1 ...7 8 9 11 12 13 ...26 »Nein. Und bevor du fragst: Auch geistig wird die Belastung geringer. Wir … passen uns einander an.« Dann lächelte die Empathin zaghaft. »Am Anfang war es … überwältigend, erschreckend. Ein Geist, so fremd, so andersartig. Dazu angefüllt mit Ängsten, Wut, Trauer, Entsetzen, Hoffnungslosigkeit, Todeswillen. Ich … auch Roy und Flynn, wir wurden förmlich überschwemmt und hatten permanent damit zu kämpfen, uns in diesem mentalen Chaos nicht zu verlieren oder verrückt zu werden.« Fast entschuldigend senkte sie ihren Blick, tastete nach der Hand Bérénices, die erschrocken in ihrem Tun innegehalten hatte, und nun die lange vermisste Wärme der Rigelianerin neu entdeckte.
»Es hätte nicht mehr viel gefehlt und wir wären …« Naya unterbrach sich und sah die schwarze Frau neben sich plötzlich an, als würde sie sie nicht kennen. »Du bist anders …«, fing sie stockend an und ihr blasses, von unzähligen winzigen Sommersprossen bedecktes Gesicht zeigte eine neue Angst. »Stößt dich mein Kontakt zu dem Schiff ab? Hast du … hast du deine Gefühle für mich verloren? Ich spüre eine Dunkelheit in dir, fast so, als würdest du immer noch mit Psychodrogen und Implantaten vollgestopft sein.«
»Nein!« Bérénice schüttelte heftig den Kopf und wusste in diesem Augenblick, dass sie es nur tat, um sich selbst von dem zu entfernen, was sie in sich anschwellen fühlte. » Das Wilde Dunkel ist nur dort draußen«, flüsterte sie und schämte sich sofort für diese Lüge, brachte aber nichts anderes über ihre Lippen. »Nur dort draußen, Liebes …«
Dann senkte sie ihre Lippen auf die ihrer Freundin, schloss die Augen und küsste sie so lange, bis sie beide fast keine Luft mehr bekamen. Für einen Moment öffneten die Frauen ihre Augen und Münder wieder, nur um sich gegenseitig die wenigen Kleidungsstücke auszuziehen und sich dann sofort erneut zu umschlingen.
»Bozadd an Nice und Naya. Bitte melden Sie sich!« Die Stimme des Mazzar-Piloten immer noch unfreiwillig außer Dienst drang aus dem kleinen Translator, den Bérénice neben sich auf den Boden der Kabine gelegt hatte. Die beiden Frauen hatten nach ihrem Liebesspiel ausgiebig geschlafen und lagen immer noch nackt und aneinandergeschmiegt in dem Raum, von dem sie nicht wussten, zu was oder wie er von dem Slide-Wesen normalerweise genutzt wurde.
Bérénice war sofort hellwach, löste sich von der Rothaarigen und richtete sich auf. »Ist etwas passiert, Bozadd? Besteht Gefahr?«
»Das kann ich nicht sagen, Nice«, kam es ruhig aber mit seltsamer Betonung von dem Mazzar zurück. »Bitte kommen Sie in die Zentrale und sehen sich das an, was Flynn uns schildert … Trooper Girard, Kefann und ich – und übrigens auch Freitag aber so nicht sehen können.«
Naya hatte sich bei der Erwähnung ihres Bruders ebenfalls aufgerichtet. »Wieso Flynn? Ist Roy denn nicht mehr an seinem Pult?«
»Nein, der hat sich vor etwa fünf Terra-Stunden aus seinem Netz entbunden und ebenfalls schlafen gelegt. Flynn hat ihn abgelöst …«
»Vor fünf Stunden?«, unterbrach ihn Bérénice und begann sich hastig anzuziehen. Dass der Kampfroboter keinen Alarm schlug, beruhigte sie aber ein wenig. »Wie lange haben Sie uns schlafen lassen? Egal.« Dann stoppte sie. »Flynn sieht etwas und alle anderen nicht?«
»Deswegen sollen Sie ja so rasch wie möglich hier heraufkommen.«
Die beiden Frauen waren längst dazu übergegangen, ihre leichten Bordmonturen mit geübten Griffen anzulegen. »Wir sind praktisch schon auf dem Weg«, stieß die Agentin hervor, gab Naya einen kurzen Kuss auf den Mund und stürmte bereits aus der Kabine , als die Empathin noch nach ihrer dünnen Jacke griff und ihr dann hinterher hetzte. Es dauerte weniger als drei Minuten, bis sie den zentralen Raum erreichten, von Laurent Girard einen halb neidischen, halb resignierten Gesichtsausdruck nicht mitbekamen und automatisch auf die Fläche der Monitorwand sahen.
Naya stockte der Atem und blieb dort stehen, wo sie gerade war.
