»Sie meinen die Pazifisten«, sagte van der Moiren. »Arliss ist hier die Prominenteste, zumindest von der die Menschheit weiß.«
Diana Carpenter sah ihre Agenten-Freundin neugierig an. »Du sagtest gerade Strömung en, also Plural.«
»Du kennst mich einfach zu gut …«
»Nur so weit, wie du gewillt bist, etwas zu zeigen, Geheimniskrämerin. Raus mit der Sprache!«, sagte Carpenter und musste über den doppelten Witz in ihren Worten schmunzeln.
»Es gibt offenbar eine vierte Mazzar-Partei, von der wir bislang noch nichts wussten. Sie nennen sich die Vitalisten. Ihr Ziel ist die Erhaltung des Lebens. Simpel und auf den ersten Blick nicht automatisch pazifistisch. Aber sie scheinen uns Menschen in dieses Ziel mit einzubeziehen, was ich sehr begrüße, wie ich betonen darf. Ich bin der Auffassung, dass wir jedwede Chance nutzen sollten, den Bürgerkrieg beenden zu helfen und vollständigen Frieden mit dem Reich Mazzar zu bekommen. Und ich darf an dieser Stelle daran erinnern, dass die Menschheit bislang von unserem wahren Feind – den Hydren – relativ unbehelligt blieb.«
»Woher hat der TG oder hast du Kenntnis von den Vitalisten erlangt?«
Amélie Colbert lächelte. »Der Kommandant der geheimen Mazzar-Basis auf dem Planeten Crystal dem Planeten, in dessen Nähe die Mazzar das Hydren-Raumschiff fanden ist Anhänger dieser Vitalisten-Bewegung. Er hat die Taten unserer schwarzhäutigen Freundin beobachtet und seinen Anführer kontaktiert, ohne Arliss davon zu informieren. Dieser hat das Signal AC/DC an mich weitergeleitet. Ich glaube auch nicht, dass er die Bedeutung des Signals richtig erfasst hat. Er scheint nur der Auffassung gewesen zu sein, dass dieses Signal nur die richtigen Leute – also uns – erreichen wird. Und damit hat er ja Recht behalten. Frag mich nicht, über welche Kanäle, ich weiß es nicht. Es handelt sich um einen männlichen Mazzar. Er nennt sich Lemurr. Und er trägt den Titel Achter Spender der Nestmutter.«
»Und der bedeutet was ?«
»Dass er Mitglied der obersten Mazzar-Führung ist. Soweit ich es verstanden habe, ist er als Spender, im Sinne von Samenspender, einer der Ehemänner der Nestmutter.«
»… welche das Oberhaupt der Reiches Mazzar ist. Ein Matriarchat.«
»Korrekt.« Amélie Colbert hatte schon wieder ihr Pokergesicht aufgesetzt. »Er ist übrigens hier … auf dieser Station. Sein … unbewaffnetes Raumschiff liegt im Hangar XIII. Sobald wir uns hier abgestimmt haben, will er mit uns sprechen.«
»Ihr Götter des Alls«, stöhnte van der Moiren auf. »Zu Beginn meiner militärischen Laufbahn hielt ich die Mazzar für einfache und sture Gegner. Je mehr ich aber über sie erfahre, desto falscher wird dieses Bild.«
»Liegt darin nicht immer der Grund für Krieg?« Enya hatte den Ausführungen Colberts zugehört und nur einmal einen weiteren Schluck heimischen Rotweins zu sich genommen. Jetzt sah sie dem Militär fast mit einem anklagenden Blick an. »Sehen Sie, Admiral? Selbst Sie greifen in solchen Situationen zur Anrufung der Götter. Und wer sind eigentlich die Götter des Alls? Denken Sie mal in einer ruhigen Stunde darüber nach.«
Amélie Colbert schüttelte in offenbarer Selbstanklage leicht ihren Kopf. »Da schreiben wir das Jahr 2317 und reden ständig über irgendwelche Götter. Auch in meinem zweiten Beitrag spielt ein alter Gott – zumindest als Namensgeber – eine Rolle.«
Admiralin Carpenter regte sich unbehaglich. Sie wusste, welches Thema AC andeutete. »Du meinst dieses Pack Titanenkinder . Sie beziehen sich auf Prometheus.«
»Richtig, DC. Nachdem sie es beinahe geschafft hätten, die Hauptwelt der Rigelianer, den Planeten Hope, zu vernichten, war – und ist der Terranische Geheimdienst ein einziges Wespennest. Jeder verdächtigt jeden. Übrigens der Hauptgrund, warum ich euch beide und Enya hier auf diese Basis eingeladen habe. Die Führung des TG weiß nichts von diesem Treffen, auch nichts von diesem Lemurr … vorerst. Ich bin mir nicht sicher, wem ich noch trauen kann. Der Schock einer Kaskadenbombe in den Händen der Titanenkinder und deren Abwurf auf Hades steckt uns noch allen in den Knochen.«
