Und dann waren sie gekommen: die Hüpfer. Mental völlig stumm und genau deswegen eine überraschende Begegnung für das monströse Wesen, das zeit seines Lebens nur via Gedanken und Emotionen kommunizierte und Befehle seiner Herren und Meister hatte befolgen müssen. Natürlich war es schon vorher Schiffen der Hüpfer begegnet und hatte aus der Distanz verfolgt, wie sich Angehörige seiner Art geopfert hatten, um diese und ihre Besatzungen zu vernichten. Die Todesschreie seiner Artgenossen hallten noch immer in seinem Gedächtnis nach. Die grauenvollen Qualen hatten es damals ebenso gemartert, wie die scheinbar unausweichliche Aussicht, das nächste Opfer des Krieges zu werden.
Doch die Hüpfer hatten es auf die Eiswelt zurückgebracht und dann behutsam zu untersuchen begonnen. Fast mitleidig hatte das Lebewesen die fruchtlosen Versuche über sich ergehen lassen und seinen Paraschirm aufrechterhalten … bis eine weitere Spezies in seine Nähe gelangt war.
Zwar Zweibeiner wie die Hüpfer, aber von völlig anderer Gestalt: schlanker, immer aufrecht gehend und mit deutlich weniger Masse. Es hatte damals beschlossen, diese neue Spezies als Geher zu bezeichnen, denn deren zwei Füße waren fast lachhaft dünn gegen die massiven Extremitäten der Stampfer. Und noch einen Unterschied gab es zu den Hüpfern: Die Geher konnten mit ihm kommunizieren … zumindest eines dieser Wesen. Es hatte eine fast weiße Haut und rote Fäden auf seinem Haupt, während ein anderes Exemplar dieser Spezies eine nachtschwarze Haut besaß und ebensolche Fäden auf seinem Schädel.
Und dann war etwas geschehen, mit dem das Slide-Wesen nicht mehr gerechnet hatte: Es hatte Hoffnung geschöpft. Die Hoffnung, doch ein neues Leben führen zu können. Und eine Freiheit zu erlangen, die es nie hatte genießen dürfen …
Auf dem Flug in den Nexus
Bérénice Savoy stand in der Zentrale der MOBY DICK und starrte zusammen mit ihren Begleitern auf die zu einer großen Fläche zusammengeschalteten Monitore. Die Bildschirme zeigten sich ständig verändernde Wellen in allen Varianten von Grau, Anthrazit und Schwarz, so als wollten sie die dunklen Gedanken widerspiegeln, welche die Agentin im Augenblick beschäftigten. Es war totenstill an Bord des lebenden Raumschiffes. Alle in der Zentrale waren gefangen von dem, was die Außenkameras übertrugen: Mäandernde Ströme zogen in zähen Schlieren durch ein Medium, das noch nie ein Mensch zuvor auf diese Weise gesehen hatte. In der athletischen Frau tauchten längst vergessen geglaubte Bilder eines finsteren Sumpfes auf, den sie einmal bei einem Einsatz – damals noch als einfache Spacetrooperin – mit fast physisch spürbarer Beklemmung durchwatet hatte. Die gleiche Beklemmung stahl sich nun wie eine befreite Gefangene aus den Tiefen ihres Herzens nach oben und zog sie von Sekunde zu Sekunde immer mehr in ihren Bann. Die quälend langsamen Bewegungen dieses kosmischen Sumpfes standen im krassen Widerspruch zu der Geschwindigkeit, die sie beim Eintritt in das Dimensionstor auf dem Planeten Eternity erreicht gehabt hatten.
Dieses Slide-Schiff gleitet durch die Dimensionen wie eine Riesen-Anakonda durch schlüpfrigen Morast. Offensichtlich braucht es seine Zeit, um auf diese Weise vom Einsteinraum in den Nexus zu gelangen. Wir springen mit brachialer Kraft und einem gewaltigen Schock durch den Ultraraum. Sie jedoch die Hydren mittels solcher Lebendschiffe nicht! Das ist der wahre Grund, warum keiner unserer Sensoren sie anpeilen kann. Und wenn sie ihren parapsychischen Schutzschirm aktiviert haben, auch kein Bioscanner oder Mutant. Ein Schatten huschte über Bérénices Gesicht, im kläglichen Versuch, sie noch schwärzer wirken zu lassen. Wenn wir diesen Höllenflug endlich hinter uns gebracht haben … wie werden die Hydren auf eines ihrer Schiffe reagieren, das nun von Menschen und Mazzar befehligt wird?
