Aber Bérénices linke Wange brannte. Jemand musste ihr eine Ohrfeige verpasst haben, wie sie selbst kurz zuvor Naya. Als die Agentin ihre unmittelbare Umgebung wieder bewusst wahrnahm, sah sie Laurent Girard vor sich stehen, die Augen voller Angst und Scham.
»Es tut mir leid, Madame. Ich wollte Sie nicht …«
»Schon gut, Laurent. Du musst nicht wieder in das formelle Sie zurückfallen. Ich brauche hier im Nexus jeden Freund, den ich finden kann. Aber vielleicht hättest du mich noch ein paar Sekunden … vergiss es! Du konntest nicht wissen, was mit mir ist. Aber tu das nie wieder! Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, käme es noch einmal vor.« Sie bekam mit, wie sein Blick unwillkürlich zu dem Griff ihres Katanas ging, welches sie in einer Schwertscheide auf dem Rücken trug.
Sie gönnte weder ihm noch den anderen eine Erklärung für ihr kurzfristiges Weggetretensein, sondern trat ganz dicht an Naya heran, umfasste mit beiden Händen deren Gesicht und drückte ihr einen langen Kuss auf den Mund.
Als Naya sie daraufhin mit großen Augen ansah, wagte Bérénice die Frage, die ihr die Vision beinahe beantwortet hätte: »Ich sah Menschen sterben, Liebes. Eine unserer Flotten wurde … wird … vernichtet werden. Von Slide-Wesen. Welche Waffen haben die lebenden Raumschiffe an Bord? Was steht ihnen, und vielleicht bald uns, zur Verfügung?«
Naya sah in diesem Moment wie ein weibliches Spiegelbild Laurents aus: entsetzt, kreidebleich, die Augen voller Furcht. Sie atmete tief ein und Bérénice ließ die Hände sinken, die sie immer noch an die Wangen ihrer Geliebten geschmiegt hatte.
»Die MOBY DICK verfügt über keine Waffen, Nice«, kam es leise von der Rigelianerin.
»Bitte?« Es war alles, was die schwarze Agentin hervorbrachte. Dann richtete sich ihr Blick in die Ferne … und wurde eiskalt.
»Wir …«, fing Girard an und stockte. »Wir sind in einer fremden Dimension, umgeben von wer weiß wie vielen Milliarden hypnotisch begabter Hydren, die dazu bis unter die Schuppen mit Rachegelüsten erfüllt sind … und besitzen keine raumtauglichen Waffen?«
»So ist es«, antwortete Naya. »Dieses Schiff – und wir entnehmen seinen Botschaften, dass dies auf alle Slide-Schiffe zutrifft – ist waffenlos.«
Es war beklemmend still in der Zentrale der MOBY DICK. Jeder hing seinen Gedanken nach. Den Rigelianern war anzusehen, wie sehr sie sich bemühten, tiefere Einblicke in das Wesen zu erlangen, in dessen trügerischer Obhut sie sich alle befanden.
Bérénice hatte sich nur kurz mit Arliss besprochen und sich versichern lassen, dass deren Truppen die Gorillas im Bauch des Slide-Schiffes ständig im Auge behielten und sich sofort melden würden, käme es wieder zu einem Aufstand. Doch die Affenähnlichen hegten offensichtlich keinen Drang nach Rebellion. Arliss hatte sich dennoch aus der Zentrale begeben, um mit ihren einzelnen Unterführern vor Ort sprechen zu können. Eine schwer bewaffnete Eskorte von 20 Mazzar begleitete sie.
Bozadd und Kefann verharrten dicht hinter Naya, Roy und Flynn. Der Pilot im hoffnungslosen Bestreben, die Verbindung zwischen den Empathen und dem Schiff verstehen zu wollen. Die Ärztin in berechtigter Sorge, was mit den drei Menschen physiologisch geschah. Den psychologischen, besonders den para psychologischen Verhältnissen und Gefahren, denen die drei Rigelianer unentwegt ausgesetzt waren, konnte sie nicht nachspüren.
Immer wieder hatten alle Mazzar, mit denen Bérénice Savoy Kontakt pflegte, ihrer Verwunderung Ausdruck verliehen, dass die Menschheit mit relativ vielen Mutanten gesegnet war. Im gesamten Reich Mazzar gab es kein einziges parapsychisch begabtes Lebewesen. Die Vorstellung, dass dies im Nexus genau umgekehrt war – dass alle Hydren, Slide-Wesen, selbst die Gorillas zumindest empathisch begabt waren , traf die Krötenabkömmlinge offensichtlich tiefer, als die zumindest äußerlich ruhig wirkende Agentin ahnen konnte.
