Außerdem hast du garantiert gar keinen Sohn! Welcher Mann würde sich das mit dir antun?
Bevor Bruno die Haustür öffnet, angelt er nach der Leine. Zumindest auf dem Weg bis zur Seepromenade kann er Lucie nicht frei laufen lassen. Auf der Straße empfängt beide eine fast sommerliche Wärme, obwohl es Oktober ist und die Dämmerung schon eingesetzt hat. Bruno bedauert, dass er die warme Jacke gewählt hat. In seiner Wohnung hat er nicht viel von dem herrlichen Altweibersommertag bemerkt. Seitdem der Altbau komplett saniert wurde, ist es an heißen Tagen drinnen angenehm kühl, und im Winter braucht er keine dicken Pullover mehr, um es auf der Couch auszuhalten. Und wie lange hat das gedauert, bis endlich alle Wohnungseigentümer mit der Investition einverstanden waren. Bruno hat damals seine ganze Ingenieurskompetenz einbringen müssen, hat Berechnungen angestellt, anhand derer man sehen konnte, nach welcher Zeit die Kosten durch Einsparungen wieder kompensiert werden. Dabei wusste er natürlich ganz genau, wie fragwürdig solche sogenannten Wirtschaftlichkeitsrechnungen sind. Die anderen Wohnungseigentümer waren aber beeindruckt und nur dadurch ist es zu einer positiven Entscheidung gekommen. Jetzt sind alle froh und bis auf Frau Krause, die allerdings auch nur zur Miete wohnt, sind alle anderen Hausbewohner ausgesprochen freundlich, wenn sie Bruno über den Weg laufen.
Sie erreichen die Berliner Straße, den Tegeler Boulevard. Die Straße ist für die Uhrzeit noch recht belebt, obwohl die Geschäfte geschlossen sind. An der Ecke Alt-Tegel wechselt er die Straßenseite, um dann Richtung Seepromenade zu schlendern. Scheinbar ist soeben eine U-Bahn in die Endstation eingefahren, jedenfalls strömen plötzlich viele Menschen aus den Zugängen zur Linie 6. Wie oft ist er früher hiermit gefahren? Zur Oma, zur Freundin, zum Studium und später zur Arbeit. Bevor die U-Bahn Ende der 1950er Jahre nach Tegel kam, fuhr hier die Straßenbahn. Bruno kann sich noch erinnern, wie sie quietschend um die Ecke kam, um dann hier zu halten, ziemlich genau da, wo er jetzt gerade mit Lucie steht, Linie 41. Das große Textilkaufhaus gab es damals noch nicht. Irgendwann nach dem Mauerbau setzte das große Straßenbahnsterben ein. Mit aller Macht wurde der Verkehr auf die Buslinien und zunehmend auf die U-Bahn verlagert. Außerdem riefen Politiker, Medien und nicht zuletzt die Gewerkschaften die Westberliner Bevölkerung nach dem 13. August 1961 zum S-Bahn-Boykott auf. Schließlich war der Betreiber der S-Bahn die Deutsche Reichsbahn, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein DDR-Unternehmen war. Offizieller Hauptgrund, man wollte der DDR keine Devisen mehr zukommen lassen, denn auf den Westberliner Bahnhöfen musste der Fahrpreis in harter Westwährung bezahlt werden. Die Folge, man sah seit dem nur noch fast leere Geisterzüge durch die Stadt fahren, obwohl die S-Bahn aufgrund ihres Schienennetzes und der günstigen Fahrpreise das bis dahin am häufigsten benutzte öffentliche Verkehrsmittel der Berliner war. Die wenigen Fahrgäste, die weiterhin die S-Bahn benutzten, weil sie nicht anders konnten oder wollten, wurden nicht selten übel beschimpft.
Um die fehlende Beförderungskapazität einigermaßen zu kompensieren, wurden neue Buslinien installiert und fehlende Busse wurden von westdeutschen Verkehrsbetrieben solidarisch zur Verfügung gestellt. Überhaupt Solidarität, ein großes Wort damals, aber Bruno verstand es nicht. Überhaupt verstand er damals so vieles nicht, aber er war ja auch erst dreizehn, als das alles passierte und es ist inzwischen fünfzig Jahre her.
Manchmal ertappt er seine Erinnerungen auch dabei, dass sie ihm etwas vormachen, dass sie verfälschen, oft geschönte Geschichten ins Gedächtnis rufen. Sei es drum, heute fahren wieder alle Berliner mit der S-Bahn, wenn sie denn fährt und nicht durch technische Probleme ausfällt. Und es sind sogar auch im Westteil der Stadt wieder Straßenbahnlinien reaktiviert worden. Bruno empfindet es als Attraktion, mit der Tram mitten durch die Stadt zu fahren, nur bedauert er, dass es keine Schaffner mehr gibt. Wie schön war doch der Klingellaut, wenn der Schaffner an diesem Lederriemen zog und dem Fahrer signalisierte: Fahr los.
