Letzteres dürfte am raschesten vonstattengehen , freute sich die schlanke Frau und nickte einigen Wachsoldaten zu, welche die Zugänge absicherten und vor ihr respektvoll salutierten. Die Militärstrategen beharren aber auf einer Beibehaltung der Munitionsproduktion. Sie trauen den Mazzar nicht. Und ich? Bin gespannt, was der Geheimdienst dazu zu sagen hat.
Sie bog mit ihrer Eskorte um eine Ecke und hielt vor einer Panzertür an, welche von stationseigenen menschlichen und robotischen Wachen und einem Sergeanten gesichert wurde. Carpenter wusste, dass diese Tür – sowie die komplette Wandung des Konferenzraums, samt Boden und Decke auch eine abhörsichere Hülle besaß, die aus mehreren Schichten ultrageheimen Materials und diversen Schutzschirmen bestand. Dennoch nickte sie dem Sergeant stumm zu, als ein Soldat aus ihrer eigenen Begleitung ein Messgerät hob, damit die Panzertür prüfte, danach in den Vorraum trat, dort erneut die Anzeigen des Messgerätes beobachtete, und nach Öffnen der eigentlichen Eingangstür zum Konferenzraum, in dessen Mitte schritt, um dort nochmalige Messungen vorzunehmen. Erst als er sich umdrehte, ihr bestätigend zunickte und sich mit den anderen Soldaten ihres Kampfraumschiffes zurückzog, ging Diana Carpenter selbst in den Raum. Sie wartete das Schließen der beiden massiven Türen und das Aufleuchten der Verriegelungsanzeige ab, bevor sie ihre Stimme erhob.
»Schön, dich nach so langer Zeit endlich wiederzusehen, Amélie«, begrüßte sie ihre Freundin.
Die hatte sich aus ihrem Sitz erhoben, war die paar Schritte zu ihr gegangen und hatte sie kurz, aber herzlich umarmt, dabei auf beide Wangen geküsst. »Ist es nicht immer viel zu lange, DC? Und leider sind die Anlässe, zu denen wir uns begegnen, nicht von der Art, wie ich es mir wünschen würde, ma chère.« Sie beugte sich ein wenig zurück, ohne die Hände von denen Carpenters zu nehmen, und sah sie prüfend an. »Graue Strähnchen? Ist das jetzt Mode bei den Militärs? Oder habe ich da einen Trend Terras verpasst?«
Diana Carpenter lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, dass du die Letzte wärst, AC, die etwas nicht mitbekommen könnte. Nein, die Strähnen sind ein Zeichen des Alters, meine Liebe.«
»Quatsch, du bist gerade mal 45 Jahre alt. Warum nutzt du nicht einen Melanin-Fixierer?«
»Ich will weder meiner Mannschaft, noch meinem Spiegelbild vortäuschen, dass ich unsterblich sein könnte. Du weißt, wie schnell man im All sterben kann. Aber du siehst wie immer fabelhaft aus. Ist das noch keinem Mann aufgefallen?«
Amélie Colbert lachte mit hellem und unglaublichem Timbre: »Mehreren, meine Liebe, mehreren! Ich gönne mir manchmal einen Mann, wenn ich Zeit dazu habe.« Dann drehte sie sich herum und deutete auf die einzige männliche Person im Raum, der locker über hundert Menschen Platz geboten hätte. »Du erinnerst dich an Admiral van der Moiren?«
»Natürlich«, sagte die blonde Frau und nahm die ausgestreckte Hand des Mannes entgegen, der aufgestanden und zu ihnen geschritten war. »Guten Morgen, Titus«, begrüßte sie ihn. »Also war es deine TSS EASTWOOD, die meinem Schiff seinen Stammplatz auf der Basis weggeschnappt hat.«
Van der Moiren lächelte entschuldigend. »Guten Morgen, Diana. Wer nicht kommt zur rechten Zeit …? Was hat dich aufgehalten?«
Diana Carpenter wollte antworten, wurde aber von ihrer Freundin Amélie Colbert mit einem vielsagenden Nicken auf die letzte Person im Raum aufmerksam gemacht. Deren rötlich schimmerndes Haar und deutliche Ähnlichkeiten im Gesicht, ließen die blonde Frau sofort an eine Verwandte Nayas denken, die sie bei Treffen mit Bérénice Savoy kennengelernt hatte.