Bérénice ging noch zwei, drei Schritte und verharrte dann neben Flynn, der ebenfalls völlig fasziniert auf die Darstellung blickte, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Vor ihnen befand sich ein Doppelsternsystem. Der kleinere Stern leuchtete in einem bernsteinfarbenen Feuer, das auf alle einen heimeligen Eindruck gemacht hätte, wenn nicht sein deutlich größerer Partner mit seinem Licht die Aufmerksamkeit der Mutanten und der Agentin auf sich gezogen hätte.
»Unmöglich«, entfuhr es der schwarzen Amazone.
Denn das, was dort auf dem provisorischen Sichtschirm loderte, hatte noch nie ein Mensch zuvor gesehen: Eine grüne Sonne!
Bérénice zuckten die Lektionen in Astrophysik durch den Kopf, die begründeten, warum ein Mensch keine grüne Sonne die es auch im Einsteinraum sehr wohl gab sehen konnte .
Schwarze Körper1 … das Kirchhoffsche Strahlungsgesetz2 … Max Planck3 … und dennoch: Ich kann sie sehen! Dann fiel ihr der Roboter ein, der mit seinem deutlich breiteren Spektralbereich vielleicht … und fühlte gleichzeitig in Bauch und Kopf ein unangenehmes Ziehen auftauchen.
»Freitag? Kannst du etwas auf den Monitoren erkennen?«
»Selbstverständlich, Agent Savoy: ein Doppelsternsystem mit einem kleineren orangen Stern und einem deutlich größeren gelben Partnerstern. Die optischen Sensoren aller BEHEMOTH-Baureihen wurden denen der Menschen teilweise nachempfunden, auch wenn meine spektralen Sensoren sich darüber hinaus weit in den Infrarot-, beziehungsweise in den Ultraviolett-Bereich erstrecken. Ich kann aber bestätigen, dass dort draußen eine Sonne ist, deren Temperaturbereich zwischen 5.600 und 5.790 Kelvin liegt. Der Wellenbereich des großen Sterns liegt bei einem Mittelwert von 562 Nanometern. Ich nehme sie als gelben Stern wahr, genau wie Trooper Girard und offensichtlich auch die Mazzar.« Dann wandte er sich an die beiden Rigelianer. »Sie sehen diesen Stern tatsächlich in Grün strahlen? Ich empfehle dringend eine medizinische Untersuchung Ihrer Sehorgane. Leider steht uns momentan nur Kefann als Ärztin zur Verfügung. Ich gebe allerdings zu bedenken, dass sie als Mazzarin …«
»Lass es gut sein, Freitag«, schnitt ihm Bérénice das Wort ab. »Mit unseren Augen ist alles in Ordnung. Ich ahne, warum Laurent Girard und die Mazzar nichts anderes als eine normale gelbe Sonne sehen; Naya, Flynn … und ich aber etwas anderes.«
Der Roboter ging nicht auf ihre Enthüllung ein, sondern fuhr ungerührt fort. »Ich kann keine Parameter feststellen, die auf Einflüsse dieser fremden Dimension hinweisen könnten, Agent Savoy. Ich empfehle noch einmal dringend die Konsultation eines Augenarztes, besser noch: Die Nutzung eines optischen Analysesystems und die gründliche Untersuchung Ihrer Sehorgane.«
Naya hatte sich aus ihrer Starre gelöst und war neben Bérénice getreten. »Das dort«, begann sie und deutete auf die Darstellung auf den Monitoren, »hat nichts mit unseren Augen zu tun.« Dann schritt sie vor die Agentin und sah diese fragend an. »Seit wann weißt du es?«
Die Haitianerin schüttelte den Kopf, sodass ihre mittlerweile wieder etwas nachgewachsenen Locken herumwirbelten. »Wissen? Nein, von Wissen kann keine Rede sein. Ich fühle nur etwas in mir wachsen, was ich zuhause nie gespürt habe. Aber mit jeder Stunde im Nexus, die vergeht und durch solche Erscheinungen«, sie wies mit einem Nicken auf die Sonne, »bekomme ich langsam ein Gefühl dafür, was es heißt, anders zu sein.«
Naya verstand natürlich, dass Bérénice mit zuhause das Einstein-Universum meinte. »Du warst schon immer anders, Nice. Das ist es, was ich an dir so liebe.« Dann nahm sie ihre rechte Hand und griff nach der Linken der Agentin. »Einige unserer Gen-Forscher auf Hope sind der Meinung, dass in jedem Menschen parapsychisches Potenzial schlummert. Bei uns Rigel-Geborenen sind sie natürlich entstanden. Bei dir muss es der Übertritt durch das Dimensionstor gewesen sein, der deine latenten Fähigkeiten geweckt hat. Nur so kann ich mir erklären, warum wir beide – und natürlich Roy und Flynn – diese Sonne in ihrer grünen Erscheinungsform wahrnehmen können. Es sind unsere PSI-Fähigkeiten, die in unserem Gehirn das Bild einer grünen Sonne erzeugen, nicht unsere Augen.« Naya wandte sich zu Freitag um. »Du kannst beruhigt sein, Roboter: Mit unseren Augen ist alles in Ordnung.«
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