»Warum sind die anderen nicht ebenfalls heimgekehrt?« Admiral Titus van der Moiren hatte schon bei anderen Gelegenheiten erkennen lassen, dass er Geheimniskrämerei nicht besonders schätzte. Umso mehr schien er sich zu wundern, warum er zu diesem Treffen eingeladen worden war … vom TG. Natürlich kannte er Amélie Colbert seit Jahren. Doch der Informationsfluss zwischen Geheimdienst und Militär war nach seiner Meinung ein Thema, an dessen Unausgeglichenheit er schon immer verzweifelt war.
Enya kniff für einen Moment die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, atmete hörbar ein und gab dann in beinahe tonloser Weise Worte von sich, die auf die anderen wie unerwartete Schläge unter die Gürtellinie wirkten: »Agentin Savoy hat mit meinen Familienmitgliedern diese Galaxis verlassen …«
»Wie bitte?« Van der Moiren blickte verständnislos.
»Oh, Entschuldigen Sie, Admiral. Ich meinte: Sie haben den Einsteinraum verlassen.«
Amélie Colbert erfasste schneller als der Militär, was Enya damit meinte. »Sie ist in den Nexus geflogen? Wie?«
»Ihre Agentin und Naya entdeckten auf einem geheimen Mazzar-Stützpunkt ein anfangs inaktives Raumschiff der Hydren und konnten es nach einigen Monaten dazu bewegen, sie an Bord zu lassen. Mit ihm wollten sie die Schwelle zwischen unserer und der Hydren-Dimension überwinden …«
Colbert waren sofort die seltsamen Formulierungen der alten Dame aufgefallen. » Inaktiv … dazu bewegen … an Bord lassen? Das klingt so, als würden sie von einem lebendigen Wesen sprechen, Enya.«
»Oh, hatte ich vergessen, das zu erwähnen?« Sie lächelte auf eine gequälte Weise. »Das Hydren-Raumschiff soll tatsächlich ein lebendiges Wesen sein, so wurde mir – glaubhaft – versichert. Faszinierend, nicht wahr?«
Amélie Colbert hatte sich während der Äußerungen der Rigelianerin ein wenig nach vorn gebeugt und ließ sich nun wieder an ihre Sessellehne zurücksinken. Ihr Gesicht hätte in diesem Augenblick jedem Pokerspieler zur Ehre gereicht. »Ich verstehe«, war alles, was sie vorerst von sich gab.
» Sie verstehen?«, stieß van der Moiren hervor. »Na, dann bin ich ja beruhigt. Hauptsache, der TG weiß, von was hier gesprochen wird …«
»In der Tat«, unterbrach ihn seine Admirals-Kollegin Carpenter. »Du hast wohl vergessen, was der … verstorbene Agent White in einer Besprechung auf dem Mond L28 von sich gab, an der auch du teilgenommen hast, wenn ich mich recht erinnere.«
»Der TG besitzt ein Wrack eines Hydren-Raumschiffes, Ja, ich erinnere mich. Aber …«
»Vielleicht sollten wir es nun besser einen Leichnam nennen«, warf Amélie Colbert ein. Ihr Lächeln war längst einem sachlichen Ausdruck gewichen.
»Wie kann ein Lebewesen im All existieren? Und sogar die Dimensionen wechseln?« Van der Moiren war anzusehen, dass es noch dauern würde, bis er das Konzept eines biologischen Raumschiffes auch nur als möglich in Betracht ziehen würde. »Und Agent Savoy ist an Bord so eines … Dings ?«
»So berichtete es mir der Kommandant der HIBERNIA. Und glauben Sie mir, Admiral: Wenn ein Clan-Mitglied so etwas mitteilt, entspricht es der Realität. Es ist schwer, innerhalb von parapsychisch begabten Menschen die Unwahrheit zu sagen. Apropos parapsychische Begabungen: Mir wurde ebenfalls mitgeteilt, dass es gerade meine Tochter Naya war, welche einen mentalen Kontakt zu dem Lebendraumschiff aufnehmen konnte. Ihre, beziehungsweise die Pläne Ihrer Agentin Savoy, beruhen auf der Hoffnung, dieses Wesen bald via Empathen und Telepathen steuern zu können … auch oder besser: gerade in die fremde Dimension.«
»Diesem … Nexus«, fügte van der Moiren an.
