Selbst van der Moiren konnte im Gesicht Lemurrs erkennen, dass dieser tiefe Trauer für die ungezählten Opfer empfinden musste.
»Es dauerte lange, bis wir begriffen, dass von den Raumschiffen der Hydren selbst kein einziger Schuss abgefeuert wird.«
»Und wie konnten sie dann Ihre Welten zerstören? Diese Schlangen müssen eine Waffe besitzen«, ereiferte sich der Admiral und sah sich hilfesuchend bei den anderen um.
Wieder ließ Lemurr kurz seine Zunge sehen, wandte erneut seinen Blick zu Enya und sprach dann weiter. »Wir Mazzar sind nicht wie manche Menschen mit PSI-Fähigkeiten gesegnet. Jahrelange Forschungen unserer Ärzte haben ergeben, dass wir auch nicht ansatzweise eine Chance hätten, ähnliche Mutationen zu entwickeln, wie Ihre Rigelianer oder andere Menschen. Wir Mazzar sind daher völlig immun gegen parapsychische Angriffe! Die Hydren konnten uns nicht hypnotisch überfallen und zur gegenseitigen Vernichtung vergewaltigen. Sie mussten sich etwas anderes einfallen lassen. Wir verstanden anfangs einfach die Art der Waffe nicht, welche die Hydren anwendeten …«
»Also doch eine Waffe«, warf van der Moiren triumphierend ein. Allen war klar, dass seinem militärischen Verstand eine andere Erklärung fast unmöglich war. Und genau in diesem Punkt ähnelte er den Krötenwesen mehr, als er wohl auch nur entfernt in Erwägung ziehen würde.
»Wenn Sie deren parapsychischen Abwehrschirm als eine Waffe bezeichnen wollen, Admiral? Dann ja! Als wir dieses für uns so völlig andersartige Konzept endlich verstanden hatten, lag es nahe, was dahinter stecken könnte. Es hatte wiederum vieler Opfer und viel zu langer Zeit bedurft, um unsere Vermutung bestätigt zu bekommen: Die Slide-Schiffe der Hydren nehmen mit ihren Paraschirmen jedwede – sei es aus Raketen, Torpedos, Laserlanzen, ja, selbst die aus der Corona von Sonnen – gewonnene Energie auf und können diese zur Verstärkung ihrer Schirme nutzen. Oder sie schlagartig von sich geben und damit alles vernichten, was sich in unmittelbarer Nähe befindet. Dabei gehen sie selbstverständlich mit in den Tod.«
»Sie opfern also ihre Schiffe und sich selbst?«
»Ja. Die Menschheit kennt ebenfalls eine ähnliche militärische Strategie. Ich glaube, Sie nennen dies Kamikatze …?«
»Kamikaze«, korrigierte van der Moiren automatisch und schien die Tragweite der Opferbereitschaft der Hydren nur schwer begreifen zu können. »Das müssen seit Ausbruch des Krieges ja Tausende von Slide-Schiffen und ungezählte Besatzungen gewesen sein.«
»Ja«, bestätigte Lemurr wieder und atmete hörbar ein und aus. »Und darin liegt nach unserer Ansicht der Grund, warum die Hydren die Menschheit mit einer anderen Strategie angreifen.«
»Spannen Sie uns nicht so auf die Folter, Lemurr«, sagte Amélie Colbert und schien sich ein wenig vor dem zu fürchten, was sich als dunkler Schatten in ihrem Kopf schon zu regen begann.
»Die Hydren haben erkannt, dass die Menschen anfällig gegen hypnotische Angriffe sind, von konditionierten Gehirnen einmal abgesehen. Sie können also auf ihre Kamikaze-Angriffe verzichten und dennoch überwältigende Siege erringen. Ohne auch nur ein einziges weiteres Schiff oder eine einzige Schlange dabei einzubüßen.«
Diana Carpenter hatte aufmerksam zugehört und nur auf eine Ungereimtheit des Mazzar-Anführers gewartet. »Das erklärt aber immer noch nicht, warum sie diese Basis und alle darin verschont haben«, widersprach die Admiralin. »Den Hydren muss doch klar sein, dass die Schiffe in den Docks nur Stunden oder Tage später die gleiche Gefahr darstellen, wie die aktiven draußen im All.«
»Doch, das tut es, meine Liebe«, kam es überraschend von der Rigelianerin.
»Hab´ ich etwas verpasst, meine Damen?« Van der Moiren hatte sich so auf Lemurr konzentriert, dass er die drei Frauen fast ausgeblendet hatte. Jetzt sah er Enya in einer Mischung aus böser Vorahnung und Angespanntheit an.
