Mittlerweile war Jessy sicher, dass sie nicht träumte und nicht ins Koma gefallen war. Alles hier war real, sie spürte die Sonnenhitze und den schwächer werdenden Schmerz in ihrem Fuß. Sie roch den Staub, die Tiere und den Duft von frischem Brot in der Luft. Sie hörte Schwalben unter den Dachbalken der Ställe zwitschern und manchmal erklang aus einem Fenster Gelächter. Es konnte einfach kein Traum sein. Aber sobald sie sich bemühte, eine Erklärung zu finden, wurde ihr schwindelig. Ihr Geist konnte nicht erfassen, dass so etwas tatsächlich möglich war. In eine andere Dimension zu fallen, das war Science Fiction, es war einfach nicht machbar. Und doch war sie hier, hatte einen vollen Bauch und fühlte sich entspannt durch das kühle Bier. In Geschichte kannte sie sich ein wenig aus und konnte diese Orte, Westland mit seiner Hauptstadt Ovesta, nicht einordnen. Aber man verstand ihre Sprache und dafür war sie sehr dankbar. Sie war also nicht durch die Zeit gereist, sondern war tatsächlich in einer anderen Welt gelandet. Was für ein Albtraum. Lief zuhause die Zeit weiter? Wann würden sie merken, dass sie fort war? Ihre Mutter würde wahnsinnig werden vor Sorge, es würde Suchtrupps und Polizei geben. Jessy schmerzte der Gedanke an die Ängste, die sie ausstehen musste.
Dabei war sie hier in relativer Sicherheit. Das redete sie sich zumindest erst einmal ein. Sie wollte sich nicht fürchten, das würde sie nur blockieren und sie wollte sich auf keinen Fall wie ein panisches kleines Mädchen verhalten. Dann würde sie nur Fehler machen. Sie war immerhin eine erwachsene Frau.
Diese Menschen hatten sie freundlich aufgenommen und sie wollte ihnen instinktiv vertrauen. Am besten war es wohl, wenn sie sich erst einmal ruhig und unauffällig verhielt. Der erste Schritt war schon einmal gemacht, denn sie trug ein langes Kleid aus sauberem, hellbraunem Leinenstoff, darüber ein weiches Mieder. Soweit sie das erkennen konnte, stand es ihr auch ganz gut. Aber darauf kam es nun wirklich nicht an. Nur ihre Turnschuhe hatte sie angelassen, als wären sie ein Rettungsanker.
Sie würde Bosco bitten, sie zu dem Ort zurück zu bringen, wo er sie gefunden hatte. Nur dort, dessen war sie sich sicher, würde sie die Möglichkeit haben, zurück zu gehen. Vielleicht öffnete sich dieses Portal, oder was immer es war, noch einmal und sie konnte einfach hindurch schlüpfen.
Mach dich nicht lächerlich, so einfach wird es sicher nicht sein, wies sie sich im Stillen zurecht. Ihr rationales Denken funktionierte noch ganz normal, was sie enorm beruhigte.
Das Grübeln ließ Jessy unruhig werden und sie beschloss, in den Pferdestall zu gehen. Auch hier herrschte Ruhe, alles war aufgeräumt und ordentlich gefegt. Die Tiere standen in großen Verschlägen und die Sonne schien warm durch die Fenster herein. Jessy war keine Expertin, aber hier machte sich jemand etwas aus den Pferden. Sie waren wertvoller Besitz und einige von ihnen sahen aus wie sehr edle Schlachtrösser. Jessy schlenderte den langen Gang entlang und streichelte die weichen Nasen, die sich ihr neugierig entgegen streckten. Die friedliche Atmosphäre beruhigte sie, es roch nach Mist, Stroh und Leder. Der Staub tanzte im einfallenden Licht. Plötzlich hörte sie Männerstimmen und beschloss, sich zu verstecken. Sie wollte nicht auf jemanden treffen, dem sie ihre Anwesenheit erklären musste. Durfte sie sich hier überhaupt aufhalten?
Eilig schlüpfte sie in eine leer stehende Box und hockte sich hinter einen Strohballen. Schwere Schritte näherten sich und stoppten ganz in ihrer Nähe.
