Wird aber auch Zeit, Lucie wird sich sicher pünktlich melden…
Berlin, Montag, 03.10.2011
Und wie pünktlich sie sich meldet. Die Hündin hat den schmalen Türspalt zum Schlafzimmer so weit geöffnet, dass ihre Vorderpfoten und ihr Kopf hinein passen. So liegt sie nun, total unbequem, und versucht allein durch Hypnose ihren Herbergsvater zu wecken. Der hat nun dummerweise seiner Anvertrauten den Rücken zugewandt, also ist Hypnose die falsche Methode. Hilft nur Eskalationsstufe zwei, singen. Lucie beginnt mit leisem Winseln und steigert sich zu einer Art Vibrato, sozusagen Hundetremolo. Es ist nicht genau zu ermitteln, welche Passage des von Lucie vorgetragenen alten irischen Volksliedes Brunos Aufwachzentrum erreicht, jedenfalls sitzt er jetzt auf der Bettkante und brummt etwas in ihre Richtung. Sie deutet es als 'Ja ich komme gleich', zieht sich aus dem Türspalt zurück und tänzelt kurz darauf im Flur um den Garderobenständer, wo ihr Geschirr hängt. Man sagt ja Hunde hätten kein Zeitgefühl, aber Lucie hat eine volle Blase, von daher spielt die Zeit eine wesentliche Rolle, auf den Punkt gebracht: Notfall!
Bruno schleicht ins Bad und schaut kurz in den Spiegel, so kurz, kürzer geht's nicht.
Also um eine OP komme ich wohl nicht herum. Das wird ja wieder kosten…
Als er wieder in den Flur tritt, hat er seinen Jogginganzug an, der übrigens noch nicht einen Meter Joggingtempo an Brunos Körper erleben durfte, immer nur Schrittgeschwindigkeit. Er streift sich die Jacke über, setzt seine Tirolmütze auf und steigt in die durchlöcherten Gummiclogs. Als er mit Lucie endlich die Straße betritt, hat er enorme Mühe die Hündin zu halten. Sie wählt den kürzesten Weg zu ihrer Linde, der sie auch gestern Abend noch einen Besuch abgestattet hat. Bruno steht abwesend daneben und erwacht erst wieder, als Lucie durch ihre Körperhaltung andeutet, dass sie nicht nur das Wasser zwickt.
"Nee, mein Täubchen, das bewahre dir man noch auf. Du weißt doch, wo dein Hundeklo ist."
Er braucht nur etwas an der Leine zu ziehen und die Hundedame versteht, schließlich weiß sie, was sich gehört. Bruno geht für seine Verhältnisse ziemlich schnell Richtung S-Bahnhof. Schon nach wenigen Schritten spürt er den Schweiß auf der Stirn. Für die Jahreszeit ist es immer noch sehr mild, und selbst um diese frühe Morgenstunde atmet die Stadt schon mühsam die feuchte Wärme aus. Der bleigraue Himmel verstärkt noch das Gefühl der Schwüle.
Seltsam, dass man sich immer etwas anderes wünscht, als man gerade erlebt. Ist es warm, wünscht man sich Abkühlung und ist es kühl, soll die Sonne scheinen. Wahrscheinlich hängt es mit der Rationalität des Menschen zusammen. Um diese Uhrzeit hat es kühl zu sein, erst recht im Oktober!
Bruno hat den kleinen Grünbereich am Buddeplatz erreicht, der kaum noch von den Menschen als Erholungsraum genutzt wird. Er zieht sich aus einem der dafür vorgesehenen Ständer einen Plastikbeutel und steht Lucie hilfreich bei der Erledigung ihres Geschäftes zur Seite. Nach der Entsorgung setzt sich Bruno auf eine der alten Parkbänke und betrachtet den gegenüberliegenden Bahnhofsvorplatz, der in goldgelbes Oktoberlicht getaucht ist. Oft hat er hier als Kind gesessen und mit Spannung verfolgt, wie die Angehörigen der französischen Besatzungsmacht ankamen oder wegfuhren. Lange Züge mit Waggons für die Soldaten und den Schwerlastwagen für die Militärfahrzeuge. Manchmal fuhren die französischen Panzer mit Höllenlärm durch die Berliner Straße, man musste sich die Ohren zuhalten.
