Müssten ja eigentlich gleich Nachrichten kommen, mal sehen wie das Wetter wird.
Bruno erhebt sich, räumt den Tisch ab und stellt das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine. Lucie hat sich inzwischen auf ihre Decke im Flur zurückgezogen. Das Kauen war wohl doch anstrengend.
…eine unbekannte Leiche im Tegeler Fließ… wie die Polizei gestern Abend auf Anfrage mitteilte, handelt es sich um eine ca. fünfzigjährige Frau, die bisher nicht identifiziert werden konnte… über die Todesursache wurden keine Mitteilungen gemacht. Das Wetter…
Mist, jetzt habe ich gar nicht richtig hingehört. Früher waren die Nachrichten auch ausführlicher und nicht nur zwei Minuten, inklusive Wetterbericht und Aufzählung von mindestens 13 Blitzern. Tote im Tegeler Fließ, gestern Abend? Mensch, da war ich ja gar nicht weit weg! In der Zeitung stand nichts davon, zumindest nicht im trockenen Teil…
Bruno öffnet den Mülleimer für Papier und holt die zusammengeknüllten, nassen Seiten heraus. Auf dem Küchentisch versucht er sie soweit wieder zu glätten, dass er etwas entziffern kann.
Scheiße, reißt natürlich ein. Muss ich auch noch puzzeln. Immerhin scheint es sich um den Lokalteil zu handeln. Den habe ich gar nicht vermisst. Hier steht etwas, fünf Zeilen… Unbekannte Frauenleiche im Tegeler Fließ gefunden, Todesursache kann wohl erst durch gerichtsmedizinische Untersuchung festgestellt werden…
Bruno setzt sich hin und überlegt. Jetzt fällt ihm auch der ganze gestrige Abend wieder ein. Die Sechserbrücke, der Sturz durch den hektischen Passanten namens Lutz Strehlow, sein Knie.
Siehst du, nur weil das Knie nicht mehr schmerzt, habe ich den Vorfall gar nicht mehr auf der Pfanne. Dabei sollte ich froh sein, dass es nicht mehr wehtut…
Er geht hinüber ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher ein. Nach fünf Minuten Rumzippen schaltet er ihn wieder aus. Jede Menge Leichen aber keine Frauenleiche aus Tegel. Bruno beschließt erst einmal zu duschen, dann könnte er ja nochmal die 11:00 Uhr Nachrichten verfolgen, vielleicht wissen die da schon mehr. Oder auch noch einen Blick in die anderen Zeitungen werfen.
Also die Nachrichten sind die gleichen wie die um 10:00 Uhr, Bruno ist enttäuscht. Er schnappt sich die Leine und Lucie ist völlig überrascht, hat nicht so schnell damit gerechnet, dass es wieder an die Luft geht. Unten im Parterre des Hauses nimmt Bruno die Hündin an die Leine und redet auf sie ein, unnötig laut.
"Komm schon her du Bestie, sonst kommt die böse Frau Krause und schlachtet dich mit einem Küchenmesser oder einem Hackebeil. Das hat sie schon ein paarmal mit anderen Hunden gemacht, kannste glauben."
Draußen vor der Haustür ist er zunächst unschlüssig, in welche Richtung er gehen soll. Ein Blick auf die gegenüberliegende Seite macht ihm klar, dass sein dort geparkter Subaru unbedingt mal wieder gewaschen werden muss. Zu lange schon wurde er nicht bewegt und entsprechend haben sich diverse Vögel auf ihm verewigt. Bruno greift in seine Jackentasche und holt den Autoschlüssel hervor. Lucie muss nach hinten, aber sie kennt das schon. Zwischen der Ladefläche des Kombis und dem Fahrgastraum ist ein stabiles Gitter installiert, dass ihr aber den Blickkontakt zu Bruno ermöglicht. Der steigt nun ebenfalls ein und ist froh, dass der Motor beim ersten Startversuch sofort anspringt.
Die schöne Parklücke, wer weiß wo ich nachher einen Platz finde. Vielleicht sollte ich doch mal das Angebot der Hausverwaltung annehmen und diesen Parkberechtigungsschein mieten…
Bruno fährt auf der Berliner Straße in Richtung Borsigwerke. Der einstige Maschinenbaukonzern, der zu seinen Glanzzeiten der weltweit zweitgrößte Hersteller von Lokomotiven war, ist trotz gegensätzlicher Beteuerungen der Verantwortlichen immer wieder verkauft, zerhackt, verkleinert, umorganisiert, umstrukturiert, wieder verkauft, nochmal zerhackt und umstrukturiert worden, bis er quasi nicht mehr bestand. Soweit Bruno weiß, gehören die nicht wiederzuerkennenden Reste einer asiatischen Firma, deren Eigner nicht mal ahnen, was sie da eigentlich an Industriehistorie übernommen haben, die nicht eines der unzähligen Schicksale der ehemals Beschäftigten kennen, die nicht wissen wie viele sich bei der Abwicklung daran bereichert haben und wie viele Steuern in Form von Fördermitteln dabei versenkt wurden. Wer weiß es überhaupt? Wer will es wissen?