»Hades war und bleibt unser Planet, Agent Colbert«, betonte Enya. »Wir haben unsererseits Schritte unternommen, um herauszufinden, wie diese Katastrophe stattfinden konnte.«
»Ich bitte Sie dringend, Enya, sich hier mit mir abzustimmen. Es ist nicht sonderlich effektiv, wenn wir getrennt vorgehen.«
» Ich kann meinen Clan-Mitgliedern blind vertrauen. Sie gaben gerade selbst zu, dass dies auf Ihren Verein nicht zutrifft.«
»Ich vertraue Richter Yildirim. Wir müssen seine Verbindungen zur Regierung nutzen, um alle Fäden dieses Titanenkinder-Netzwerkes ausfindig zu machen. Dazu die Fähigkeiten Ihrer Mutanten …«
»Dann darf ich Ihnen als Zeichen meiner Kooperation eröffnen, dass wir in Yildirims Umgebung bis zu dieser Stunde 21 Verräter identifizieren konnten.«
Amélie Colbert zuckte mit keiner Wimper. »Dann lassen Sie uns diese Liste mit meiner abgleichen. Ich habe nur acht Verdächtige zu bieten.« Die beiden Admirale verfolgten stumm, wie sich Colberts Miene mit einem Hauch von Verführung überzog. »Wie schade, dass wir keine Telepathen im TG haben. Das würde uns deutlich schneller voranbringen.«
»Aber nicht bei deinen eigenen Leuten, Amélie«, warf Diana Carpenter ein.
Jetzt war es Enya, die ein Raubtier-Grinsen zeigte. »Doch, auch bei diesen. Konditionierte Gehirne stellen für uns Rigelianer kein Hindernis mehr dar. Sehen Sie diese Mitteilung als weiteren Beweis für unsere Vertrauenswürdigkeit an. Außer Ihnen hier, wissen das nur noch Ihre Agentin Savoy und die Clan-Mitglieder, welche sie begleiten.«
Leider täuschte sich Enya in diesem Punkt.
Van der Moiren und Carpenter wurden bleich. Sie konnten abschätzen, was es bedeutete, wenn eine Konditionierung keinen sicheren Schutz vor Gedankenspionage mehr darstellte.
Nur Amélie Colbert blieb gelassen. »Ich ahnte es. Der zweite Grund, warum ich dieses Treffen hier draußen angeregt habe. Was muss ich tun, damit Sie und vielleicht ein paar Ihrer Mutanten mir helfen, Regierung und Geheimdienst zu durchleuchten?«
»Nichts, liebe Freundin. Wir haben damit schon begonnen …«
Während also in diesem Augenblick zwei Admirale, eine Agentin und eine Telepathin in einem gut gesicherten Raum konferierten, zogen um die Frontbasis CV ein Dutzend terranische Wachkreuzer ihre Bahnen, unterstützt von Stilettos in vierfacher Zahl. Gut die Hälfte der pfeilförmigen Raumschiffe lag antriebslos im Ortungsschatten von Monden oder großen Asteroiden. Die andere Hälfte patrouillierte als zweite und weit auseinander gezogene Schale im Raum. Dafür liefen ihre passiven Ortungssysteme auf Hochtouren. Ihre Messbereiche überlagerten sich mehrfach mit denen der offensiven – und damit leistungsstärkeren Ortungsgeräte der Kreuzer, und schufen so einen unsichtbaren Kordon, den kein Raumschiff unbemerkt überwinden konnte. Zumindest dachte man dies an Bord besagter Schiffe und auch in der Ortungszentrale der Raumbasis.
Nachdem seit über sieben Monaten kein Ultraraum-Sprungschock mehr einen mazzarischen Angriff angekündigt hatte, herrschte in den betreffenden Abteilungen und Zentralen eine aufmerksame, aber vorsichtig gelassene Ruhe. Die Menschen und die wenigen fremdrassigen Verbündeten genossen die lange Gefechtspause, an die sie sich erst noch gewöhnen mussten. Viele hegten sogar die Hoffnung, dass der formal geschlossene Frieden mit den Mazzar sich dauerhaft etablieren würde. Jahrzehnte anhaltender Kriegshandlungen hatten die Sinne von Menschen und Außerirdischen dennoch so geschärft, dass es nur eines kleinen Vorfalls bedurft hätte, um sie in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen.
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