Ich glaube damals ist meine Abneigung gegen das Militär entstanden, obwohl ich bestimmt noch gar nichts von den Zusammenhängen verstanden habe. Und dann die hilflosen Versuche unseres Geschichtslehrers, uns den Wandel der ehemaligen Kriegsgegner zu Freunden der Berliner, nein nur Westberliner, begreiflich zu machen. Herr Rohde, ich habe es nie verstanden. Aus dem bösen Großdeutschen Reich war plötzlich ein zweigeteiltes Land geworden, in dem all die Guten auf der einen Seite der Grenze lebten und die Bösen auf der anderen, da hätte es ja eigentlich vorher eine Völkerwanderung geben müssen. Und komisch, je nach dem auf welcher Seite man sich befand, man selbst gehörte zu den Guten, und die Bösen waren immer drüben. Und wenn man weiterspinnt, bei den Einwohnerzahlen der beiden deutschen Teilstaaten hätte es ja eine überwältigende Mehrheit an guten Deutschen während der Nazizeit geben müssen… Wenn das mal stimmt.
Bruno spürt, wie er sich gedanklich geradewegs in Richtung Schlechte Laune bewegt. Also gibt er sich einen Ruck, wobei Ruck wohl etwas übertrieben ist. Der Griff nach der Hundeleine ist für Lucie das Signal ebenfalls aufzustehen und ihrem Freund zu folgen.
"Komm Lucie, wir müssen noch ein wenig einkaufen, sonst gibt es kein Frühstück."
Wenig später stehen sie vor einem Supermarkt. Betreten können sie ihn allerdings nicht, geschlossen. Überhaupt, es ist auch so wenig los auf den Straßen.
Ach du lieber Himmel, heute ist ja Feiertag. Mensch, das habe ich ja völlig verschlafen, aber so ist das, wenn man im Ruhestand ist. Kann ich nur hoffen, dass mein Türke auf hat.
Der Kiosk von Ünal hat auf, wie eigentlich immer. Das hat jetzt aber nichts damit zu tun, dass Ünal den Tag der Deutschen Einheit nicht achtet. Er ist hier geboren und hat sich 1989 genauso gefreut, wie die meisten anderen Berliner. Aber er ist eben auch Türke und hat noch nie verstanden, weshalb er denn am Sonntag den Laden geschlossen halten sollte. Im Laufe der Jahre hat er gemerkt, dass immer mehr Anwohner sein Angebot dankbar angenommen haben, und so hat er es immer mehr erweitert. Aus dem ehemaligen Zeitungskiosk, mit Zigaretten und Süßigkeiten ist ein Minimarkt geworden, der quasi alles vorrätig hält, was der Normalbürger zum Leben braucht, Brötchen, Milch, Kaffee, Bier, Wein, Wurst und Käse, sogar frisches Obst und Gemüse.
Zurück im Haus hat Bruno Lucie von der Leine gelassen und die Hündin spielt nun ihre Jugend aus, ist natürlich viel früher an der Wohnungstür als er, der doch etwas aus der Puste geraten ist.
"Gib bloß nicht so an, du hast ja auch doppelt so viele Beine. Außerdem muss ich auch unser Frühstück schleppen."
In der Wohnung ist es angenehm kühl und Bruno hängt seine Jacke und die Mütze an die Garderobe. Nachdem er die weichen Gummilatschen gegen seine normalen Hausschuhe getauscht hat, geht er in die Küche und stellt die Einkaufstüte auf die Arbeitsplatte neben der Spüle. Nun ist so eine Plastiktasche kein festes, sondern ein weiches, nachgiebiges Teil, das zwar stabil hängen aber nicht stabil stehen kann. Logische Folge: fast der gesamte Inhalt rutscht aus der Tasche in die Spüle, Brötchentüte, Fleischsalat, Butter, Kaffeepads, auch die Zeitung, die sich sofort mit einer schon lauernden Wasserlache vollsaugt.
"Na Klasse, der Tag ist meiner. Eine Meisterleistung deutscher Ingenieurskunst. Den Unterschied zwischen Stabil und Labil habe ich mal gelernt, Lucie. Guck mal, nur deine Leckerli sind in der Tasche geblieben, ist doch alles gut, oder?"
Es braucht ein paar Augenblicke, bis die Ordnung wieder hergestellt ist, aber endlich sitzt Bruno am Küchentisch, hat den trockenen Teil der Zeitung aufgeschlagen und schlürft genüsslich den heißen schwarzen Kaffee. Lucie sitzt zu seinen Füßen und knabbert an irgendwelchen knochenharten Keksen mit Fleischaroma herum.
"Lutschen Lucie, nicht knacken! Hat meine Mutter zu mir auch immer gesagt."
Lucie arbeitet weiter und die entstehenden Geräusche lassen sich nicht eindeutig zuordnen. Ist nun der Keks gebrochen oder ein Zahn? Im Radio verwirklicht sich gerade eine Nachwuchsmoderatorin durch das Abspielen ihrer liebsten Hits, natürlich amerikanischer Massenpop, bis auf eine Ausnahme, da will jemand die Welt retten und das auf Deutsch. Wenn das mal gut geht. Bruno wirft einen Blick auf die Uhr, kurz vor Zehn.
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