Blieben also nur noch Laurent und sie, die im Augenblick zu verbalem Austausch bereit waren.
Der drahtige Trooper hatte sich zuvor für ein paar Stunden in seine Kabine zurückgezogen und kam nun mit langsamen Schritten wieder zu Bérénice, setzte sich zu ihr auf den Boden und sah nur kurz auf die Ansammlung der Bildschirme.
»Irgendetwas Neues?«
»Nein. Die MOBY DICK fliegt in so gemächlichem Tempo auf ihre Artgenossen zu, dass es nach meiner Schätzung noch mindestens eine halbe Stunde dauern wird, bis wir sie erreichen werden.«
»Bei unveränderter Geschwindigkeit: 37,5 Minuten«, kam es von Freitag, der nach diesem Einwurf wieder verstummte und sich weiterhin mit Messungen beschäftigte.
»Was tun wir, wenn wir angegriffen werden?«
Die Agentin hatte sich Laurents Frage schon selbst die ganze Zeit gestellt gehabt und die für sie einzig logische Antwort längst gefunden. Also zuckte sie mit den Schultern. »Wir fliehen, was sonst?« Bérénices Gesicht war anzusehen, dass sie momentan keine andere Lösung sah. »Und hoffen, dass wir den Angreifern entkommen können.«
»Warum fliegt die MOBY DICK so langsam? Vorhin hatten die Rigelianer behauptet, das Slide-Schiff bereite sich auf seinen Tod vor.«
Wieder zuckte die Agentin mit den Schultern. Dieses Mal aber in der Anmutung eigener Ratlosigkeit. »Wenn es wirklich sterben will … was könnten wir dagegen unternehmen? Nichts.« Etwas umständlich erhob sie sich und ging ein paar Schritte, wohl um ihre Gelenke und Muskeln wieder zu aktivieren. Laurent stand ebenfalls auf und besah sich die Zentrale in einer Weise, als sähe er sie zum ersten Mal.
»Es lässt sich Zeit, seine 23 Artgenossen auf uns vorzubereiten«, beantwortete er seine eigene Frage mit für Bérénice erstaunlicher Einfühlsamkeit.
»Wie kommst du darauf?« Der offenbar plötzliche Wandel seiner Haltung zu allem in dieser Dimension überraschte sie wirklich.
Nun war er es, der mit den Schultern zuckte. »Es tut mir leid, Bérénice. Ich meine, meinen Ausraster von vorhin. Ich hatte in meiner Kabine Zeit, um über alles nachzudenken. Wir werden ganz sicher sterben, wenn wir uns nicht auf völlig neue Situationen einlassen und …«
»Wir sind da«, vermeldete der BEHEMOTH knapp und lenkte ihre Aufmerksamkeit dadurch wieder auf das Geschehen außerhalb des Slide-Schiffes. Bérénice fuhr nur für einen Wimpernschlag die Überraschung durch die Glieder, dass die avisierten 37,5 Minuten schon vergangen sein sollten, sagte aber nichts dazu, da auch der Roboter stumm blieb.
Ich scheine mein Zeitgefühl zu verlieren, dachte sie und lag auch mit dieser Einschätzung falsch.
Die MOBY DICK hatte sich in die Mitte des Pulks begeben, den seine Artgenossen in lockerer Formation im All einnahmen. Da die Lebendschiffe keine äußerlichen Beleuchtungssysteme zu haben schienen und auch keine Sonne in der Nähe war, sahen die fünf Menschen und die beiden Mazzar in der Zentrale nur Schwärze auf den Monitoren. Die elektronischen Pendants der Schiffe waren lediglich kleine Markierungen auf schwarzem Grund.
»Und jetzt?« Laurent sah zu den Rigelianern, die ein wenig von ihrer verkrampften Haltung abgelegt hatten und Anzeichen von Erleichterung erkennen ließen.
Naya wandte ihre Augen zu Bérénice und schaffte es, ein zaghaftes Lächeln aufzusetzen. »Ich komme wieder zu dir«, sagte sie und drückte mit ihren mittleren Fingern der rechten Hand auf die Stelle des Geflechts, unter dem sich ihr Herz befand. Wie von Zauberhand öffnete sich das geschmeidige Netzkleid, als hätte ein Schneider einen unsichtbaren Reißverschluss darin eingearbeitet und Naya trat aus ihm heraus, als wäre es die einfachste Sache der Welt.
»Ihr macht wohl Fortschritte, Liebes.« Bérénice schloss ihre Freundin aufatmend in die Arme.
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