Van der Moiren sah, warum sie seine Fragen nicht beantwortete, und wies höflich mit einer Hand auf die ältere, aber Würde und Macht ausstrahlende Frau, die ruhig in einem der wuchtigen Sessel mehr thronte, als saß. »Darf ich dir das Oberhaupt des Rigel-Clans 49 vorstellen? Lady …«
»Nicht nötig, Titus«, wehrte Carpenter ab und ging auf die Frau zu, die sich mit einer überraschend fließenden Bewegung erhob. »Ich glaube, ich weiß, wer Sie sind, Madam«, sagte Diana Carpenter und schüttelte die Hand der Rigelianerin. »Ich durfte Ihre Tochter Naya kennenlernen. Sie ist Ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten … Lady Enya O´Connell.«
»Oh, bitte: Weder Lady noch Madam, meine Liebe. Einfach nur Enya. Es erfreut mein altes Herz, wenigstens zwei Freundinnen Nayas treffen zu dürfen. Leider sind sowohl Naya als auch Agent Bérénice Savoy für uns unerreichbar. Aber ich habe Nachrichten …«
Plötzlich verkrampfte sich Carpenters Hand in der der Rigelianerin. »Im Ernst? Ich hoffe, nur gute.«
»Aber bitte«, unterbrach Titus van der Moiren. »Setzen wir uns doch erst mal alle hin.« Er winkte dem wartenden Roboter zu, der unauffällig in einem Alkoven gewartet hatte, nun einen Schritt herausgetreten war und stumm auf ihre Wünsche wartete.
»Eine Erfrischung? Irischen Whiskey?« Van der Moiren zeigte damit, dass er über die Vorlieben seiner Gesprächspartnerinnen Bescheid wusste.
»Nein. Ein Glas rigelianischen Rotweins?«
Enya lächelte aufgrund von Carpenters Wunsch und sprach in den Raum, ohne den Service-Roboter anzusehen. »Für mich auch, wenn möglich.«
»Das ist eine voll ausgerüstete Front-Basis, meine Damen«, schmunzelte van der Moiren: »Wir haben alles!«
Carpenter grinste. »Das behaupten meine Leute auch ständig. Aber es stimmt schon: Ein Flaggschiff … und so eine Station, haben schon mehr zu bieten, als andere Habitate.« Sie sah, dass an der Stelle, an der Amélie Colbert saß, schon ein Glas mit einer goldenen Flüssigkeit stand und am Platz van der Moirens eine große Tasse, aus der es immer noch dampfte.
Der sah ihren Blick. »Man kann sagen, was man will: Die LAKAIS verstehen es, einen heißen und vor allem: hervorragenden Cappuccino zu servieren. Als hätte ihn Luigi selbst gemacht.«
»Dafür kommt dieses Zeug nicht annähernd an echten irischen Whiskey heran«, ergänzte die schwarzhaarige Agentin. »Aber was will man von einem synthetischen und alkoholfreien Stoff schon erwarten?«
Die drei Frauen und der Mann warteten ab, bis der LAKAI alle Wünsche erfüllt, sich wieder in seinen Alkoven zurückgezogen und jeder einen Schluck seines Getränkes zu sich genommen hatte.
»Mit welchem Thema möchten Sie beginnen, meine Damen?« Van der Moiren kannte wie Carpenter nur die militärischen Punkte, die sie besprechen wollten. Was aber Amélie Colbert, beziehungsweise der Terranische Geheimdienst bereit war, ihnen hier mitzuteilen, schien ihn mit nicht wenig Neugier zu erfüllen. Und erst recht Enyas Andeutung, Nachrichten von Bérénice Savoy zu besitzen.
Amélie Colbert lächelte geheimnisvoll. »Obwohl wir uns hier sozusagen in familiärer Runde befinden, ist es nicht die Art des Terranischen Geheimdienstes, als Erster seine Informationen preiszugeben. Außerdem verlangen mein Gewissen und meine Freundschaft zu Bérénice dringend nach Neuigkeiten über sie. Ich glaube, DC geht es nicht anders.« Colbert neigte respektvoll ihren Kopf zur Chefin des 49er Rigel-Clans. »Wenn ich also Enya bitten dürfte, unsere Sorgen um Nice zu mildern …«
Aufgrund der entspannten Haltung der Rigelianerin, die auch den anderen aufgefallen war, erwartete die Agentin keine Hiobs-Botschaften.
Enya ließ sich nicht lange bitten, nahm einen weiteren winzigen Schluck aus ihrem Glas und sah dann allen kurz in die Augen. »Die HIBERNIA, eines unserer Clan-Schiffe, ist vor einer Woche nach Hope zurückgekehrt. Deren Erster Offizier teilte mir mit, dass alle, auch Ihre Agentin Bérénice Savoy wohlauf seien …«
»Wann genau trennte sich die HIBERNIA von Nice?«, fragte Diana Carpenter.
»Am 27. Juli dieses Jahres … also vor etwa vier Wochen.«
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