichts mitbekommen«, antwortete Bérénice, den Kuss halb ignorierend.
Naya wirkte auf eine Weise glücklich, wie sie Bérénice selbst schon lange nicht mehr empfunden hatte. »Wir Menschen – und ebenso unsere mazzarischen Freunde hier – sind noch längst nicht an Reisen mit Slide-Schiffen gewöhnt, Nice. Ich habe mich noch nie so … leicht gefühlt.«
»Das liegt an der geringen Schwerkraft des Planeten«, warf Freitag ein. »Sie beträgt 0,913 g. Daher Ihr Gefühl der Leichtigkeit. Die Atmosphäre ist für Menschen und Mazzar atembar. Aber das hatte ich aufgrund meiner Analysen des Slide-Wesens auf dem Planeten Crystal schon festgestellt. Sie können also Kobold II ohne Raumanzug und Atemmasken betreten.«
»Freitag, du bist so was von …«
»Ich bin ein Roboter«, unterbrach er sie.
Bérénice musste unweigerlich grinsen. »Also dann: Setzen wir unsere Füße also leicht auf eine fremde Welt.«
Naya nickte und schien recht zuversichtlich. »So langsam beginne ich zu ahnen, was für Chancen die Zukunft in sich trägt. Helfen wir den Slide, den Gorillas und uns selbst, sie zu entdecken und nutzen zu lernen.«
»Und du glaubst, die Slide würden dabei mitspielen? Sie werden sich kaum in neue Abhängigkeiten begeben wollen.«
»Nein, sicher nicht. Aber, so wie ich sie bisher wahrgenommen habe, sind sie gesellige Wesen … auch anderen Spezies gegenüber. Wenn man ihnen die Freiheit lässt, werden sie eher Partner sein, anstatt blanker … Vehikel. Tut mir leid, Nice. Mir fällt keine passendere Bezeichnung ein.« Dann wechselte Naya das Thema. »Komm, meine finstere Geliebte. Gehen wir einen finsteren Planeten entdecken.« Sagte es und zog sie mit einer Hand auf die Röhre zu, welche die Zentrale mit dem Raum verband, den man mit einiger Phantasie als Hangar oder Ausgang bezeichnen könnte.
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