»Ja«, kam es leise von der Rothaarigen zurück. »Die Bildschirme sind okay. Es gibt einfach nur wenig zu sehen.« Dann verstummte sie wieder und schien ganz in ihren Versuchen gefangen zu sein, mithilfe ihrer Clanmitglieder mehr aus dem zu erfahren, was das still vor sich hintreibende Lebewesen umgab.
»Ich kann ein paar erste Aussagen bezüglich der physikalischen Verhältnisse in dieser Dimension abgeben.« Freitag hatte sich keinen Millimeter bewegt, sah auch niemanden direkt an, sondern nahm seinem Gebaren nach weiterhin Messungen vor. Seine beiden vorderen und wie immer rot glühenden Augen blieben auf den provisorischen Frontbildschirm gerichtet. Sein einziges Heckauge sah zu seiner Schutzbefohlenen. »Es gibt sehr wohl Sterne in dieser Dimension, beziehungsweise einer ihrer Galaxien, in der wir uns im Augenblick befinden, Agent Savoy. Meinen Messungen zufolge besitzt die von Ihnen als Nexus bezeichnete Dimension deutlich mehr dunkle Materie, als der Einsteinraum. Wenn ich eine vorsichtige Schätzung abgeben darf, würde ich hier einen Faktor von 2,3 bis 3 – möglicherweise sogar noch mehr – kalkulieren. Deswegen sind die vorhandenen Sterne nur schwach zu erkennen oder einfach zu weit entfernt.«
»Du schätzt ?«, fragte Laurent Girard und gab damit zum ersten Mal etwas von sich.
»Bitte vergessen Sie nicht, Trooper Girard, dass ich ein Kampfroboter bin und kein HAWKING-Modell. Überhaupt sind meine Messungen und Aussagen nur möglich, weil der verstorbene Major Palmwood und Agent Savoy dafür gesorgt haben, dass ich auf der TSS LEONIDAS mit diversen Erweiterungen ausgestattet wurde. Äußerlich sehen Sie dies beispielsweise nur an meinen Individual-Markierungen in Gold und …«
»Schon gut, Blechschädel«, stoppte Bérénice den Redefluss des Roboters. »Spar dir das für später auf.«
»Okay«, kam es von Bozadd. Niemand wunderte sich, dass der Mazzar ein typisch menschliches Wort benutzt hatte. »Der Nexus besitzt also mehr dunkle Materie als der Einsteinraum …«
»Augenblick bitte«, unterbrach Bérénice den Piloten und wandte sich an Naya. »Hattest du nicht einmal behauptet, die Partikeldichte im Nexus sei geringer als in unserem Einsteinraum?«
Die Rigelianerin dachte eine Sekunde nach und nickte dann langsam. »Ja … so zumindest mein damaliger Eindruck der Bilder, die ich von der MOBY DICK empfing. Vielleicht hatte sie aber den unmittelbaren Bereich um ihren Heimatplaneten gemeint. Verzeih, Nice. Es kann auch sein, dass ich die damaligen Szenen falsch oder unvollständig interpretiert habe.«
Bérénice nahm die Erklärung ohne Kommentar an, dachte aber daran, mit welchen Äußerungen sich ihre Freundin noch getäuscht haben mochte. Ein ungutes Gefühl in ihrem Magen schien sich dort festgesetzt zu haben … und mahnte sie, mit mehr Misstrauen jede neue Information zu beleuchten.
»Hat das Einfluss auf interstellare Flüge?«, fragte sie ihren metallenen Bodyguard.
»Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen«, kam es von dem Roboter trocken zurück. »Wenn ich aber an die Tatsache erinnern darf, dass dieses Lebewesen hier und seine Artgenossen darin offenbar problemlos agieren können …«
»Wir haben noch die MATA HARI an Bord «, unterbrach ihn der Mazzar-Pilot. »Was meinst du zu Flügen mit ihr in diesem … dichteren Universum?«
»Sie wissen, dass die MATA HARI kein von Menschen erbautes Fahrzeug ist, sondern ein mazzarisches. Daher sollten Sie dessen Möglichkeiten besser kennen als wir.«
Bérénice musste unweigerlich grinsen. Freitags wir zeigte an, dass er sich zur Menschheit rechnete; natürlich nicht als Lebewesen. In ihren Ohren klang es aber danach.
Die MATA HARI war ein kleines Zwei-Mann-Scoutschiff, ein Modell des mazzarischen Geheimdienstes, das Bérénice einst von feindlich gesinnten Krötenabkömmlingen erobert hatte und nun meistens Bozadd und Kefann überließ, es aber selbst eigenständig bedienen konnte. Dass Bozadd überhaupt den Roboter danach gefragt hatte, bedeutete für die Agentin lediglich, dass sich alle Mazzar an Bord bewusst waren, dass dieses Vehikel gründlich, sehr gründlich, vom Terranischen Geheimdienst untersucht worden sein musste . Ob allerdings Erkenntnisse daraus in die Erweiterungen Freitags eingeflossen waren, konnte niemand von ihnen wissen.
