„Wie oft muss ich eigentlich sagen, dass diese Tür immer verschlossen werden muss“, rief Kyra ins Innere des Kellers. Schon erleuchtete ihre Lampe das Gesicht des Übeltäters. Oder vielmehr dessen Hinterseite. Es war ein Junge mit leuchtend roten Haaren. Seine Kleider wirkten mit ihren grellen Grün- und Blautönen hier unten völlig fehl am Platz. Nun fuhr der Junge herum. Er war ein wenig mollig und starrte sie aus großen braunen Augen an wie ein Reh im Scheinwerferlicht.
„Nun“, sagte Kyra. Ihr Zorn schien abgeflaut. „Hatte ich Euch nicht gebeten, den Schlüssel nicht mehr zu benutzen?“
Der Junge schwieg verschämt. In seiner Hand lag ein großes Stück Wurst das er offenbar gestohlen hatte.
„Verzeiht“, murmelte er und schob sich in ihre Richtung.
„Das Mittagessen ist bald fertig“, sagte Kyra und machte ihm den Weg frei. Der Junge stob an ihnen vorbei und polterte die Treppe hinauf. Im Vorbeigehen sah Jessy, dass sein Gesicht blutrot angelaufen war.
„Ein Wurstdieb?“
„Albin Tabassum. Er ist einer der Söhne aus dem Kronrat. Ein armer Tropf, sein Vater ist ein Untier. Ich erwische ihn häufig dabei, dass er Essen stielt. Wohl sein einziger Trost.“
Jessy verstand. Kyra konnte diesen Jungen, der rangmäßig so weit über ihr stand natürlich nicht ausschimpfen. Während sie nun Speckschwarten und Äpfel in Jessys Korb lud, plauderte sie weiter.
„Im Gegensatz zur Königsgarde muss man sich nicht besonders auszeichnen um in den Kronrat zu kommen. Die Sitze werden vom Vater auf den Sohn vererbt. Die Söhne gehen in die Kriegerausbildung und sitzen danach einige Jahre als Beobachter im Rat, bis ihre alten Herren den Platz frei machen. Dann übernehmen sie deren Aufgaben. Der König schart altes, adliges Blut um sich, wo ihm doch ein wenig frische Gedanken gar nicht schaden würden.“
„Ich hörte, alle Hoffnung ruht dabei auf dem sagenhaften Prinz Tychon.“
Kyra lächelte. „Die Mädchen schwätzen gerne über ihn. Aber bevor es soweit ist, wird er noch viele Kämpfe auszustehen haben.“
Sie hob ihren eigenen Korb hoch und ging zur Tür. „Komm, wir müssen das Essen servieren. Danach gibt es auch für uns das Mittagessen.“
„Halleluja“, murmelte Jessy, deren Magen vernehmlich knurrte.
Nach dem Essen gewährte Kyra ihr ein wenig Freizeit und Jessy war zutiefst dankbar dafür. Ihr Kopf schwirrte vor Informationen, die sie heute gesammelt hatte. Ihr Fuß tat wegen der ständigen Belastung wieder etwas mehr weh und sie fühlte sich müde. Instinktiv suchte sie wieder den Pferdestall auf – ein Ort tiefer Ruhe und Friedlichkeit. Und das obwohl sie dort von dem unheimlichen Rheys aufgegriffen worden war. War dieser Mann tatsächlich der beste Freund und engste Berater des netten Prinzen, den alle so liebten? Sie konnte es sich kaum vorstellen.
An diesem Tag war es sogar noch heißer als gestern und im Stall stand die Luft still. Das Summen der Fliegen und die dösenden Pferde, die kaum auf Jessys Eintreten reagierten, verstärkten den Eindruck, alles hier befände sich im verdienten Mittagsschlaf.
Nach dem üppigen Mittagessen, das man den Hochwohlgeborenen in der großen Halle servierte, zogen diese sich zur Ruhe zurück. In dieser Zeit hatten die meisten Diener auch ein paar freie Stunden. Die meisten von ihnen waren seit dem Morgengrauen an der Arbeit und hatten sich ein Päuschen in Jessys Augen mehr als verdient. Aber niemand schien unzufrieden mit seiner Tätigkeit, beschwerte sich über Stress und Überstunden oder ungerechte Behandlung. Vielmehr wirkten alle Menschen, mit denen Jessy bisher zu tun gehabt hatte, sehr zufrieden mit ihrem Dasein in dieser Burg.
Westland war ein friedliches Land mit viel Landwirtschaft, soviel hatte sie heute erfahren. König Bairtliméad war beliebt, aber schon in die Jahre gekommen. Alles lief hier einen ruhigen Gang. Vor zehn oder fünfzehn Jahren hatte es einen Krieg gegeben, über den aber niemand genau Auskunft geben wollte oder konnte. Jessy wollte jedoch nicht drängen. Auf keinen Fall sollte noch jemand auf die Idee kommen, sie sei eine gefährliche Spionin.