Mit erheblicher Anstrengung löste sich die Haitianerin von den wenig erbaulichen Bildern und Gefühlen und musterte zum tausendsten Mal den Raum, den sie Zentrale getauft hatten. Das Lebendraumschiff aus der fremden Dimension verfügte über keinen eigenen Frontbildschirm, wie ihn jedes von Menschen, Mazzar, Givvianern oder anderen Völkern der Milchstraße erbaute Raumschiff besaß. Das Konstrukt, auf das Bérénice blickte, war ein Puzzle aus mazzarischen Geräten, welche die Techniker auf dem Planeten Crystal zu erstaunlicher Funktionalität zusammengefügt hatten. Ohne besonderen Anlass musste Bérénice an die Trutt denken. Ob diese an Bord ihrer geheimnisvollen Schiffe über eine ähnliche Einrichtung verfügten, wusste bislang niemand. Und im Augenblick war das auch nicht wichtig.
Wir werden in dieser fremden Galaxis allein sein … umgeben von Feinden. Und die angestrebte Sternenansammlung lag nicht einmal im Einsteinraum, sondern in der Dimension, aus der die Hydren stammten: dem Nexus. Das Schiff fliegt … gleitet in seine Heimat. Wir in völlig unbekanntes Terrain.
Trotz besseren Wissens wartete Bérénice unwillkürlich auf den einsetzenden Schmerz, der in der Milchstraße leidiger Bestandteil eines jeden Ultraraumsprunges war. Generationen von Besatzungen waren von ihm gequält worden. Und wurden es noch. Oft genug blieb eine Mannschaft auch eine Zeit lang ausgeschaltet. Gleichzeitig machte so ein Ultraraumschock ein springendes und wieder in den Einsteinraum einfallendes Raumschiff für alle anderen aufmerksamen Schiffbesatzungen im gleichen Raum-sektor anpeilbar ... sowohl für Freund als auch für Feind.
Die Überwindung der Sprungmauer quälte nicht nur uns jedes Mal, dachte die athletisch-schlanke Raumfahrerin . Sie hat den Krieg mit den Mazzar in eine fürchterliche Länge gezogen. Und laut dieses Slide-Wesens auch im Nexus Spuren hinterlassen: vernichtete Schiffe, Stationen und offenbar ganze Welten der Hydren. In einer für uns unbekannten Zahl. Wir ahnten nicht einmal, was wir mit unseren Sprüngen anrichteten … und immer noch tun. Kein Wunder, dass sie in den Einsteinraum einbrechen und sich jedes Raumschiff vorknöpfen, das ihnen vor ihre Waffen kommt.
Bérénice ergriff plötzlich eine seltsame Anwandlung. Für einen Moment kam es ihr vor, als würde sie ein leises Raunen hören … und das Slide-Schiff mehr als nur mit ihren Füßen fühlen. Verwirrt blickte sie um sich. Aber niemand schien ihre Empfindung zu teilen. Da alles ruhig blieb und sie momentan zur Tatenlosigkeit verurteilt war, musterte sie nacheinander ihre Besatzungsmitglieder.
Ihre Freundin Naya stand an den biologischen Kontakten und war – wie ihr Bruder Flynn und ihr Cousin Roy – dicht in das verfilzte Geflecht eingebettet, welches alle drei mit der MOBY DICK verband und ihnen somit eine Steuerung des lebenden Raumschiffes ermöglichte. Die parapsychischen Fähigkeiten der Rigelianer schien das Slide-Schiff immer besser zu akzeptieren. Ob die Mitglieder des Rigel-Clans 49 wirklich die Kontrolle über das Schiff hatten oder bald erlangen würden, war eine weitere Sorge der Agentin.
Die führenden Mazzar, Beraterin Arliss, die Ärztin Kefann und der momentan unfreiwillig untätige Pilot Bozadd, hielten sich im Hintergrund und hockten wie in Winterstarre gefallene Tiere bewegungslos auf dem Boden . Dennoch schimmerte in ihren großen Augen allerhöchstes Interesse. Allem Anschein nach waren auch die Krötenabkömmlinge mehr als hingerissen von dem, was dieses Lebewesen zu leisten vermochte. Bérénice konnte förmlich sehen, wie in deren Augen Spekulationen aufblitzten, was man erreichen könnte, gelänge es, das die Dimensionen überwindende Gleiten eines Slide-Wesens auf ein mazzarisches oder terranisches Raumschiff zu übertragen.
Der einzige Mensch, der wie sie nicht in das Geflecht des Slide-Schiffes eingebettet war, war ihr ehemaliger Trooperkamerad Laurent Girard. Der Franco-Kanadier stand ein paar Schritte hinter ihr, so als wolle er ihr den Rücken decken. Sein Misstrauen gegen das Kontingent der Gorillas, das von fast doppelt so vielen Mazzar in den Tiefen des Lebendschiffes bewacht wurde, war ihm immer noch anzusehen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sie alle aus einer offenen Schleuse ins All geworfen, obwohl sie sich seit ihrem letzten Aufstand äußerst ruhig verhielten. Offenbar hatte ihr Anführer Caesar endlich begriffen, dass Bérénice alles tat, um die Affenähnlichen in ihre Heimatdimension zu bringen. Und ihnen dort die Freiheit zu geben.
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