Bozadd vermutet es aber. Und hat auf eine Aussage gehofft, die dies bestätigt.
»Welche Unterschiede zum Einsteinraum hast du noch zu bieten?«, fragte sie, um den Roboter wieder auf das aktuelle Thema zu bringen.
»Die elektromagnetische Strahlung des Nexus weicht erheblich von der des Einsteinraums ab«, kam es mit merklich weniger Worten von Freitag.
»Inwiefern?« Kefanns Krötengesicht war deutlich Misstrauen anzusehen. »Kann sie uns gefährlich werden?«
»Ich bin auch kein AESCULAP-Modell …«, begann der Roboter mit fast indignierter Stimme.
»Freitag!«
»… kann also keine detaillierten Aussagen zu Auswirkungen auf lebende Körper treffen«, ignorierte er Bérénices Mahnversuch und fuhr ungerührt fort. »Dennoch darf ich Sie alle beruhigen: Es besteht keine Gefahr.«
»Weshalb? Strahlung ist immer ein Punkt, dem man im Weltall Rechnung tragen sollte«, resümierte Kefann.
»Sie stellt keine Gefahr dar.« Freitag schien seltsamerweise ausgerechnet jetzt nicht gewillt zu sein, seine Behauptung in erschöpfender Weise darzulegen.
»Nun lass dir doch nicht jedes Wort aus deiner Blechnase ziehen, Freitag.«
»Meine psychologischen Analysefähigkeiten sind äußerst begrenzt, Agent Savoy. Sie existieren nur in einem rudimentären Maße, wie sie für Handlungen im Kampf sinnvoll sind. Ich habe dennoch mehrfach registriert, dass Ihnen nicht an ausführlichen Antworten gelegen ist. Daher habe ich mich vor 1,54 Minuten entschlossen, nur noch kompakte Äußerungen abzugeben. Es erhöht zudem die Effektivität. Zeit ist auch im Kampf ein wertvoller Faktor.«
Bérénice war versucht, laut aufzulachen, konnte sich aber noch rechtzeitig beherrschen. »Was ist nun mit der elektromagnetischen Strahlung?«
»Es ist keine da, Agent Savoy.«
»Wie bitte?«, entfuhr es Laurent Girard. »Das verstehe ich nicht.«
»Es existiert keine Strahlung, welche von den Menschen als kosmische Hintergrundstrahlung bezeichnet wird.«
»Unmöglich«, entfuhr es Laurent.
»Offenbar doch, Trooper Girard.« Der Roboter hatte sich immer noch keinen Millimeter bewegt und wirkte auf Bérénice wie ein störrisches Kind, das auf seine Ansicht pochte. »Die Daten beweisen es. Und erklären – zumindest zum Teil – warum die Slide-Wesen im freien Weltraum überleben können«, schob Freitag nach.
»Was für ein seltsames Universum.« Bérénice Savoy trat ein paar Schritte näher an die fast schwarzen Monitore heran und musterte sie mit nachdenklichem Ausdruck.
»Dunkel … und still.«
Das Raumschiff mit der menschlichen Bezeichnung MOBY DICK sendete seit ihrer Ankunft im Nexus – ob nun bewusst oder unbewusst Emotionen aus, die mittlerweile selbst die Nicht-Empathen an Bord erreichten. Wellen widersprüchlicher Gefühle überrollten Menschen, Mazzar und Gorillas. Nur Freitag blieb davon naturgemäß verschont. Es dauerte eine Weile, bis Bérénice verstand, was das Wesen so stark fühlen ließ und rechnete ihre erst kurze Zeit zurückliegende Empfindung der gleichen Ursache zu.
Es freut sich, in seine Heimatdimension zurückgekehrt zu sein. Gleichzeitig scheint es die Befürchtung zu hegen, wieder unter das Joch der Hydren geraten zu können. Die schwarze Agentin mahlte mit ihren Kieferknochen. Ich werde das nicht zulassen! Wenn wir den Hydren diese Schiffe abspenstig machen, sie vielleicht zu einer Rebellion bewegen könnten … die Gorillas ebenso … dann nähmen wir den Hydren die Möglichkeit, unsere Dimension heimzusuchen. Sie hatte diese eher unwahrscheinlichen Pläne kaum gedacht, als ihr die knallharte Konsequenz klar wurde: Es würde nichts daran ändern, dass unsere Ultraraumschocks hier im Nexus unendliches Unheil anrichten.
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