Und trotzdem fragte sie sich, wie die aufgebrachte Stimmung des Prinzen, die sie im Stall klar und deutlich vernommen hatte, in dieses idyllische Bild eines glücklichen Königreiches passte. Irgendetwas hier lief also doch nicht so reibungslos. Aber darüber konnten ihr die Dienstboten natürlich nichts sagen.
Während ihrer Überlegungen spukte Jessy immer wieder das Wort Magie durch den Kopf, das die Menschen in große Unruhe versetzte, wann immer es jemand aussprach. Sie hatte verschiedenste Vorstellungen davon, was damit gemeint sein könnte, von Harry Potter bis hin zur wahrsagenden Zigeunerin. Am wahrscheinlichsten aber erschien ihr das Bild von Hexenverfolgung, Folter und Scheiterhaufen. Es passte in diese Welt und sie hoffte inständig, dass sie sich damit täuschte.
Eine leise Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie hatte sich auf einem kleinen Hocker neben einer Boxentür niedergelassen und das verletzte Bein ausgestreckt. Jetzt hörte sie, dass in der Nähe jemand sprach, eine Frau. Tu es nicht schon wieder, mahnte Jessy sich selbst. Geh einfach raus.
Doch es half nichts, sie war zu neugierig. Diesmal aber würde sie sich nicht anschleichen, sondern erhob sich und ging auf die junge Frau zu, die neben einer kleinen weißen Stute stand und liebevoll auf diese einredete. Beim Näherkommen sah Jessy, dass es ein Mädchen war, sehr hübsch mit hüftlangem weißblondem Haar, für das man in ihrer Welt ein Vermögen beim Friseur ausgegeben hätte. Die Kleine trug ein edles blaues Kleid mit Stickerei, das perfekt ihre zierliche Figur umschmeichelte. Als sie Jessy kommen hörte, sah sie auf.
„Das ist ein schönes Pferd“, sagte Jessy und lächelte freundlich. Diese junge Dame gehörte offensichtlich zur Oberschicht und hatte vielleicht eine andere Sicht auf die Dinge, als die Dienstboten.
„Ja, sie gehört … meiner Herrin“, sagte das Mädchen. „Ich bin eine Hofdame der Prinzessin.“
„Solltest du dann nicht drin sein und Sticken oder so was?“ fragte Jessy. Das Mädchen lachte.
„Ja, das sollte ich wohl. Aber um ehrlich zu sein, ich hasse es. Nichts ist schlimmer, als den ganzen Tag dort drinnen eingesperrt zu sein. Es ist so langweilig. Und seit meine Herrin eine richtige Dame ist, können wir auch nicht mehr ausreiten.“
„Ich habe gehört, sie übt das Kämpfen mit den Stallburschen.“
„Oh ja“, sagte das Mädchen eifrig. „Sie ist wirklich eine Kriegerin. Prinz Tychon, ihr Bruder, hat ihr alles beigebracht. Sie könnte jederzeit in eine Schlacht ziehen.“
Die Begeisterung für die Königskinder durchdrang hier wohl jeden Stand.
„Wer bist du, ich habe dich noch nie in der Burg gesehen“, fragte das Mädchen nun und musterte Jessy neugierig.
„Ich bin neu hier, ich komme von weit her und suchte Arbeit. Ich heiße Jessy.“
„Mein Name ist Ami. Ich wurde hier geboren. Und bleibe wohl auch für immer hier“, sagte das Mädchen bitter.
„Die Prinzessin habe ich noch nicht gesehen. Wie ist sie so?“
Ami errötete ganz bezaubernd und Jessy ahnte, dass sie dieser Prinzessin bereits ziemlich nahe gekommen war. Gedankenverloren streichelte das Mädchen über die seidige Mähne des Pferdes.
„Alle sehen in ihr nur eine schöne Puppe, einen Gegenstand, über den man bestimmen kann.“
Ihre Bewegungen wurden energischer bei diesen Worten.
„Aber in ihr steckt viel mehr, als alle ahnen. Doch niemanden interessiert, was sie zu sagen hat. Und jetzt wollen sie auch noch einen Ehemann für sie aussuchen.“
„Vielleicht ist er sehr nett“, meinte Jessy. „Der König wird für seine Tochter doch keine Ehe arrangieren, in der sie unglücklich ist.“
Ami seufzte. „Nein, wahrscheinlich nicht. Aber leider wird sie in jeder Ehe unglücklich sein. Da ist sie sich ganz sicher. Hast du einen Mann?“
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