Nach wie vor beeindruckend, das wunderschöne Borsigtor, an dem er jetzt vorüberfährt und der dahinter liegende Borsigturm, den er schon als Kind bewundert hat. Einmal, Mitte der 1960er Jahre, hat er eine der Werkhallen von innen gesehen. Er war Lehrling bei der AEG und musste Prüfungsunterlagen zur Ausbildungsabteilung der Firma Borsig bringen. Man hatte ihn ausgewählt, weil er aus Tegel kam. 'Da kennst du dich ja aus', hatte ihm der Meister mit auf den Weg gegeben. Die große Halle für die Lehrlingsausbildung kam ihm viel bombastischer vor, als die in der Holländer Straße, wo er seine Ausbildung absolvierte. Nur eines war für ihn absolut lächerlich, alle Werkzeugmaschinen waren rosa lackiert! Für ihn, Bruno, hatten solche Maschinen grün zu sein, vielleicht mal blau aber rosa? Kurz hinter dem Borsigtor schließt sich das ehemalige Kasinogebäude an, in dem schon seit Jahren die Polizei untergebracht ist, Polizeidirektion 1, Abschnitt 11.
Die müssten doch etwas wissen über die tote Frau, vielleicht sollte ich die mal fragen…, ich hätte ja sogar einen Grund, Lutz Strehlow, vielleicht hat ja der was damit zu tun. Wer ältere Männer umstößt, bringt vielleicht auch Frauen um… So, nun ist aber auch gut. Jetzt fahren wir erst mal zur Tanke…
Bruno zirkelt seinen Subaru in die Waschanlage und steckt dann die erworbene Karte für die 'Super Premium Pflegewäsche Gold' in den Schlitz des Steuergerätes. Es dauert fast sechs Minuten, bis er das superpremiumgoldgepflegte Auto wieder aus der Waschanlage herausfahren kann.
Naja, unter Premium verstehe ich was anderes, aber Hauptsache die Vogelscheiße ist runter.
Er stellt den Wagen in eine leere Parklücke und geht dann noch einmal zurück in das 'Shopping Center' der Tankstelle. Vorbei an Süßigkeiten und Minisalamitüten wendet er sich dem Zeitschriftenregal zu. Er blättert einige der Tagezeitungen schnell durch und stellt fest, dass keine der am heutigen Montag erscheinenden Blätter mehr zu berichten hat, als er ohnehin schon weiß. Offensichtlich arbeiten Journalisten am Sonntag auch nur mit Notbesetzung und gegen Abend gar nicht mehr.
Wie ist das überhaupt mit den Zeitungen? Gestern Sonntag, heute Feiertag, also dann bis morgen warten oder heute Abend die Regionalnachrichten. Bin neugierig, ob ich eventuell Zeuge bin. Schließlich wurde ich auch fast umgebracht, womöglich ein Massenmörder, ein Amokläufer…
Bruno erlebt eines der seltenen Wunder in Berlin, sein Parkplatz ist noch frei. Er stellt den Subaru genau dort wieder ein, wo er ihn vorhin weggeholt hat. Doch dann fällt er eine rationale Entscheidung.
Nee, nee, dann siehst du gleich wieder so aus wie heute Morgen.
Er startet den Motor erneut und verwirrt damit seine Freundin Lucie, die für sich findet, dass ihre Geduld lange genug angehalten hat. Mit einem empörten Hundesprachen-Mix aus 'Mann, wat is denn nu?' und 'Ich habe Hunger!' und 'Ich muss mal!' gibt sie Bruno deutlich zu verstehen, dass er sich jetzt um sie zu kümmern hat, um niemanden sonst. Der fährt noch einmal um die Ecke, Buddestraße, rechts rum, Veitstraße, dann überquert er die Berliner Straße, biegt in die Treskowstraße ein und findet in der Tat einen Parkplatz. Kein Baum vor und keiner hinter ihm, für das Auto vielleicht angenehm, für Lucie hingegen… Dafür revanchiert sich Bruno mit einem ausgedehnten Hundespaziergang, viel Grün, reichlich Bäume und letztlich sind sie wieder an der Greenwich-Promenade gelandet. Viele Menschen sind nicht unterwegs. Obwohl er es nicht geplant hat, stehen sie schließlich wieder vor der Sechserbrücke. Bruno steigt wie automatisiert eine Stufe nach der anderen nach oben, ohne sich klar zu sein, welche Art von Magnetismus ihn da anzieht. Vielleicht reine Neugierde, vielleicht auch das langsame Erwachen aus dem Detektivkoma? Es ist noch gar nicht so lange her, dass er den Nick Knatterton gegeben hat, auch mehr durch Zufall. Damals in den Tiroler Bergen kam er sich wirklich manchmal wie in einem Film vor, leider keine Heimatschnulze, eher eine Tragödie mit unglücklichem Ausgang für den Hauptdarsteller. Er weiß bis heute nicht, ob er damals wirklich den Richtigen ermittelt hat, dabei war es keine Lappalie, es ging immerhin um einen Doppelmord. Am Ende hat er auch noch die Frau verloren, die seine große Liebe war. Dachte er jedenfalls, damals.
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