Bruno will die Treskowstraße passieren, aber Lucie hindert ihn mit aller Kraft daran weiterzugehen, zu verlockend sind die Gerüche, die ein Kiosk an der Ecke verbreitet. Mehrere Menschen stehen an weißen Bistrotischen und verzehren Bratwurst oder Currywurst oder Pommes Frites oder alles zusammen. Drei ältere Männer trinken Bier aus der Flasche und reden, na über was wohl, natürlich Fußball. Bruno hat mitbekommen, dass Hertha gestern 3:0 gegen Köln gewonnen hat, aber scheinbar ist das den Männern zu wenig, jedenfalls lässt die Stimmung nicht auf viel Freude schließen.
Vielleicht haben sie einfach schon zu viel Bier im Kopf. Jetzt können wir auch noch einen kleinen Abstecher über die Brunowstraße machen.
"Ist ja gut, Lucie, wir gehen hier lang. Da zeige ich dir mal, wo ich zur Schule gegangen bin. Franz-Marc-Grundschule, sagt dir wohl nichts, wie? Hast du schon mal ein blaues Pferd gesehen?"
Bruno zieht etwas energischer an der Leine, und Lucie reißt sich widerwillig von den kulinarischen Gerüchen los. Gegenüber dem roten Klinkerbau von Brunos alter Schule sticht die Schulstraße auf die Treskowstraße aber Bruno geht weiter bis zur nächsten Querstraße.
"Als Junge habe ich immer damit angegeben, dass diese Straße nach mir benannt ist. Hat mir natürlich keiner geglaubt, aber dass diese Straße und der nachfolgende Platz zwar Bruno gesprochen werden aber eben Brunow, mit W am Ende geschrieben, das hat keiner gemerkt. Kannst du mal sehen, Lucie, so dumm sind Menschen."
Am Brunowplatz angekommen wechseln sie wieder die Straßenseite und laufen über den Medebacher Weg zurück Richtung Alt-Tegel. An der Ecke biegen sie links ab und steuern nun direkt auf den alten Dorfanger mit der evangelischen Kirche zu.
"Siehst du Lucie, hier bin ich getauft und konfirmiert worden. Besonders die Konfirmation war damals ganz wichtig in meinem Leben. Da gab es die große Feier und es gab Geldgeschenke. Das erste Mal in meinem Leben besaß ich mehr als zweihundert Mark. Und ich war mit deinem Herrchen zusammen im Konfirmationsunterricht, wusstest du das Lucie?"
Lucie läuft jetzt wie von allein. Sie hat erkannt, dass ihr Zuhause nicht mehr weit entfernt ist. Sie kreuzen den Eisenhammerweg und die Wilkestraße.
"Nein Lucie, wir wollen nicht zu Harry, der ist gar nicht da. Komm jetzt. Gleich kann ich dich von der Leine lassen, auch wenn es verboten ist aber um diese Zeit..."
Die Hündin ist zwar etwas verwirrt, weil es nicht in Richtung Heimat geht, aber sie folgt doch willig, und dann haben sie die Greenwich-Promenade erreicht. Vor ihnen liegen einige Fahrgastschiffe, fest vertäut an ihren Anlegern. Sicher haben sie heute bei dem herrlichen Sommerwetter nochmal einen Riesenansturm zu bewältigen gehabt. Die Sonne ist jetzt ganz verschwunden und der See liegt dunkel vor ihnen. Bruno glaubt auf dem Wasser ein Ruderboot zu erkennen.
Vielleicht ein Angler? Hätte ich auch mal wieder Lust zu, aber alleine? Wenn Harry wieder da ist, muss ich ihn mal fragen…, wo habe ich überhaupt mein ganzes Angelzeug?
Bruno hat Lucie inzwischen die Freiheit geschenkt. Sie bleibt aber immer in seiner Nähe, schnüffelt mal hier, mal da und schaut alle paar Sekunden in seine Richtung. Er weiß, dass sie im Dunkeln Schiss hat aber irgendwie reizt es eben doch, die ganzen Bäume und Büsche einem Riechtest zu unterziehen. Außerdem hat sie einen Beschützer dabei.
"Komm Lucie, wir gehen noch eben über die Sechserbrücke und dann langsam zurück nach Hause."
Sie gehen weiter an der Promenade entlang, und sind scheinbar die Einzigen, die hier noch unterwegs sind. Die Laternen spenden ihr spärliches Licht, aber Bruno kennt sich aus, und nachdem sie den Minigolfplatz links liegen lassen, steigen sie die Stufen der Tegeler Hafenbrücke, die von allen aber nur Sechserbrücke genannt wird, empor.
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