»Wenn sie damit Erfolg hatten, dürften sie also vielleicht schon in der Hydren-Dimension angekommen sein. Wenn nicht …«
Amélie Colbert legte für ein paar Sekunden einen Finger auf ihre Lippen und jeder im Raum konnte förmlich sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Als sie den Finger wieder senkte, klang ihre Stimme wie knisterndes Eis. »Perfekt … ein einsatzfähiges Schiff des Gegners in unserer Hand. Die beste Tarnung, die man sich vorstellen kann. Wenn Nice von diesem Flug zurückkehrt, werden wir sicher Dinge erfahren, an die wir jetzt nicht zu denken wagen.«
Dann wandelte sich ihr nüchterner Ausdruck in ein wölfisches Grinsen, das ihre Freundin DC schon kannte, van der Moiren und Enya bisher aber noch nicht an ihr beobachtet hatten. »Und wieder einmal zeigt sich, wie wertvoll Nice für unseren Dienst … und die Föderation ist.«
Nur dem Mann lief ein leichter Schauer über die Haut.
Enya hingegen nickte unmerklich und flüsterte kaum hörbar mit ehrfurchtsvollem Ton: »Und wieder zeigt sich«, benutzte sie fast die gleiche Einleitung wie die Agentin, »dass die Túatha Dé Danann gesegnet sind. Möge Dana sie alle beschützen.«
»Wer?« Van der Moiren machte ein Gesicht, das deutlich zeigte, dass er nicht folgen konnte. » Túatha Dé … was?«
»Die Kinder Danas. Wir vom Rigel-Clan 49 führen unsere Herkunft bis auf die kleine Insel Irland auf Alt-Erde zurück. Dana war … und ist … immer noch die Göttin, die uns erschaffen hat und beschützt.«
»Ich wusste nicht, dass Sie religiös sind, Enya.«
»Nicht in dem Sinne, wie Sie es vielleicht meinen, Admiralin Carpenter. Wir 49er – Nachkommen der Iren – sind der Auffassung, dass manche Dinge im Universum nur göttlich erscheinen . Es schadet aber nicht, um göttlichen Beistand zu bitten. Wenn wir einst die Wahrheit dahinter verstehen, wird sich vielleicht zeigen, dass selbst Gebete ihre Berechtigung hatten und haben.«
»Was mich zu meinem ersten Beitrag bringt«, übernahm Amélie Colbert, nachdem sie in stummer Verständigung mit Enya erfasste, dass diese keine weiteren Informationen zu Naya oder Savoy bieten konnte. »Die Mazzar befinden sich im Bürgerkrieg.«
»Das wissen wir längst, Agentin Colbert. Traditionalisten gegen Modernisten.« Van der Moiren zuckte mit den Schultern. »Auch wenn ich das Friedensabkommen zwischen uns und der Mazzar-Beraterin Arliss für einen ersten und erfreulichen Schritt halte, muss ich doch feststellen, dass an vielen Frontabschnitten immer wieder Kämpfe aufflammen.«
»Das Einflussgebiet der Mazzar ist mindestens fünf Mal so groß wie das der Menschheit … inklusive der Gebiete unserer Verbündeten«, warf Diana Carpenter ein. »Es wird sicher viele Monate dauern, bis sich der Friedensvertrag bis in alle Winkel des ganzen Mazzar-Reiches herumgesprochen hat. Natürlich ist der Bürgerkrieg … mit Verlaub: scheiße. Er kann alle Friedensbemühungen zunichtemachen.«
»Wir sollten überlegen, ob wir Partei für die Modernisten ergreifen sollten«, schlug van der Moiren vor. »Sie sind es, die angeblich schon immer eine Allianz gegen die Hydren mit uns bilden wollten.«
Diana Carpenter schüttelte entschieden den Kopf. »Dazu haben wir weder die Ressourcen noch eine Chance, Titus. Und ich definitiv keine Lust dazu! Die Mazzar-Schiffe zeigen weder durch bunte Fähnchen noch durch irgendeine andere verlässliche Markierung, zu welcher Seite sie gehören. Wir würden Gefahr laufen, gerade die Mazzar zu attackieren, die gerne auf unserer Seite stehen würden. Nein, das Risiko, durch Fehlentscheidungen wieder alle Mazzar gegen uns aufzubringen, ist einfach zu groß.«
»Also willst du gar nichts tun? Angriff war schon immer die beste Verteidigung.«
»Mag sein, Titus. Aber sich auf eine Seite zu schlagen, widerspricht unserem Ziel, mit allen Mazzar Frieden zu bekommen.«
»Ich stimme deinem Gedanken ausdrücklich zu, DC. Aber wie wir von Bérénice und Arliss erfahren haben, gibt es außer den bekannten Traditionalisten und Modernisten weitere Strömungen innerhalb der Mazzar-Gesellschaft.«
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