Die Wachkreuzer vollzogen irrsinnige Wendemanöver, jagten sich gegenseitig ohne Rücksicht auf eigene Verluste, verzichteten auf Ausweichbewegungen. Manche rammten sich sogar oder stürzten sich in kamikazehafter Weise aufeinander, als wären nur noch Verrückte an den Waffen- und Steuerkontrollen. Was im Grunde der Wahrheit genau entsprach: Männer und Frauen mit noch freiem Geist, rascher Auffassungsgabe und eisernem Überlebenswillen, schlugen auf ihre wahnsinnig agierenden Kameraden ein oder schossen gar auf sie. Töteten einen nach dem anderen … nur um selbst schließlich Opfer unsichtbarer Klauen zu werden, die ihre Gehirne überfielen und sie die Schaltungen vornehmen ließen, die sie gerade noch zu verhindern gesucht hatten.
Die terranischen Raumschiffe detonierten auch von innen heraus. Mit atomarer Macht zermalmten die eigenen überhitzten Energieaggregate zahlreiche Decks, Lifte, Einrichtungen, Maschinen, Zwischenwände, Hangars, Waffendepots … und Menschen. Nur wenige der Wachkreuzer explodierten in klassischer Weise. So, als hätte sie ein feindliches Objekt getroffen und auseinandergerissen. Kaskaden von Trümmern, Myriaden zerstückelter Materie und in schreckliche Fetzen zerrissene Körper wurden ins All geschleudert, flogen wie seltsame Schrapnelle in alle Richtungen davon, vergingen entweder im Glutball eines anderen untergehenden Schiffes oder verschwanden in der Schwärze des Raums.
Der Krieg mit den Mazzar hatte an Schrecken viel geboten und unsägliches Leid erzeugt. Doch jedes Mal war es ein greifbarer Gegner gewesen, gegen den man in die Schlacht gezogen war. Dieses Mal tötete ein Mensch andere Menschen. Und selbst das war in Tausenden von furchtbaren Auseinandersetzungen und Kriegen für die Menschheit bis heute nichts Neues gewesen.
Was alle in der Basis aber richtig schockierte, war, dass ihr natürlich längst aus allen Rohren erfolgtes Abwehrfeuer völlig wirkungslos blieb. Die fremden Raumschiffe schienen die eintreffenden Raketen, Laserlanzen und Raumtorpedos förmlich zu verschlucken. Nur wenige im Chaos vernünftig agierende Ortungstechniker hatten die Eiseskälte, jetzt Daten zu sammeln. Ihnen fiel auf, dass die schwarzen Wolken, die nur entfernt an Schutzschirme erinnerten, aber genau dies wohl sein mussten, sogar wuchsen , wenn ein Projektil darin verschwand.
Und dann war das Weltall rings um die Raumbasis FRONTIER-CV plötzlich von eigenen Schiffen wie leergefegt. Neue Alarme dröhnten durch Decks, Aufzugschächte, Hangars und Unterkünfte der Station. In letzteren hielt sich ohnehin niemand mehr auf. Jedes Stations- oder Besatzungsmitglied stürmte zu seinem Posten, seiner Abwehrstellung, seinem Verteidigungsgeschütz oder an Bord jedes Raumschiffes, das in der Lage wäre, sich dem Feind entgegenzuwerfen.
Alle wären damit in den eigenen Tod geflogen, wenn nicht eine Person den Konferenzraum verlassen hätte und gerade in einem Expresslift ihrem eigenen Raumschiff zugeeilt wäre: Enya.
Der Schock über den Angriff hatte ihr Gehirn für bange Minuten wie mit einem bleiernen Deckel belastet. Doch jetzt, als sie auf einem Monitor innerhalb des Liftes das Drama um die Station beobachten konnte, kehrte eine kühle Ruhe in sie zurück, die sie schon lange Zeit nicht mehr verspürt hatte. Und kaum, dass ihr Verstand sich mit etwas anderem beschäftigen konnte, als mit der Sorge um ihrer aller Überleben, empfing sie die exotischen Wellen der Hypnoseangriffe.
Es waren grausame Ströme, welche die Rigelianerin schier zu überrollen versuchten. Wäre sie jünger gewesen, weniger erfahren im Umgang mit menschlichen und fremdrassigen Gehirnen, hätte sie dem Angriff vielleicht nicht widerstehen können. So aber nahm sie die Informationen auf, die ihr natürlich nicht absichtlich übermittelt wurden, sondern wie ein Echo in ihr auftauchten … und ihr Dinge verrieten, welche die Hydren sicher lieber für sich behalten hätten.
»Stoppt diesen Lift!«, blaffte sie die Menschen an, die mit ihr in der Kabine fuhren. »Sofort!«
»Wir sind noch nicht auf Raumdeck XIV, Madam«, entgegnete ihr ein Soldat, der sie an ihrer Kleidung als Rigelianerin erkannt hatte und zu wissen schien, wo ihr Clan-Schiff untergebracht war.