„Es macht mich wirklich wahnsinnig!“ Die Stimme klang jung und war voller Wut. „Ich weiß nicht, wie lange ich diese Engstirnigkeit noch ertragen kann. Sehen sie denn nicht, dass etwas getan werden muss?“
Der andere Mann sprach sehr ruhig, seine Stimme war dunkel. „Du weißt, dass sie nicht an das Wohl des Landes denken sondern nur an ihre Börsen.“
„Aber Vater muss es doch anders sehen! Morian behandelt ihn wie einen dummen Greis, es ist abstoßend.“
„Mir gefällt es auch nicht, glaube mir.“
„Vater muss mich gehen lassen. Wir müssen all dem endlich auf den Grund gehen. Die Menschen sind in Gefahr, es hat immerhin schon Verletzte gegeben.“
„Denkst du, es ist Magie im Spiel?“
Jessy stockte der Atem. Magie? Das auch noch? Sie war zu neugierig, um ruhig zu bleiben und kroch zur Bretterwand der Box hinüber um hinaus zu sehen. Dort standen zwei Männer, der eine war schlank und sah mit seinem sonnengebräunten Gesicht und dem schulterlangen blonden Haar aus wie ein Filmstar. Seine Kleider waren kostbar bestickt und eine goldene Kette hing auf seiner Brust. Der andere stand mit dem Rücken zu ihr, aber er trug die gleiche Uniform wie Bosco, schwarze Hose, graues Hemd, schwarzer Brustharnisch. An seiner Seite hing ein beeindruckend langes Schwert.
„Was weiß ich schon“, sagte der Soldat. „Aber wenn ja, dann sollten wir hier sein und wenn nötig zu den Waffen greifen.“
„Du denkst immer gleich das Schlimmste. Wir werden jedenfalls nichts erfahren, so lange wir hier sitzen und uns mit den dummen Querelen der Kronräte herumschlagen, die für das Land völlig unerheblich sind. Wir müssen uns auf den Weg nach Samatuska machen.“
„Das ist irrsinnig, Tychon. Viel zu gefährlich. Dein Vater wird dich niemals gehen lassen und ich stimme ihm da vollkommen zu.“
„Komm schon.“ Jessy sah den jungen Mann grinsen. Er hatte ein hübsches Gesicht und ein strahlend weißes Lächeln.
„Hättest du nicht ein wenig Lust auf ein Abenteuer? Bosco bestimmt und auch die anderen.“
„Hör auf so zu reden wie ein kleiner Junge“, wies ihn der andere zurecht. „Darauf kommt es überhaupt nicht an. Deine Sicherheit…“
In diesem Moment gab Jessys verletzter Fuß nach und sie stolperte direkt in die Stallgasse. Der Schmerz tobte in ihrem Gelenk und Tränen verschleierten ihren Blick. Grob wurde sie am Arm gepackt und auf die Füße gezogen. Sie starrte in das zornige Gesicht des Soldaten. Seine Augen waren durchscheinend hell und bohrten sich förmlich in sie hinein.
„Wer bist du? Was hast du hier verloren? Hast du gelauscht?“ fuhr er sie an.
„Rheys, beruhige dich“, sagte der Blonde.
Jessy schlug das Herz bis zum Hals, nun rollte die Angst über sie hinweg wie eine Woge. Der Mann schüttelte sie, weil sie nicht antwortete und das versetzte sie nur noch mehr in Panik.
„Bosco“, stieß sie hervor. „Ich gehöre zu Bosco.“
„Unsinn, das wüsste ich. Rede schon, wer hat dich geschickt?“
„Wirklich, es ist wahr. Er hat mich im Wald aufgelesen.“
Er starrte sie aus zusammengekniffenen Augen an. „Tatsächlich. Dann lass uns gehen und ihn fragen.“
Mit diesen Worten schleppte er sie, ohne auf ihre Schmerzensschreie zur hören aus dem Stall.
„Warte, warte, mein Fuß“, rief sie, doch er reagierte gar nicht darauf. Nun erwachte in Jessy doch der Zorn. Noch niemals hatte jemand sie so gepackt und so rücksichtslos behandelt.
„Lass mich los, du Idiot!“
Er schleifte sie quer über den Hof zu dem Turm, aus dem Bosco – zum Glück – gerade herauskam.
„Bosco, sag diesem Kerl, er soll mich loslassen!“ keifte sie.
„Oh nein“, murmelte Bosco mit einem Seufzen. „Das musste ja passieren. Lass sie los, Rheys, sie ist in Ordnung.“
An einem langen Tisch im Schatten des Turms saßen noch andere Männer, die belustigt verfolgten, was geschah. Aber niemand sagte ein Wort. Mit diesem Rheys war offenbar nicht zu spaßen.
„Also ist es wahr?“ raunzte er. „Hast du sie her gebracht? Wer ist sie?“
„Ihr Name ist Jessy. Sie hat sich verlaufen. Sie ist wirklich ungefährlich, Mann.“
„Sie hat mich und den Prinzen im Stall belauscht. Nennst du das ungefährlich?“
„Ich hatte keine Ahnung, dass ihr kommen würdet. Ich habe mir nur die Pferde angesehen. Ist das etwa verboten?“ fragte sie zornig.
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