»Die Hydren sehen eine Chance darin, unsere Besatzungen auf Dauer zu übernehmen und damit Mensch gegen Mensch kämpfen zu lassen. Sie wollen uns hypnotisch unterwerfen! Richtig, Lemurr?«
»Ja, Enya von Rigel. Und es kommt noch schlimmer.«
»Was kann schlimmer sein als der Verlust seines Verstandes?« Admiral van der Moiren war blass geworden.
Lemurr kräuselte heftig seine Lippen. Selbst die über diese Mazzar-Geste uninformierten Menschen erkannten die Angst und die Abscheu, welche die Bewegung ausdrückte. »Wir Mazzar sind davon überzeugt, dass die Hydren eine neue Vorgehensweise vorbereiten.«
»Und die wäre?«, fragte van der Moiren.
»Eine Invasion der Menschen-Region.«
Der Mann, der seit mittlerweile mehr als vier Monaten allein in dem riesigen Bunker hauste, bedauerte seine Einsamkeit nur in einem Detail.
Wenigstens eine Frau hätte ich am Leben lassen sollen. Sie hätte mir wohl etliche Stunden versüßen können … ob nun freiwillig oder nicht.
Er grinste sardonisch und joggte den langen Gang entlang, der Teil seines Fitness-Programms war und ihn am Ende an seine Baustelle führen würde, an der er fast täglich arbeitete.
Auch mit anderen Übungen erhielt er sich seine kräftige Statur, die der eines Mittelgewichts-Boxers nicht unähnlich war. Sein hellblondes, fast nicht sichtbares Haar war wie immer extrem kurz geschoren und verlieh seinem kantigen Schädel einen unnachgiebigen Ausdruck. Und der Mann, der sich selbst zu Beginn seiner Karriere beim Terranischen Geheimdienst den Decknamen Clear verliehen hatte, und alles andere als durchschaubar war, war unnachgiebig. Zu sich selbst und vor allem anderen gegenüber. Jeder, der nicht dazu beitrug, ihn seinen Zielen näher zu bringen, rutschte in seiner Bewertung automatisch in die Kategorie Entbehrlich. Der Abstand zu Überflüssig war klein … sehr klein. Sein momentan wichtigstes Ziel war Überleben . Und als er nach einem letzten Sprint seine Baustelle erreichte und anhielt, fügte er nicht weniger entschlossen nur ein Wort hinzu: Rache .
Dabei klammerte er ohne jegliche Eigenkritik die Tatsache aus, dass er selbst für seine jetzigen Umstände, sein Gefängnis, verantwortlich zeichnete. Er war es gewesen, der die Kaskadenbombe auf einen Planeten abgeworfen hatte. Nur im allerletzten Augenblick war es seinen Feinden gelungen, die Bombe vom ursprünglichen Ziel – Hope, dem Hauptplaneten des Rigel-Systems – abzulenken. Dass die Bombe dann auf dem Nachbarplaneten Hades abgestürzt war, war dennoch ein doppeltes Drama gewesen. Clears Ziel – die Vernichtung der meisten Rigel-Mutanten mit einem Schlag – war vorerst in unerreichbare Ferne gerückt … und er selbst unter den Steinmassen begraben worden, welche die Bombe aus unzähligen und brutal erweckten Vulkanschloten hatte hervorbrechen und über seinem Kopf zu einem gigantischen Sargdeckel hatte erstarren lassen.
Clear war klar, dass ihn die Rigelianer, das Militär, vielleicht sogar der Terranische Geheimdienst für tot halten mussten. Dabei kannten sie ihn nicht einmal. Sie konnten höchstens ermittelt haben, dass eine Abteilung der Titanenkinder , also seiner geheimen Terrororganisation, für den Anschlag verantwortlich war. Dass er, Clear – Mitglied des Terranischen Geheimdienstes – der Kopf dieser Organisation war, dürfte immer noch sein Geheimnis sein. Seine Abwesenheit von seiner Dienststelle und seinen offiziellen Aufträgen würde man sich wohl damit erklären, dass er undercover arbeitete und sich schon irgendwann mit Ergebnissen zurückmelden würde. Lange Zeiten der Abwesenheit waren unter Geheimdienstlern keine Seltenheit.
Was die Titanenkinder jedoch über seinen Status dachten, war eine andere Sache. Natürlich mussten geheime Beobachter während des Anschlages die Detonation des Raumschiffes registriert haben, dessen Besatzung zu einem guten Teil aus Anhängern seiner Organisation bestanden hatte. Und sie mussten bemerkt haben, dass sich eine Rettungskapsel – seine Rettungskapsel – davon gelöst hatte und auf dem Planeten Hades notgelandet war. Das, was Clear jedoch nicht wusste, war, ob seine Anhänger damit rechneten, er könnte die Zerstörung der Planetenoberfläche, und alles und jeden darauf, überlebt haben. Zweitens war es fraglich sollten sie an sein Überleben glauben ob sie ihn hier in diesem Bunker würden ausfindig machen können.
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