»Ich will nicht an Bord meines Schiffes, Soldat«, zischte sie hastig. »Ich muss an die nächste Funkanlage und eine stationsweite Warnung abgeben!«
»Eine Warnung?«, stieß eine bleiche Frau hervor. »Vor was? Alle wissen längst, dass wir angegriffen werden.«
Ein olivhäutiger Mann – vermutlich ein Terraner indischer Herkunft – hieb mit einer Faust auf den Button, der die Fahrt beim nächsten Stockwerk beenden würde.
»Egal! Wenn die Frau etwas zu sagen hat, was Leben rettet …«
Weder Enya noch jemand anderer erwiderte etwas darauf. Alle sahen ihr nach, wie sie der Kabine förmlich entfloh, als diese abrupt stoppte und die Türflügel rasch in den Wandungen verschwanden. Nur der Inder folgte ihr und deutete eilends auf ein Com-Terminal, das nur wenige Schritte entfernt an einer Wand angebracht war und mit in beruhigendem Grün leuchtenden Signalen seine volle Funktionsfähigkeit kundtat. Ohne dass Enya ihn dazu auffordern musste, trat er an das Terminal, nahm zwei rasche Schaltungen vor und nickte ihr dann zu. »Bitte.«
»An alle: Hier spricht Enya, Telepathin vom Planeten Rigel.« Plötzlich erklang ihre Stimme ein wenig überlaut aus dutzenden Richtungen und Enya sah ihr eigenes Gesicht auf ebenso vielen Monitoren erscheinen. »Die Hydren greifen nur Schiffe mit aktiviertem Antrieb an. Bitte starten Sie kein einziges Schiff! Ich wiederhole: Bitte starten Sie nicht Ihre Triebwerke! Wir können unseren Kameraden dort draußen ohnehin nicht mehr helfen. Sie sind alle längst tot. Wenn Sie den Zorn der Schlangen überleben wollen, bleiben Sie innerhalb dieser Basis. Ich konnte in eines der Hydren-Gehirne blicken. Sie werden diese Basis nicht angreifen! «
Enyas Worte und ihr im Augenblick allgegenwärtiges Gesicht erreichten auch ein Kontingent Mazzar, welches erstaunlicherweise von den Menschen der Frontbasis CV weder verbal noch physisch attackiert wurde. Die Trooper, Techniker und die wenigen Zivilisten, welche die Gruppe, die aus etwa dreißig Krötenabkömmlingen bestand, umgaben, waren ohnehin hin- und hergerissen zwischen den zermürbenden Bildern, welche die Monitore in gestochener Schärfe übertrugen, und der Tatsache, dass der fast unsichtbare Feind die Basis tatsächlich zu verschonen schien. Dagegen war der seltene Anblick von übergroßen und in bunte Kleidung gehüllte vor allem: waffenlosen Amphibien erst einmal zweitrangig. Doch das änderte sich genau in diesem Moment.
Zuallererst trug das andächtige Verhalten … dann der einsetzende Gesang der Kröten dazu bei, dass sich die Menschen eher erstaunt als bedroht der Szene widmeten, die sich ihnen hier bot: Die Außerirdischen hatten eine lockere Formation eingenommen, die es allen Beobachtern erlaubte, jeden einzelnen Mazzar sehen zu können. Die Kröten hielten ihre Augen geschlossen und hatten beide Hände waagerecht darübergelegt. Die Spitzen der einen Krallenhand berührten die der zweiten. Nur die Münder standen offen und gaben ein tiefes Summen von sich, das sich lediglich zu Beginn wie eine anlaufende Maschine anhörte. Nur wenige Herzschläge später fanden die einzelnen Stimmen zueinander und gaben ein rhythmisches Hoch und Tief von sich, das wie das Werben männlicher Frösche in einem Tümpel klang. Der summende Gesang wechselte zu lockendem Quaken, trug mehrfach erotische Varianten in sich, welche die Menschen speziesübergreifend auch als solche erkannten und endeten schließlich in hoffnungsvollen Stimmen, die keine anderen Interpretationen als Respekt, Gedenken und Hoffnung zuließen. Der Trauergesang der Mazzar hielt mehrere Minuten an, sodass auch dem letzten ahnungslosen Menschen klar wurde, dass die ehemaligen Feinde soeben die Terraner beweinten, welche dort draußen gestorben waren. Viele Stationsmitglieder hatten Tränen in den Augen. Sei es aus dem Grund, dass sie etliche Freunde, Kameraden, vielleicht sogar Verwandte nie wieder sehen würden. Oder aus dem Umstand, dass Außerirdische, die sie über viele Jahrzehnte hinweg als ihre Erzfeinde betrachtet hatten, den Gefallenen die letzte Ehre erwiesen.
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